Arzneimittel 06.02.2004, 18:28 Uhr

Auch Nischenplayer haben eine Chance

VDI nachrichten, Frankfurt, 6.2.04 -Der feindliche Versuch Sanofis, die Aventis zu übernehmen, beherrscht die Schlagzeilen. Doch wie sieht vor diesem Hintergrund die gesamte deutsche Pharmabranche aus? Wie geht“s weiter? Fragen an Gerrit Jost, Pharma-Analyst bei der ING-BHF-Bank.

VDI nachrichten: Ist die Auseinandersetzung um die Übernahme von Aventis durch Sanofi nur der Anfang einer Übernahmewelle oder Neustrukturierung?
Jost: Zweifelsohne haben wir in den letzten Jahren schon den Trend bei den großen Unternehmen gesehen, noch größer zu werden. Das liegt daran, dass in breiten Indikationen, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, immer mehr Marketingaufwendungen betrieben werden, mit dem Ziel, die Produkte effizienter auf breiter Basis zu vermarkten. Deshalb ist es nicht überraschend, dass die großen Unternehmen, die eben in diesen breiten Indikationen tätig sind, auch im Sinn haben, immer größer zu werden.
VDI nachrichten: Das wäre also der Hauptvorteil eines größeren Unternehmens?
Jost: In der Tat. Man muss allerdings auch bedenken, dass zur Erforschung eines Moleküls enorme Summen notwendig sind, und das trifft gerade kleinere Unternehmen in Deutschland. Insofern ist mit einer gewissen Größe auch die Möglichkeit gegeben, höhere Forschungsbudgets bereitzustellen, und entsprechend sind dann natürlich die Perspektiven in der Zukunft etwas stetiger, als das bei kleinen Unternehmen gegeben ist.
VDI nachrichten: Glauben Sie, dass die Motivation der forschenden Mitarbeiter unter solchen neuen Bedingungen leiden könnte?
Jost: In der Tat muss man natürlich die Frage stellen, ob bei Fusionen nicht erhebliche Integrationsprobleme auftauchen oder Reibungsverluste. Ich persönlich habe speziell im Hinblick auf die potenzielle Fusion von Aventis und Sanofi meine Bedenken, zumal gerade Aventis gerade erst aus mehreren Fusionen entstanden ist. Ich denke, Mitarbeiter, die mehrere Fusionen mitgemacht haben, die würden sich freuen, wenn sie mal einige Zeit ohne derlei Aktivitäten arbeiten könnten.
VDI nachrichten: Aber so eine Stabilität ist ja wohl in nächster Zeit nicht zu erwarten, selbst wenn Sanofi nicht zum Zuge kommt?
Jost: Das ist richtig. Die Diskussion wird weiterhin im Pharmamarkt bestehen bleiben. Allein durch die Tatsache, dass mehrere potenzielle andere Übernahmeinteressenten gehandelt werden, wie Novartis oder Glaxo SmithKline, dürfte die Unsicherheit auf Seiten der Mitarbeiter bestehen bleiben.
VDI nachrichten: Was haben wir da eigentlich noch zu erwarten? Wird es in zehn Jahren nur noch amerikanische Unternehmen geben, die auf dem Weltmarkt mitspielen?
Jost: Das ist natürlich sehr schwer zu prognostizieren, weil es davon abhängt, wie sich die einzelnen Gesundheitssysteme entwickeln. Ich glaube, dass wir in den nächsten zehn Jahren anstatt der bedeutendsten zwölf bis fünfzehn large-cap Pharmaunternehmen nur noch fünf bis sechs haben werden. Dabei werden aus kulturellen Aspekten zunächst wohl regionale Kombinationen bevorzugt. Und mittelfristig dürften dann auch so genannte transatlantische Merger an Bedeutung gewinnen, also eine US-europäische Konstellation, die wir in der Form in den vergangenen Jahren wegen der erwähnten kulturellen Aspekte noch nicht gesehen haben.
VDI nachrichten: Welche Rolle spielt die Politik beim Trend zu Fusionen?
Jost: Die Politik spielt in Europa eine sehr große Rolle. Wir haben ja im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten keine freien Preise, insofern haben die Unternehmen, die einen hohen Marktanteil in den USA vorweisen können, einen relativen Wettbewerbsvorteil gegenüber den hiesigen Unternehmen. Die permanenten Änderungen in den Gesundheitssystemen sind für die Pharmaunternehmen relativ schwer vorherzusehen, und sie sind mit einer Vielzahl von Änderungen konfrontiert. Insofern ist es einleuchtend, dass die Standortproblematik auch hier in der Öffentlichkeit breit diskutiert wird. Ich erwarte, dass die mittelständischen Unternehmen in Deutschland Probleme bekommen werden.
VDI nachrichten: Halten Sie diese Entwicklung zu mehr Größe für gesund?
Jost: Wenn man das mit anderen Branchen vergleicht, wird klar, dass Pharma zurzeit noch relativ fragmentiert ist und in irgendeiner Form nachziehen muss. Allerdings muss man fragen, ob das in dieser Form wie das aktuell vonstatten geht, geschehen muss. Ein gesunder Mittelweg ist sinnvoll, viele Unternehmen sollten ihre Strategie dahingehend überdenken, ob eine Fusion unbedingt notwendig ist. Es gibt genügend Beispiele, wo auch Nischenplayer ein relativ gutes Wachstum aufweisen können.B. SCHOLTES

 

Ein Beitrag von:

  • Brigitte Scholtes

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