Gesundheit 22.06.2007, 19:28 Uhr

„Arbeitswelt und Mensch harmonieren nicht“  

VDI nachrichten, Berlin, 22. 6. 07, ws – Die Zahl der Krankmeldungen in deutschen Betrieben ist rückläufig, die Zahl der psychisch erkrankten Mitarbeiter jedoch steigt in Relation dazu. Drang und Zwang zur Vollkommenheit setzen viele Menschen so unter Druck, dass Körper und Geist rebellieren.

Horst P. war 31, als er nach sechs Jahren erfolgreich sein Studium zum Elektroingenieur abschloss. Nun sollte es losgehen. Er hatte mit Frau und Kind ein eigenes kleines Haus am Stadtrand bezogen und schaute frohen Mutes in die Zukunft.

Was dann kam, war alles andere als das, was er sich vorgestellt hatte. Über Monate suchte er vergeblich nach einer Arbeitsstelle. Die Angst um die eigene Zukunft und die seiner Familie ließ ihn verzweifeln: „Depressionen, ausgelöst durch eine unkontrollierbare Angst um die persönliche Sicherheit, waren damals festzustellen“, erinnert sich Hansjürgen Schröter, Arzt und Psychotherapeut. „Ein Krankheitsbild, das in den letzten Jahren immer häufiger zu beobachten ist. Vor allem in Situationen, die mit Überforderung im Job und daraus resultierender Angst vor Arbeitslosigkeit zu tun haben.“

Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diesen Trend. Schon vor drei Jahren veröffentlichte Johannes Siegrist zwei Studien, die den Zusammenhang zwischen bedrohlichen Veränderungen im Erwerbsleben, körperlichen Beschwerden und Angst empirisch nachwiesen.

Gemeinsam mit Kollegen aus Belgien fand das Team um den Professor für Medizinische Soziologie an der Universität Düsseldorf bei anfänglich gesunden Angestellten, die von verschärfenden Arbeitsbelastungen betroffen waren, bereits nach zwölf Monaten dreimal so häufig ausgeprägte Angstzustände wie bei Angestellten, die davon verschont blieben.

„Psychische Erkrankungen sind eine Überforderungs-, eine Überlastungsreaktion des seelischen Organismus, bei denen die Selbstschutz-Mechanismen nicht mehr ausreichen und dekompensieren“, erklärt Schröter.

Der Psychotherapeut zieht einen einfachen Vergleich. „Das ist wie bei anderen Organismen, z. B. Körperzellen der Lunge, der Leber oder des Darms, die durch den wiederholten oder andauernden Einfluss giftiger, schädigender Umweltgifte die Belastung nicht verkraften und zu Krebs entarten.“

Auch Wolfgang Hien, Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler, kennt die Problematik. Er beschäftigt sich seit langem mit der Frage, inwieweit Persönlichkeitsfaktoren einerseits und arbeits- bzw. arbeitsmarktbezogene Belastungen andererseits schwere und zur Frühverrentung führende Depressionserkrankungen sowie Angst- und Reaktionsstörungen verursachen.

„Angeschlagene Menschen haben früher immer irgendwo ihren Platz im Unternehmen gefunden“, berichtet der Experte. So sei es akzeptiert gewesen, dass es „sensible“ oder „schwierige“ Mitarbeiter gab. In einer Arbeitswelt, die immer stärker rundum gesunde, rundum flexible und hoch widerstandsfähige Angestellte fordere, sei dafür kaum Platz. „Die Menschen sind nicht so“, meint Hien, „und deshalb passen die Arbeitswelt und die Menschen immer schlechter zusammen.“

Dem entgegenzusteuern hat sich das Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft e.V. in Saarbrücken zum Ziel gesetzt. Im Blickfeld ihres Projektes „LagO – Länger arbeiten in gesunden Organisationen“ stehen Tätigkeitsfelder, in denen die Arbeit körperlich oder psychisch anstrengend und der vorzeitige Berufsaustritt bislang die Regel ist.

Gemeinsam mit Unternehmen aus Industrie, Handel und öffentlichem Dienst werden in einem beteiligungsorientierten Prozess Konzepte und Maßnahmen entwickelt und erprobt, um die Gesundheit und die Beschäftigungsfähigkeit gerade auch älterer Mitarbeiter zu fördern.

„Arbeitsplatzgestaltung und Gesundheitsprogramme, Arbeitsorganisation, etwa im Sinne altersgemischter Teams, berufliche Entwicklungsplanung, Leistungsregulierung und Gestaltung der Arbeitszeit oder auch Führungsverhalten und Unternehmenskultur – all das sind für uns wichtige Handlungsansätze“, berichtet Projektleiterin Martina Morschhäuser.

Und es gibt weitere Beispiele. Die TÜV SÜD Life Service GmbH hat mit dem so genannten „BalanceCheck“ ein Analyse-Instrument entwickelt, das Unternehmen helfen soll, die psychischen Belastungen ihrer Mitarbeiter abzufragen sowie Verbesserungsvorschläge und Wünsche der Mitarbeiter für das Arbeitsumfeld zu entwickeln.

„13 Themenblöcke umfasst unser Fragebogen“, erklärt BalanceChecker Norbert Giersch. Ziel der Münchener bleibt dabei immer die verträgliche Steigerung der Produktivität: „Motivierte Menschen, die sich am Arbeitsplatz wohlfühlen, leisten nachweislich mehr als andere.“

Ansätze wie diese machen denjenigen Mut, die Arbeit haben und sich überfordert fühlen. Denjenigen, die keine Arbeit haben, machen vielleicht die sinkenden Arbeitslosenzahlen Mut.

Oder das Beispiel von Horst P.: Der Elektroingenieur fand ein Jahr nach seinem ersten Praxisbesuch eine feste Anstellung und gab seine Therapie wieder auf. „Die depressiven Gefühle besserten sich nachhaltig“, erinnert sich Hansjürgen Schröter. „Das entspricht der amerikanischen Redensart: If you loose your job, it“s a recession, if I loose my job, it is a depression.“ CHRISTOPH GABLER

 

Ein Beitrag von:

  • Christoph Gabler

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