Sicherheit

Anthrax steigert den E-Mail-Verkehr

Seit der Terrorwelle in den USA, wo per Post Milzbranderreger verschickt werden, ist mehr und mehr zu erkennen, dass die Kommunikationswege sich verändern. Der Briefverkehr nimmt ab, die User weichen nach Möglichkeit verstärkt auf den E-Mailverkehr aus. Denn Computerviren sind gefahrloser für das eigene Leben.

Für den „Newsweek“-Reporter Steven Levy steht fest: „Den Postboten wird bald das Schicksal des Milchmanns ereilen.“ Er glaubt, dass die Angst vor Anthrax der gelben Post den Garaus machen wird. Levys Vorhersage beruht auf persönlicher Erfahrung: Mitte Oktober hat der Reporter die letzte regelmäßige Postlieferung auf seinen Schreibtisch bekommen. Kurz darauf war Schluss mit Gedrucktem: Anthrax-Alarm in der Newsweek-Poststelle. Seitdem erhalten die Angestellten nur noch sporadisch Post. Doch für Internet-Reporter Levy ist das kein Problem: Er hat vollständig auf elektronische Post umgestellt – und glaubt, dass ihm andere folgen werden, Levy: „Der Postverkehr wird in die Knie gehen und sich nicht mehr erholen.&ldquo

Wenn der Postmann nie mehr klingelt – auf diese Situation scheinen sich auch immer mehr Deutsche einzustellen. 38 % aller E-Mail-Nutzer hierzulande planen, in Zukunft noch häufiger elektronische Post zu nutzen – das ergab eine aktuelle Umfrage von GMX. 20 700 Kunden des Gratis-E-Mail-Dienstes hatten vor kurzem an einer Blitzumfrage im Internet teilgenommen. Gefragt wurde: Ersetzen E-Mails den Briefträger? Mit einem klaren „Ja“ antworteten 15 %, weitere 23 % der Befragten wollten mehr E-Mails schreiben, um eventuelle Verzögerungen auf dem Postweg zu vermeiden. Nur ein Drittel befand: „Nein. Das Risiko bei uns ist doch sehr gering.“ Auch die Freemail-Konkurrenz von Web.de verzeichnet bereits einen verstärkten Zulauf. „Es gibt einen klaren Aufwärtstrend“, so Sprecherin Eva Vennemann. Und dieser Aufwärtstrend liege oberhalb der Internet-üblichen Zuwächse.

Besonders stark spürbar ist der Aufschwung in Großbritannien. Das Königreich kämpft in vorderster Front der Anti-Terror-Koalition. Entsprechend groß ist deshalb die Angst vor Bioanschlägen per Post. „Firmen überlegen sich zwei Mal, ob sie ihre Post öffnen“, berichtet Mark Herbert, Managing Director von intY, einem bekannten britischen IT-Unternehmen. Der Internetexperte prognostiziert einen dramatischen Anstieg bei der elektronischen Kommunikation: „Die E-Mail-Nutzung wird sich mindestens verdoppeln“, schätzt Herbert.

Auch Johannes Nussbickel, Vorstandsvorsitzender der SuSE Linux AG, bestätigt: „Die aktuellen politischen Ereignisse steigern die Kommunikation über elektronische Medien und führen zu einer erhöhten Nachfrage nach sicheren E-Mail-Lösungen.“ In diesen Industrieprognosen steckt auch ein wenig Wunschdenken — schließlich profitieren Netzwerkausrüster wie SuSE und intY unmittelbar vom E-Mail-Boom.

Fest steht: In turbulenten Zeiten wird vermehrt per Internet kommuniziert – aus gutem Grund. Schon nach den Anschlägen vom 11. September hatte das Marktforschungsunternehmen Gartner in einem Bericht festgestellt: „Das World Wide Web ist das krisenfeste Medium schlechthin.“ Während Manhattans Telefon- und Handynetze am 11. September kolabierten, funktionierten E-Mail und Instant Messaging störungsfrei.

Bleibt die Frage: Ist der Aufschwung im elektronischen Postverkehr, wenn er denn kommt, von Dauer? „Leute beschäftigen sich jetzt mit dem Medium, die das vorher noch nicht getan haben“, bestätigt Marco Roettger vom Team für soziale Innovation, Berlin. Doch der Privatdozent für Arbeitspsychologie warnt vor dem bekannten BSE-Effekt: „Wenn das Thema aus den Nachrichten verschwindet, wird die E-Mail-Nutzung auf das übliche Maß zurückgehen.“ CONSTANTIN GILLIES

 

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