Sicherheit

Am Ende doch zu viel gewagt?  

VDI nachrichte, Leipzig, 3. 2. 06, mav – Hinter dem Nahost-Engagement der kleinen sächsischen Anlagenbaufirma Cryotec GmbH, in der die beiden Irak-Geiseln René Bräunlich und Thomas Nitzschke tätig sind, schien sich eine Erfolgsstory zu verbergen. Mit ihrem ingenieurtechnischen Know-how schnappten sie europäischen Branchengrößen einen dicken Fisch weg. Doch nun steht Unternehmensgründer Peter Bienert, den Insider als erfahrenen Irak-Fuchs bezeichnen, vor einem Scherbenhaufen.

Montagabend, Leipziger Nikolaikirche. Der Aktionskreis Frieden, der seit Jahrzehnten die Leipziger Montagsgebete organisiert, hält eine Mahnwache für die beiden im Irak verschleppten Ingenieure. In der ersten Reihe, neben einem Transparent, steht ein weißhaariger älterer Herr. Sein Blick wirkt betreten, sein korpulenter Körper gramgebeugt. Es ist Peter Bienert, Geschäftsführer jener Cryotec GmbH, in der René Bräunlich und Thomas Nitzschke beschäftigt sind.

Womöglich denkt der 62-jährige Maschinenbauingenieur drei Jahre zurück. Fast zur selben Stunde stand er an derselben Stelle, auch neben einem Plakat, das er mit jungen Leuten seiner Firma gemalt hatte. „Kein Krieg in Irak!“, stand darauf. Er wolle sich „nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben“, begründete Bienert damals, weshalb er sich Montag für Montag abends vor die Nikolaikirche stellte.

Vielleicht fragt sich Bienert nun, ob er schon zu viel versucht hat. Denn parallel zum Friedensengagement trieb ihn auch geschäftliches Interesse auf die Straße. Seine Firma im sächsischen Bennewitz hatte 2000 Irak als Absatzmarkt entdeckt. Zuletzt erwirtschaftete sie hier drei Viertel ihres Umsatzes.

Selbst der Krieg schreckte ihn nicht ab. Denn die in Bennewitz entwickelten und gefertigten Anlagen waren hier gefragt. Sie zerlegen Luft u.a. in Stickstoff, der in Erdölraffinerien als Schutzgas über die Ölprodukte gelegt wird, um eine Explosion zu verhindern. Und so hatte Bienert im Frühjahr 2005 bereits Optionen auf die Lieferung von fünf Anlagen nach Irak unterzeichnet, ein Auftrag über gut 3 Mio. €.

Als die Vorfinanzierung zu scheitern drohte, lud Bienert gar Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) ein. Der kam, machte sich stark für das Projekt. Bald darauf gab es positive Signale durch die Sächsische Bürgschaftsbank. Es gehe auch um ein Stück Wiederaufbau, den „der hiesige Mittelstand nicht allein den Amerikanern überlassen sollte“, freute sich Bienert damals.

Erst fünf Tage vor ihrer Entführung waren Bräunlich und Nitzschke ins irakische Erdölzentrum Bedschi geflogen am 30. Januar sollten sie wieder daheim sein. Bienert hatte ihre Stippvisite, wie er meinte, umsichtig vorbereitet. Letzten Herbst schulte er mehrere irakische Techniker in Sachsen, so dass diese die Cryotec-Technik daheim aufstellen und eigenständig betreuen konnten.

BMSR-Ingenieur Nitzschke und Servicemonteur Bräunlich mussten so nur wenige Tage hinunter fliegen, um die Anlagen miteinander zu verbinden und den Probestart zu fahren. Die Iraker hätten „dringlich darum gebeten“, weiß Hans-Joachim Kleinert, Bienerts ehemaliger Chef, als dieser noch Chefkonstrukteur im früheren VEB Maschinenfabrik Wurzen war. Kleinert attestiert seinem früheren Mitarbeiter „wahnsinnige Erfahrung“ in Nahost.

Die beiden jungen Kollegen waren schon einmal im Irak. Im Dezember kehrten sie unverrichteter Dinge zurück, da die Anlagen an der Grenze fest saßen. Nun, beim zweiten Versuch, schliefen sie in einer irakischen Kaserne und wurden von den Beschäftigten der Firma beschützt, in der sie tätig waren. Für die kurze Fahrstrecke, das heikelste Kettenglied, hatte sie Bienert mit einem Satellitentelefon ausgestattet. Er glaubte, alles „nur Menschenmögliche“ getan zu haben.

Nun muss er sich in St. Nikolai von Pfarrer Große vorhalten lassen, die Sache sei „blauäugig“ gewesen. Der Priester, der in Indien und im südlichen Afrika selbst „einige gefährliche Situationen überstanden“ habe, ist sicher: Bienert und die Gekidnappten hätten die Situation falsch eingeschätzt.

Zumindest räumt der Geschäftsführer nun ein, weder das Auswärtige Amt noch die Deutsche Botschaft in Bagdad über die Tour seiner Ingenieure in Kenntnis gesetzt zu haben. Auf mögliche Lösegeldzahlungen und Rückholkosten angesprochen, meint er nur knapp: „Sie sind aus unserer Sicht in ausreichendem Maß versichert.“

Von Thomas Nitzschke, der in Rackwitz noch im elterlichen Eigenheim lebt, weiß man wenig. Erst im Juli 2005 beendete er sein Studium an Leipzigs Hochschule für Technik. Seine Diplomarbeit widmete sich der „Realisierung einer vollautomatischen Steuerung einer kryogenen Luftzerlegungsanlage“. Wahrscheinlich hatte er da schon seinen Job bei Cryotec sicher.

Mehr bekannt ist zum 31-jährigen René Bräunlich, der mit Lebensgefährtin Sindy Brost und dem gemeinsamen dreijährigen Sohn im Leipziger Vorort Böhlitz-Ehrenberg wohnt. Dass ihn Bienert als „hoch qualifizierten Spezialisten mit Auslandserfahrung“ charakterisiert, bestätigen dessen Mitkicker beim SV Grün-Weiß Miltitz. „Er spielt seit 16 Jahren bei uns Fußball, und zuletzt fehlte er immer mal wegen Einsätzen im Ausland“, erzählt Vereinspräsident Jürgen Hoffmann. Drum sei „Bräuni“ trotz seiner Erfahrung nicht als Kapitän in Frage gekommen. „Aber er passt prima in unser Team. Er schindet sich oft als Wasserträger und ist auch charakterlich so veranlagt.

Ob er auf dem Spielfeld auch mal das riskante Duell suche? Hoffmann, im Hauptberuf Abwasseringenieur, ahnt den Hintersinn der Frage und kontert sofort: „Nein, ein Draufgänger ist er nicht.“ Und nach einigem Zögern fügt er hinzu: „Ich glaube, ihm war schon bewusst, dass dieser Job nicht ungefährlich ist. Womöglich hat er die Angst ein wenig unterdrückt, weil man auch hier auf ihn setzte.“

Auch am Firmensitz in Bennewitz gelten die Verschleppten weder als leichtsinnig noch ihr Chef als unverantwortlich. Eher betrachtet man sie als Helden. Im Ort kolportiert man eine Geschichte, wonach britische Konkurrenten geschäumt haben sollen darüber, dass ihnen der sächsische Betrieb den Millionenauftrag wegschnappte. Sie hielten mit ihren Soldaten den Kopf hin, und die kriegsscheuen „Germans“ machten den Deal, soll man geflucht haben. Neben British Oxygen und Air Liquide aus Frankreich hätte auch die deutsche Linde mitgeboten. Bürgermeister Werner Moser (Linkspartei) lobt, Bienert habe es „verstanden, eine Marktlücke zu nutzen“. Dies sichere knapp 40 Arbeitsplätze in der Region.

Doch nun steht die kleine Firma vor einer Zäsur. Das jetzt ausgelieferte Objekt habe angesichts hoher Entwicklungskosten nicht wirklich Gewinn gebracht, erzählt man bei Cryotec. Erst mit der zweiten oder dritten Anlage werde man Geld verdienen. Aber selbst die erste Lieferung sei noch nicht komplett bezahlt¿ HARALD LACHMANN

 

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