Arzneimittel

Achtung Nebenwirkungen

Billige Importe und Nachahmerprodukte machen der Branche zu schaffen.

Erzählt ein Arzneimittelhersteller von einem „Blockbuster“, dann glänzen seine Augen. Meistens jedenfalls. Anders ist es bei Tom McKillop, Vorstandschef des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca. Er würde vermutlich gern die Führungsposition seines Magengeschwür-Präparates Losec auf der Liste der weltweit umsatzstärksten Medikamente herunterspielen. Losecs Erfolg wird schon bald zum Verhängnis des Verkaufsschlagers: Mitte diesen Jahres läuft sein Patent in den USA – dem größten Pharmamarkt der Welt – ab. Und McKillop weiß, dass keine 24 Stunden später günstigere Nachahmer-Produkte, so genannte Generika, in den Regalen der Apotheken stehen werden.
Der Umsatz von Losec macht mit 5,7 Mrd. Dollar kaum 2 % auf dem 300 Mrd. Dollar starken Welt-Pharmamarkt aus. Allerdings hat sich AstraZeneca von der Magengeschwür-Pille abhängig gemacht: 1999 brachte Losec fast 40 % des Gesamtumsatzes. Kaum besser stand SmithKline Beecham da. Vor seiner Fusion mit GlaxoWellcome erreichte der britische Konzern knapp die Hälfte seines Umsatzes in der Pharmasparte mit dem Antidepressivum Paxil und dem Antibiotikum Augmentin. Immer noch sei Paxil das Flaggschiff von GlaxoSmithkline, heißt es von Analysten der Schmidt-Bank aus Frankfurt. Auch hier drängen Nachahmerpräparate auf den Markt.
Der verschärfte Wettbewerb sorgt für Bewegung an der Börse. Einst galt die Pharmabranche als defensives, eher langweiliges Börsensegment, das hat sich geändert. „In keinem Industriezweig sind die Auswirkungen politischer Entscheidungen größer“, sagt Dr. Roman Nagel, Analyst der BHW Bank in Frankfurt. Ein freier Markt existiert nur bei rezeptfreien Präparaten sie machen jedoch bei einem Pharmariesen wie GlaxoSmithKline nur etwa 15 % des Umsatzes aus.
Immer weniger Zeit bleibt, ein Medikament zu entwickeln. Die „Patentuhr“ tickt: Da die Hersteller bereits früh in der Entwicklungsphase einen Wirkstoff zum Patent anmelden, geht jedes weitere Forschungsjahr auf Kosten seines Schutzes vor Nachahmern. 12 bis 15 Jahre dauert im Schnitt die Entwicklung einer Arznei. Bei einer Patentschutzdauer von rund 20 Jahren macht das rund fünf Jahre, in denen das Präparat vor Nachahmung geschützt ist. Das ist wenig, angesichts der hohen Kosten, die die Entwicklung verschlingt: 400 Mio. Dollar bis 900 Mio. Dollar kostet nach Angaben der Hersteller die Arzneientwicklung.
Angesichts der teuren Entwicklung setzt die Pharmaindustrie auf die „Blockbuster“ – Medikamente mit mehr als 1 Mrd. Dollar Umsatz. „Innovative Arzneien werden immer wichtiger“, erklärt Stefan Mütze von der Landesbank Hessen Thüringen in Frankfurt, „was Innovationen betrifft, kann die deutsche Pharmaindustrie seit langem nicht mehr als die Apotheke der Welt bezeichnet werden“, bemängelt der Volkswirt.
Nicht nur der Innovationsmangel beutelt deutsche Pharmahersteller – auch Billig-Importe von Arzneien (nebenstehend erklärt) machen der Branche zu schaffen. Rund 3 % aller Pillen, Salben und Zäpfchen im Apothekenregal sind laut Angaben des Instituts für medizinische Statistik in Frankfurt (IMT) Re- und Parallelimporte. Rund 1 Mrd. Gewinn machten im letzten Jahr die Apotheker damit. Das scheint zwar wenig, trifft dafür einzelne Hersteller umso härter: Überwiegend teure Arzneien – beispielsweise gegen Krebs – kaufen die Importeure im Ausland billig ein, um sie auf den hiesigen Markt zu bringen, berichtet Julia Rahner, IMT-Sprecherin. In den letzten zwei Jahren verdoppelte sich der Anteil der Billig-Arzneien im Apothekenregal. „Die Zahl der Billig-Importe wird in Deutschland in der nächsten Zeit rasant steigen“, prophezeit Rahner.
In Dänemark hat die Zahl billiger Arzneien aus dem Ausland für den Hersteller Novonordisk bereits beängstigende Ausmaße angenommen. 60 % seines Insulin-Präparates landen als Billig-Import in den Regalen dänischer Apotheken. „Auch in Deutschland wird die Zahl der Reimporte ansteigen“, prognostiziert Dr. Roman Nagel, Analyst der BHW Bank in Frankfurt.
Wenige Industriezweige sind außerdem ähnlich empfindlich gegen Vermutungen oder Fakten aus den Forschungslabors. Als Wissenschaftler der Universität Yale Ende letzten Jahres einen nur schwachen Zusammenhang zwischen Schlaganfällen und dem rezeptfreien Erkältungsmittel Contac vermuteten, nahm SmithKline Beecham das Präparat in den USA vom Markt, um den Aktienkurs nicht zu gefährden. Zu Recht, denn die Börse ist gnadenlos, wenn das Ende eines erfolgreichen Produktes naht: Als im letzten Jahr der Prozac-Konzern Eli Lilly eine Klage verlor und damit schon Anfang diesen Jahres anstatt erst 2003 mit dem Ablauf des Patentschutzes rechnen musste, sackte der Aktienkurs des Unternehmens um 30 % ab.
Gedeih und Verderb hängen für die Konzerne vor allem vom „orangenen Buch“ der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA ab. Es enthält die für den amerikanischen Markt erlaubten Arzneien. Wer dort Eingang findet oder auch nur in die zweite Prüfphase des strengen Zulassungsverfahren kommt, erhält den Beifall der Analysten und kann mit einem steilen Aktienkursanstieg rechnen. Deutsche Hersteller spielen in den Staaten allerdings nur in der zweiten Liga. „Keines der hiesigen Unternehmen hat es in die Top 5 des amerikanischen Marktes geschafft“, gibt Nagel zu bedenken.
„In diesem Jahr erwarten deutsche Pharmakonzerne ein mäßiges Umsatzwachstum“, heißt es in der Prognose des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Deutschland für 2001. „Die Lage ist ernst, aber wir sind zuversichtlich“, erklärte Cornelia Yzer, VFA-Hauptgeschäftsführerin bei der Präsentation Ende Dezember in Berlin. ELKE BODDERAS

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