Methode für mehr Erfolg

Working out loud: Prinzipien für neue berufliche Chancen

Ingenieure gelten gemeinhin als introvertiert. Was ein Vorurteil ist. Allerdings: Wenn sie ihre kreativen Potenziale kitzeln möchten, sollten sie lauter über ihre Projekte, Ideen, aber auch Probleme und Fehler sprechen. Das Ganze heißt dann neudeutsch: Working Out Loud. Eine Arbeitsmethode, die sich rasch lernen lässt und enorme Vorteile birgt. Gerade in technischen Berufen.

Kollegen in einer Gruppe

Lautes Arbeiten in einer Gruppe fördert die Karriere.

Foto: panthermedia.net/IgorVetushko

Ruhestörer sind gefragt! Zumindest, wenn sie die behagliche Stille durchbrechen, bei der jeder so vor sich hin wurschtelt, ab und an im Meeting der Stand der Dinge besprochen wird und dann wieder jeder seiner Wege geht. Grüß Gott, Missverständnisse, Verdruss, mangelnder Gedankenfluss. Nicht gut.

Anders soll es mit der noch recht neuen, jedenfalls hierzulande nicht übermäßig verbreiteten, Arbeitsmethode Working Out Loud (WOL) laufen. Mit laut arbeiten ist gemeint, die eigene Arbeit, Probleme, knifflige Fragestellungen aber auch eigene Kompetenzen im Job für jeden sichtbar zu machen. Nicht, um röhrendes Selbstmarketing zu betreiben, sondern damit gemeinsam Lösungen gefunden werden und andere vom Wissen vieler profitieren können.

„Alles, was wir mit uns selbst auszumachen versuchen, führt selten zum Ziel“, sagt der lizensierte WOL-Coach Ingo Stoll.

„Probleme heute sind komplex und verlangen daher nach abteilungs- und hierarchieübergreifenden Lösungen.“ Und genau das versucht WOL zu erreichen: „Letztlich ist die Methode ein einfaches zwölfwöchiges Trainingsprogramm, um weg vom Silo-Denken hin zu kollaborativem Arbeiten zu kommen.“ Herumbasteln im stillen Kämmerlein sei nicht unbedingt ingenieurtypisch, meint Stoll, sondern eher ein verbreitetes Phänomen, weil allein schon in „Fachabteilungen“ separierte Unternehmen Einzelkämpfer geradezu heranzüchteten. Zu oft gilt immer noch: Wissen ist Macht. WOL hingegen will Wissen teilen.

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Wissen teilen, leicht gemacht.

Eigentlich so klar, wie einfach. Doch wer sich in seinem Ingenieurs-Alltag umsieht, wird merken, dass die Dinge doch nicht so klar zu sein scheinen, weil jeder gern aufs eigene Konto einzahlt. Weil sich daran von allein wohl wenig ändern wird, macht ein strukturierter Prozess der Öffnung Sinn. Die Idee dazu geht auf den US-Amerikaner Bryce Williams zurück, der in seinem Blog dazu aufrief, Wissen zu teilen statt zu horten – dafür prägte er die Redewendung „Work Out Loud“. Diesen Gedanken hat John Stepper in seinem Buch „Working Out Loud: For a better career and life“ weiterentwickelt und fünf Prinzipien (siehe Kasten) aufgestellt, an denen sich das Konzept orientiert: Dazu zählt, Beziehungen aufzubauen, die mehr als klassisches Networking sind, weil Wissen ohne Gegenleistung untereinander geteilt wird, eben auch, indem man seine Arbeit „sichtbar“ macht, also auch alle Probleme und Schwierigkeiten.

Von diesen Prinzipien geleitet, bildet man Kleingruppen, „Circles“, mit vier bis sechs Mitgliedern, die sich zwölf Wochen lang für eine Stunde in der Woche (auch virtuell, etwa per Skype) treffen und gemeinsam an den individuellen Zielen der Mitglieder arbeiten.

„Je interdisziplinärer und heterogener der Zirkel, desto besser funktioniert er“, erklärt Stoll, „denn so kommen andere Perspektiven sowie Impulse und damit neue Lösungen zustande.“

Dabei müssen die Ziele zunächst nicht zwingend etwas mit dem Job zu tun haben: „Jeder Teilnehmer am Working Out Loud-Circle bringt ein Ziel mit, das ihm persönlich wichtig ist, es kann also auch privater Natur sein. Denn nur so funktioniert intrinsische Motivation“, betont der Experte. Außerdem sollte das Ziel in zwölf Wochen erreichbar sein. Schließlich kommt es darauf an, so Stoll, sein Verhalten zu ändern, zu lernen, sich zu öffnen, sich selbst zu organisieren, sich mit anderen zu besprechen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Das sind letztlich die Kernkompetenzen in einer agilen, vernetzten Arbeitswelt.

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Kollaboratives Arbeiten: Wenig Aufwand, großer Effekt.

Der Effekt für eine Organisation besteht darin, dass die Unternehmenskultur offener, innovativer und kollaborativer wird, weg von Wissenssilos hin zu echtem Wissensaustausch, unterstreicht Stoll. Kein Wunder, dass Konzerne wie Bosch, Continental, Daimler und Siemens hierzulande Vorreiter in Sachen WOL sind. Bei Continental wird die Methode unter anderem für das Onboarding neuer Mitarbeiter verwendet, was Stoll mit Freude zur Kenntnis nimmt, weil WOL so verfestigt und am Ende zum „Standardtool“ werde, meint er.

Um anders zu denken, sich vorbehaltlos mitzuteilen – dafür braucht es etwas Mut. Den aufzubringen vereinfachen die Zirkel als geschützter Raum, in dem eine geringere Hemmschwelle herrscht, Neues auszuprobieren, erklärt Stoll: „Das macht es leichter, neue Angewohnheiten zu entwickeln, die dem individuellen Ziel dienen können, zumal es ein direktes Feedback in vertrautem Rahmen gibt.“ Mit klassischem Business-Netzwerken habe das wenig zu tun, da eine größere Verbindlichkeit, Vertrautheit und gegenseitiges Interesse aneinander und den jeweiligen Zielen herrsche.

Könnte so viel Mut zum Unfertigen, zu Offenheit nicht manchen Ingenieur oder in sich gekehrte Fachkraft abschrecken? WOL-Experten verneinen. Ihr Argument: Gerade für eher introvertierte Menschen ist die Methode gut geeignet, um anhand der Guidelines zu lernen und zu trainieren, wie man seine Arbeit sichtbar macht und sich gut vernetzt. Letztlich sei WOL freiwillig und könne auch nicht von oben verordnet werden. Gut also, wenn sich in der Belegschaft wenigstens ein paar Naturtalente in Sachen konstruktiv-kollegialer „Ruhestörung“ finden…

Kerngedanke von WOL ist, mithilfe von Netzwerken individuelle Ziele zu erreichen, indem man seine Angewohnheiten reflektiert und ändert. Dafür hat John Stepper in seinem Buch „Working Out Loud: For a better career and life“ fünf Prinzipien formuliert:

  1. Beziehungen (Relationships): Man baut nachhaltige Beziehungen auf, die helfen können. Allerdings nicht nach dem klassischen Networking-Prinzip („Eine Hand wäscht die andere“), sondern in dem Sinne, dass man selbst sinnvoll etwas beiträgt.
  2. Großzügigkeit (Generosity): Man teilt Wissen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, sondern um etwas Konstruktives beizutragen und damit das Netzwerk nachhaltig zu stärken.
  3. Sichtbare Arbeit (Visible Work): Der wesentliche Punkt: Die eigene Arbeit sichtbar machen, aber eben so, dass es nicht um Selbstdarstellung geht, sondern als Beitrag für das Netzwerk.
  4. Zielgerichtetes Entdecken (Purposeful Discovery): Dadurch, dass ein individuelles Ziel gewählt wird, richtet man seine Aktivitäten darauf aus: Welche Ressourcen benötige ich? Wie und was kann ich beitragen, um dem Ziel näherzukommen und etwas dabei lernen?
  5. Wachstumsorientiertes Denken (Growth Mindset): Bei WOL geht es darum, immer offen und neugierig an die Dinge heranzugehen und so jene vielen Möglichkeiten zu entdecken, die einen dem Ziel näherbringen können.

Zur Info für Sie:

Auf seiner Homepage bietet Buchautor und WOL-Erfinder John Stepper einen detaillierten Zirkel-Guide kostenlos zum Download an.

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Ein Beitrag von:

  • Chris Löwer

    Chris Löwer arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Journalist für überregionale Medien. Seine Themenschwerpunkte sind Wissenschaft, Technik und Karriere.

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