Editorial der Ausgabe 4-2020 28.04.2020, 00:00 Uhr

Nachhaltigkeit in der Produktion – die Krise als Startschuss für den Umbruch

Wie die vergangenen Krisen wird auch die Corona-Krise der Startpunkt für den nächsten Aufschwung sein. Zu Deutschlands Stärke, diese Krise zu bewältigen, trägt neben dem sozialen Sicherungssystem und einem soliden Finanzhaushalt nicht zuletzt auch der hohe industrielle Wertschöpfungsanteil bei. Wir diskutieren schon heute, ob sich die Wirtschaft gemäß dem V- oder dem U-Szenario entwickelt. Das Vorkrisenniveau als wirtschaftliches Ziel ist also gesetzt. Dies sollte allerdings nicht zu einem Blick in den Rückspiegel führen. Die Krise wird der Wegbereiter für gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche sein. Sie beschleunigt den Zerfall ausgedienter Geschäftsmodelle und setzt Kapazitäten für neue Prioritäten frei. Es geht also darum, nötige Anpassungen und Neuausrichtungen für die Wettbewerbsfähigkeit nach der Krise vorzunehmen.

So werden mit der Zeit immer mehr der bereits vor der Krise ungelösten Herausforderungen an Bedeutung gewinnen. Die Corona-Pandemie verdeutlicht die Verletzbarkeit unserer Gesellschaft und wird damit das Thema Nachhaltigkeit noch stärker in das Bewusstsein verankern. Wie das Virus ist CO2 eine zunächst unsichtbare Gefahr. Ein unkontrollierter und uneingeschränkter Umgang hat jedoch dramatische Konsequenzen – wenn auch bislang von vielen nicht als derart akut wahrgenommen.

Es gilt daher mehr denn je schnellstens die Produktion neu auszurichten und die klimaneutrale Fabrik zu entwickeln. Diese muss bis 2050 nicht nur nahezu emissionsfrei sein. Sie muss zudem der Herausforderung der effizienten Flächennutzung in urbanen Räumen begegnen. Um die Artenvielfalt zu schützen, sollten Fabriken auf Bestands­flächen und nicht auf der grünen Wiese entstehen. Neue Produktionskonzepte müssen die zum Teil bestehende Infrastruktur neu befähigen. Die urbane Produktion hilft zudem Fachkräfte zu gewinnen, da kurze Wege und flexible Arbeitszeitmodelle die Attraktivität für Arbeitnehmer erhöhen.

Die Corona-Krise führt uns vor Augen, dass moderne Technologien vollkommen neue Möglichkeiten bieten, diesen Herausforderungen zu begegnen. Neben der Quarantäne und einer strengeren Hygiene – Gegenmaßnahmen, die schon bei der Bekämpfung der Spanischen Grippe bekannt waren – können wir heute mit Videokonferenzen und einer Corona-App die Auswirkungen des Virus erheblich reduzieren. Ganz ähnlich kann die Digitalisierung der Schlüssel zur Umsetzung einer nachhaltigen Produktivitätssteigerung sein. Digitale Technologien ermöglichen einen intelligenten Ressourceneinsatz in der Fabrik der Zukunft. Die Automatisierung von Informationsflüssen und manuellen Tätigkeiten hilft, die Produktivität zu erhöhen und die Nachhaltigkeit zu fördern.

Die Beiträge dieser Ausgabe greifen diese Herausforderungen auf und stellen inno­vative Ansätze aus verschiedenen Bereichen der Produktionstechnik vor. Unser Dank gilt daher den Autoren für das Einreichen der Beiträge und den Reviewern, die die Be­wertung der Beiträge vorgenommen haben.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen und hoffen, dass Sie sich von den Beiträgen inspirieren lassen.

Von Peter Burggräf

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Peter Burggräf, MBA, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für „International Production Engineering and Management“ an der Universität Siegen. Bild: Uni Siegen

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