Editorial der Ausgabe 3-2020 17.03.2020, 00:00 Uhr

Industrie 4.0 – und was nun?

Bild: Universität Stuttgart, ISW

Bild: Universität Stuttgart, ISW

Seit 2013 kennen wir den Begriff Industrie 4.0. War es nun eine industrielle Revolution mit disruptiver Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie? Oder gilt eher das Produktivitätsparadoxon, wie es in der Studie der Impuls-Stiftung behauptet wird (www.impuls-stiftung.de/studien)? Diese stellte Ende 2018 fest, dass der deutsche Maschinenbau einerseits bei Umsätzen, Löhnen und Beschäftigung wirtschaftlich sehr erfolgreich war, auf der anderen Seite jedoch die Arbeitsproduktivität merklich unter dem Wert von vor der Krise von 2011 bis 2015 blieb.

Haben wir mit Industrie 4.0 die vierte industrielle Revolution geprobt und dabei die Produktivität vergessen? Wahrscheinlich liegen das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) und der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V. (VDMA) nicht ganz falsch, wenn Sie die Frage nach dem Produktivitätsgewinn aus der Digitalisierung aufwerfen. Wahrscheinlich kann dieser in der gesamten Breite der Produktionswirtschaft noch nicht nachgewiesen werden, es gibt jedoch viele und immer mehr gute Beispiele, bei denen die Digitalisierung ganz klar zur Produktivitätssteigerung beigetragen hat. Auch in dieser Ausgabe lässt sich vieles darüber nachlesen. Der Hype-­Zyklus nach Gartner Inc. scheint auch für Industrie 4.0 zu gelten: Zu Beginn werden alle hyperaktiv, teilweise mit überzogenen Erwartungen, und die Produktivität steht erst einmal hinten an. Dann führt der Weg durch das „Tal der Enttäuschungen“, in dem wir uns jetzt wohl befinden, um dann auf den „Pfad der Erleuchtung“ und des Produktivitätsgewinns einzubiegen. Die Tatsache, dass laut Google-Trends der Begriff Industrie 4.0 heute um 50 % weniger abgefragt wird als noch 2015, spricht für diese Vermutung. Der Produktivitätsbeweis ist jetzt zu erbringen.

Lassen Sie sich von den Fachbeiträgen in diesem Heft, die zum Beispiel über das Zusammenspiel digitaler, kognitiver Assistenzsysteme mit betrieblichen Anreizsystemen informieren, zu weiteren Digitalisierungsideen inspirieren. Darüber hinaus finden sich in dieser Ausgabe Fachaufsätze über Herausforderungen, Lösungsansätze und Grenzen von Predictive Maintenance bei Produktionsanlagen sowie cloudbasierte Ansätze zur System­identifikation und zur Optimierung der Prozessparameter für ein verbessertes dynamisches Verhalten von Werkzeugmaschinen wie auch von Robotern. Besonders interessant sind die Ergebnisse aus einer Befragung von 81 Vertretern deutscher Industrieunternehmen zur Anwendung industrieller Mensch-Roboter-Kollaboration.

Den Autoren gilt an dieser Stelle unser herzlicher Dank für ihre Mitwirkung. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen der März-Ausgabe der wt Werkstattstechnik online.

Von Gunter Reinhart, Thomas Bauernhansl

Prof. Dr.-Ing. Gunther Reinhart
Institutsleiter am Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften (iwb) der Technischen Universität München und am Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik IGCV in Augsburg
Prof. Dr.-Ing. Thomas Bauernhansl
Institutsleiter am Institut für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb IFF der Universität Stuttgart und am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA.

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