Erhebungen zur Stahlindustrie in Deutschland 05.01.2021, 14:08 Uhr

Verdrändungsprozess bei Stahl schadet Klima und Wirtschaft

Eine aktuelle Studie zeigt bedenkliche Auswirkungen, die eine Abwanderung der Stahlproduktion aus Deutschland zur Folge hätte. Derweil „ächzen“ deutsche Zulieferer jedoch unter der Materialverknappung aufgrund vom Importbeschränkungen.

Die Stahlindustrie in Deutschland kann weiterhin zum wirtschaftlichen Erfolg der industriellen Wertschöpfungsketten beitragen. Voraussetzung hierfür ist jedoch ein internationales "Level-Playing". Foto: PantherMedia / Akiyoko Yokoyama

Die Stahlindustrie in Deutschland kann weiterhin zum wirtschaftlichen Erfolg der industriellen Wertschöpfungsketten beitragen. Voraussetzung hierfür ist jedoch ein internationales "Level-Playing".

Foto: PantherMedia / Akiyoko Yokoyama

Zwei gegensätzliche Entwicklungen und Meinungen zeichnen sich derzeit zum Thema Stahl ab: Während die Wirtschaftsvereinigung Stahl in Düsseldorf die große Bedeutung betont, die der fortschrittlichen und klimafreundlichen Stahlproduktion in Deutschland zukommt, skizziert der IBU ein kritisches Szenario aus Sicht seiner Mitgliedsunternehmen. Der Industrieverband Blechumformung (IBU), Hagen, hat in einer Blitzumfrage zum Jahreswechsel 2020/2021 ermittelt, dass Einfuhrbeschränkungen zu einem Engpass bei Zulieferern und Automobilherstellern führen. Dies gefährdet nach Ansicht des Verbands den wirtschaftlichen Erholungsprozess: auf die Pandemiekrise folge nun die Beschaffungskrise.

Klimapolitische Herausforderungen – Ergebnisse der Prognos-Studie

Auf dem Weg zur klimaneutralen Wirtschaft kommt der Stahlindustrie eine Schlüsselrolle zu – so die Meinung der Verantwortlichen in der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Mit CO2-armen Produktionsverfahren und nachhaltigen Produkten will die Branche einen entscheidenden Beitrag zum Erreichen der ehrgeizigen Klimaziele leisten, die von der Bundesregierung beschlossen wurden, Bild 1.

Bild 1. Das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung sieht eine Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen in Deutschland bis 2030 um mindestens 55 Prozent vor. Auf die Stahlindustrie entfallen rund 30 Prozent der Industrieemissionen. Grafik: Wirtschaftsvereinigung Stahl / Prognos

Voraussetzung hierfür seien jedoch politische Rahmenbedingungen, die eine grüne Stahlproduktion zu fairen Bedingungen in Deutschland möglich machen. Das im Sommer von der Bundesregierung verabschiedete „Handlungskonzept Stahl“ liefere hierfür die richtigen Ansätze. Diese müssten nun schnell umgesetzt werden, betont die Wirtschaftsvereinigung. Die Prognos AG, ein führendes Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen, hat daher analysiert, mit welchen Folgen der Wirtschaftsstandort Deutschland konfrontiert würde, wenn die Dekarbonisierung der Stahlindustrie ausschließlich durch steigende CO2-Preise forciert wird. So führe eine einseitige Erhöhung der CO2-Preise in diesem Industriesegment zwangsläufig zu einem Rückgang von Produktion und Beschäftigung – insbesondere bei der „Primärstahlroute“ mit Erzeugnissen, für deren Herstellung kein Recyclingmaterial eingesetzt wird. Damit verbunden sei ein volkswirtschaftlicher Schaden entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Stahlunternehmen in Deutschland und Europa sollen nach Ansicht der Wirtschaftsvereinigung immer ambitioniertere Klimaziele erfüllen, ohne dass bis jetzt der notwendige Förderrahmen „steht“. Gelänge die Transformation hin zu CO2-armen Produktionsverfahren am hiesigen Standort nicht, drohe die Stahlproduktion künftig in andere Regionen der Welt mit deutlich geringeren Klimaschutzauflagen abzuwandern – so die Meinung von Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Und der dort produzierte Stahl würde dann anschließend wieder nach Europa importiert, mit fatalen Auswirkungen nicht nur für die Umwelt.

Immenser Verlust an Wertschöpfung in Deutschland

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass bei einer nicht international abgestimmten Erhöhung des CO2-Preises in Deutschland bis 2035 ein Produktionsrückgang in der Stahlindustrie in Höhe von 40 Prozent zu erwarten wäre. Gesamtwirtschaftlich bedeutet dies einen Verlust von rund 200.000 Arbeitsplätzen und 114 Milliarden Euro Wertschöpfung, Bild 2.

Bild 2. Auswirkungen einer einseitigen Beaufschlagung der Stahlproduktion in Deutschland mit CO2-Kosten, während Stahlerzeuger in anderen Regionen der Welt keinen vergleichbaren Belastungen unterliegen. Grafik: Wirtschaftvereinigung Stahl / Prognos

Hinzu käme ein Anstieg der globalen CO2-Emissionen. Dr. Michael Böhmer, Chief Economist Corporate Solutions bei der Prognos AG, analysiert die Auswirkungen: „Die volkswirtschaftlichen Kosten je ins Ausland verlagerter Tonne CO2 belaufen sich auf durchschnittlich 600 Euro. Dies übersteigt die höheren Produktionskosten eines wasserstoffbasierten Verfahrens um ein Vielfaches. Aus ökonomischer Sicht wäre es daher viel effizienter, wenn die Politik die Stahlunternehmen bei ihrer Umstellung hin zu CO2-armen Produktionsverfahren unterstützt.“

Die Transformation müsse finanziell gefördert und abgesichert werden, wenn Europa seine weltweite Vorreiterrolle im Klimaschutz ernst nimmt, betont unisono Verbandspräsident Kerkhoff. Die Studie „Klimapolitische Herausforderungen der Stahlindustrie“ und weiterführende Informationen sind unter www.stahl-online.de abrufbar, Bild 3.

Bild 3. "Carbon Leakage-Politik 2035": Die Grafik zeigt die gesamtwirtschaftlichen Folgen für Deutschland. Grafik: Wirtschaftsvereinigung Stahl / Prognos

Gegenläufige Meinung: Zulieferer und Automobilhersteller bekommen keinen Stahl

Das aktuelle Dilemma aus Sicht der der Zulieferer, die dringend Stahl benötigen, skizziert Bernhard Jacobs, Geschäftsführer des IBU. Nach seiner Meinung verhindern geltende Importbeschränkungen die alternative Beschaffung aus anderen, vor allem außereuropäischen Ländern. Stahl – vor allem Flachstahl – sei Mangelware und knapp 90 Prozent der Zulieferer seinen davon betroffen. Das zeigen erste Ergebnisse einer Blitzumfrage des IBU, die Ende 2020 durchgeführt wurde. Auslöser sei die unterschiedliche Entwicklung von Stahlangebot und -nachfrage sowie Hemmnisse bei der Einfuhr, die das Ausweichen auf Stahl aus Drittländern erschweren.

Der IBU ist alarmiert: „Dieser Versorgungsengpass gefährdet den Erholungsprozess bei Zulieferern und Automobilherstellern“, befürchtet Jacobs. „Die Marktversorgung in Europa muss Vorrang haben vor Anti-Dumping-Maßnahmen und politisch motivierten Importbeschränkungen.“

Schwierige Versorgungslage bedroht Lieferfähigkeit

Die Beschaffungsprobleme betreffen sowohl planmäßig bestellte Mengen als auch Mehrbedarfe. Laut Umfrage beklagen sich 86 Prozent der Unternehmen über Schwierigkeiten beim Stahleinkauf über Servicecenter. Auf Platz zwei folgt der Direktbezug bei Stahlherstellern. Bei beiden Bezugsquellen müssen verarbeitende Unternehmen zurzeit mit Lieferzeiten bis weit in das Jahr 2021 rechnen. Als Folge befürchten laut der IBU-Erhebung über 70 Prozent der Mitglieder Produktionsunterbrechungen im ersten Quartal 2021; fast alle sehen ihre Lieferfähigkeit in Gefahr.

Parallel dazu seien derzeit deutliche Preisaufschläge an der Tagesordnung – sogar im Vertragsgeschäft. Dabei zeigen die Märkte aktuell eine deutliche Aufwärtsbewegung. „Stahl- und Rohstoffpreise haben inzwischen nicht nur das Vor-Corona-Niveau übertroffen, sondern langjährige oder sogar historische Höchststände erreicht“, registriert Andreas Schneider von Stahlmarkt Consult. Ein Grund: Das europäische Stahlangebot wachse langsamer als die Nachfrage. Produzenten haben die Erholung der Industrie und des Welthandels falsch eingeschätzt und die Hochöfen nicht parallel zum Bedarfsanstieg hochgefahren.

Einfuhren aus Drittländern könnten dem entgegenwirken. Über 60 Prozent der Befragten beklagen jedoch, dass geltende EU-Importbeschränkungen das Versorgungsproblem verstärken. Beispielsweise stehe die EU kurz davor, neue Zölle gegen Stahleinfuhren aus der Türkei zu verhängen. Diese gewollte Abschottung schützt europäische Stahlproduzenten und belastet wiederum die Stahlverarbeiter, die auf das Vormaterial angewiesen sind. Der IBU macht nun mit Nachdruck auf die Beschaffungsprobleme der Stahlverarbeiter aufmerksam und regt erneut an, Einfuhrbeschränkungen zu hinterfragen: „Unsere Mitglieder sehen gerade ein paar Lichtblicke. Wir können es uns jetzt nicht leisten, diesen Positivtrend durch einen Materialengpass zu gefährden“, resümiert Bernhard Jacobs.

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