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Luftfracht Digitalisierung 30.01.2026, 15:00 Uhr

ONE Record Konferenz Frankfurt: Wie der Datenstandard in die Praxis der Luftfracht findet

Papierbasierte Abläufe prägen die Luftfracht bis heute, obwohl digitale Daten entlang der Transportkette längst verfügbar wären. Mit dem IATA-Standard „ONE Record“ soll sich das ändern: Sendungsinformationen werden in datenzentrierten, vollständig digitalen Prozessen ausgetauscht und können in Echtzeit bereitgestellt werden. Vor diesem Hintergrund traf sich am 27. Januar 2026 die internationale Luftfracht-Community in Frankfurt zur „Air Cargo Connect 360° – ONE Record Konferenz“, organisiert vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML im Rahmen des Projekts „Digitales Testfeld Air Cargo (DTAC)“.

Am 27. Januar 2026 ist die internationale Luftfracht-Community in Frankfurt zur »Air Cargo Connect 360° – ONE Record Konferenz« zusammengekommen. Foto: Fraunhofer IML / Vinzenz Neugebauer

Am 27. Januar 2026 ist die internationale Luftfracht-Community in Frankfurt zur »Air Cargo Connect 360° – ONE Record Konferenz« zusammengekommen.

Foto: Fraunhofer IML / Vinzenz Neugebauer

Dass Logistikprozesse in vielen Bereichen noch immer papiergebunden funktionieren, zeigt sich in der Luftfracht besonders deutlich. Hier treffen zahlreiche Akteure aufeinander, die Informationen bislang häufig über dokumentenzentrierte Formate weiterreichen. Forschende des Fraunhofer IML arbeiten seit mehreren Jahren daran, diese Struktur zu verändern. Ausgangspunkt ist der IATA-Datenstandard „ONE Record“, der Sendungsinformationen nicht mehr über eine Vielzahl einzelner Dokumente transportiert, sondern als gemeinsame, datenzentrierte Informationsbasis entlang der Transportkette bereitstellt. Ziel ist es, Informationen vollständig digital zu übermitteln und in Echtzeit verfügbar zu machen.

Die „Air Cargo Connect 360° – ONE Record Konferenz“ in Frankfurt griff diese Ausgangslage auf und setzte sie in einen fachlichen Rahmen. Die Veranstaltung war Teil des vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung geförderten Projekts „Digitales Testfeld Air Cargo (DTAC)“ und wurde vom Fraunhofer IML organisiert. Die Konferenz sollte einen 360-Grad-Blick auf ONE Record ermöglichen, von strategischen Fragen der Einführung bis hin zu konkreten technischen Implementierungen. Ein zusätzlicher Kontext verstärkte die Aktualität: Seit dem 1. Januar 2026 gilt „IATA ONE Record“ als bevorzugter IATA-Standard für den Datenaustausch in der Luftfracht.

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Gemeinsame Basis am Vormittag: Standardverständnis und Anwendungsfälle

Im Vormittagsprogramm stand die fachliche Einordnung im Mittelpunkt. Ziel war es, eine gemeinsame Basis für die Diskussionen des Tages zu schaffen. Dabei wurde herausgearbeitet, warum ONE Record als Baustein der Digitalisierung gilt, wie der Standard konzeptionell aufgebaut ist und welche Anwendungsfälle bereits realisiert werden können. In den Einführungsvorträgen wurde der Perspektivwechsel betont, der mit ONE Record verbunden ist: Weg von dokumentenzentrierten Abläufen, hin zu einem gemeinsamen, datenzentrierten Informationsaustausch, der über die gesamte Transportkette hinweg konsistent bleiben soll.

Vertretende von IATA, Airlines, Spediteuren und Technologieanbietern hoben hervor, dass ONE Record die Grundlage für mehr Transparenz, Automatisierung und Zusammenarbeit in der Luftfracht schaffen soll. Damit wurde nicht nur die technische Ebene adressiert, sondern auch die Frage, wie Akteure Informationen künftig teilen, pflegen und in ihre jeweiligen Systeme integrieren.

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Zwei Perspektiven am Nachmittag: Strategie und Technik parallel

Am Nachmittag vertiefte die Konferenz die Inhalte in zwei parallelen Sessions. Der „Business- & Strategy-Track“ konzentrierte sich auf organisatorische und strategische Fragestellungen. Im Mittelpunkt standen Erfahrungsberichte aus ersten Produktivsetzungen sowie eine Paneldiskussion, die Fortschritte, Herausforderungen und Erkenntnisse auf dem Weg zur Einführung von ONE Record behandelte. Damit ging es um Fragen der praktischen Umsetzung: Welche Voraussetzungen müssen in Unternehmen geschaffen werden, wie verändert sich die Zusammenarbeit zwischen Partnern, und welche Schritte sind nötig, um von Pilotierungen in den Regelbetrieb zu gelangen.

Parallel dazu bot der „Technical-Track“ detaillierte Einblicke in Datenmodelle, Programmierschnittstellen, Sicherheitskonzepte und Open-Source-Ansätze wie die NE:ONE-Server-Software. Anhand konkreter Beispiele wurde dargestellt, wie ONE Record technisch implementiert und weiterentwickelt werden kann. Die Diskussion bewegte sich damit auf der Ebene von Schnittstellenlogik, Datensicherheit und Systemarchitektur, also genau dort, wo sich entscheidet, ob ein Standard in heterogenen IT-Landschaften tatsächlich tragfähig ist.

In beiden Tracks wurden konkrete Anwendungsfälle vorgestellt. Dazu zählten Direct-to-Dock-Prozesse, die Ablösung bestehender Messaging-Formate sowie KI-gestützte Anwendungen, die auf ONE-Record-Daten aufbauen. Die Beispiele sollten zeigen, wie ein datenzentrierter Standard nicht nur den Austausch erleichtert, sondern neue Formen der Prozesssteuerung ermöglicht, sofern die technischen und organisatorischen Voraussetzungen gegeben sind.

Statement aus der Forschung: Business Cases als nächster Schritt

Im Rahmen der Veranstaltung formulierte Dr. Harald Sieke, Abteilungsleiter Luftverkehrslogistik am Fraunhofer IML, eine Einordnung, die sowohl die Chancen als auch die offenen Aufgaben betonte. „Die Konferenz hat den offenen Austausch über bestehende Fragestellungen ermöglicht, indem sie Business-, IT- und Fachperspektiven zusammengebracht hat. Der Austausch hat verdeutlicht, dass ONE Record auf einer soliden technischen Grundlage steht, aber auch für die breite Akzeptanz kontinuierlich weiterentwickelt werden muss. Der weitere Fokus liegt daher in unseren weiteren Forschungsarbeiten im DTAC nun auf der Entwicklung und Etablierung belastbarer Business Cases, um den Einsatz von ONE Record in Unternehmen nachhaltig zu verankern. Eine zunehmende Anwendung in der Praxis ist entscheidend, um Nutzen, Skalierbarkeit und Weiterentwicklung des Standards evidenzbasiert voranzutreiben“, betonte er.

Das Projekt DTAC: Digitale Anwendungen für die Luftfracht

Die Konferenz war in das Forschungsprojekt „Digitales Testfeld Air Cargo“ eingebettet, das vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung gefördert wird. Das Projektvolumen liegt bei über 18 Millionen Euro. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung digitaler Anwendungen für die Luftfracht mit dem Ziel, die Transportkette durch bessere Vernetzung und digitale Prozessoptimierung effizienter zu gestalten.

Nach einer ersten Projektphase von September 2021 bis September 2024 läuft aktuell die zweite Phase bis August 2026. Die Umsetzung erfolgt in Zusammenarbeit mit Konsortialpartnern aus der Luftfrachtbranche. Dazu zählen die Flughäfen Frankfurt, Köln, Leipzig und München sowie Unternehmen wie CHI Deutschland Cargo Handling GmbH, DB Schenker, Lufthansa Cargo AG und Sovereign Speed GmbH.

Damit verbindet das DTAC Forschungsarbeit mit einem Umfeld, in dem Standards wie ONE Record nicht nur beschrieben, sondern unter realen Bedingungen erprobt und weiterentwickelt werden können. In diesem Rahmen ordnet sich auch die Konferenz in Frankfurt ein: als Ort, an dem die Luftfracht-Community den Stand der Umsetzung diskutiert, technische Ansätze konkretisiert und die Bedingungen für eine breitere Anwendung des Standards auslotet.

Von Fraunhofer IML / RMW