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Lieferketten Strategien 30.01.2026, 15:00 Uhr

Europas Transportmärkte 2026: Zwischen Stabilität und strukturellem Druck

Die europäischen Transportmärkte starten äußerlich ruhig ins Jahr 2026. Doch hinter dieser scheinbaren Stabilität wirken Kräfte, die Lieferketten nachhaltig verändern. Kapazitätsverschiebungen, steigende Kosten, neue Handelsrouten und regulatorische Anforderungen erhöhen den Anpassungsdruck auf Verlader und Logistikdienstleister. Roel Steigerwald, Vice President of Europe Global Forwarding bei C.H. Robinson, beschreibt die zentralen Entwicklungen für Luft-, See- und Straßengüterverkehr – und zeigt auf, warum Transparenz, digitale Bereitschaft und flexible Strukturen für Unternehmen in Europa an Bedeutung gewinnen.

Roel Steigerwald, Vice President of Europe Global Forwarding bei C.H. Robinson: "Während die Märkte für Luft-, See- und Straßengüterverkehr oberflächlich betrachtet relativ stabil erscheinen, zeigt ein genauerer Blick, dass struktureller Druck, sich verändernde Handelsmuster und steigende Kosten die Logistiklandschaft weiterhin prägen werden. Die zentrale Rolle Deutschlands innerhalb Europas verstärkt viele dieser Entwicklungen und macht Transparenz, Flexibilität und digitale Bereitschaft wichtiger denn je." Foto: Smarterpix / Tryaging

Roel Steigerwald, Vice President of Europe Global Forwarding bei C.H. Robinson: "Während die Märkte für Luft-, See- und Straßengüterverkehr oberflächlich betrachtet relativ stabil erscheinen, zeigt ein genauerer Blick, dass struktureller Druck, sich verändernde Handelsmuster und steigende Kosten die Logistiklandschaft weiterhin prägen werden. Die zentrale Rolle Deutschlands innerhalb Europas verstärkt viele dieser Entwicklungen und macht Transparenz, Flexibilität und digitale Bereitschaft wichtiger denn je."

Foto: Smarterpix / Tryaging

Auf den ersten Blick präsentieren sich die europäischen Transportmärkte zum Jahresbeginn 2026 vergleichsweise ausgeglichen. In allen drei Hauptverkehrsträgern – Luftfracht, Seefracht und Straßentransport – sind weder extreme Kapazitätsengpässe noch sprunghafte Preisbewegungen zu beobachten. Doch diese Momentaufnahme verdeckt tiefgreifende strukturelle Veränderungen.

Roel Steigerwald, Vice President of Europe Global Forwarding bei C.H. Robinson, skizziert ein Umfeld, in dem sich Kostenstrukturen verschieben, Handelsmuster neu ordnen und geopolitische Einflüsse weiterhin latent präsent bleiben. Die zentrale Rolle Deutschlands innerhalb Europas verstärkt viele dieser Effekte. Als logistischer Knotenpunkt mit dichter Infrastruktur und starker industrieller Basis wirkt das Land wie ein Seismograf für Entwicklungen, die sich anschließend in andere Regionen fortsetzen.

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Luftfracht: Nachfrage aus Asien trifft auf umgelenkte Kapazitäten

Im Luftfrachtmarkt hält die starke Nachfrage aus Asien an. Treiber sind unter anderem das Wachstum des E-Commerce sowie Veränderungen in der globalen Kapazitätsverteilung der Fluggesellschaften. Trotz dieses erhöhten Frachtaufkommens ist der Markt bislang ausgeglichen geblieben. Airlines haben Flugzeuge gezielt auf europäische Korridore umgeleitet und so zusätzliche Kapazitäten geschaffen.

Gleichzeitig beeinflussen regulatorische Anpassungen in Europa weiterhin den Transport von Waren mit geringem Wert. Verlader reagieren darauf zunehmend mit flexiblen multimodalen Strategien, um auf schwankende Nachfrage reagieren zu können. Die Kombination aus stabilen Kapazitäten und regulatorischem Druck führt dazu, dass Unternehmen ihre Transportkonzepte breiter aufstellen und alternative Routen sowie Verkehrsträger stärker in Betracht ziehen.

Seefracht: Ruhe an der Oberfläche, Bewegung im Hintergrund

Auch die Seefrachtmärkte zeigen Anzeichen von Stabilität. Doch unter der Oberfläche zeichnen sich Entwicklungen ab, die das Gleichgewicht rasch verändern könnten. Eine mögliche Rückkehr zu regulären Routen durch den Suezkanal würde erhebliche zusätzliche Kapazitäten freisetzen. Das hätte potenziell einen Abwärtsdruck auf die Frachtraten zur Folge.

Reedereien müssten in einem solchen Szenario ihre Flottenstrategien oder Stilllegungsmaßnahmen anpassen, um ein Überangebot zu vermeiden. Für Verlader bedeutet diese Situation, dass kurzfristige Preisbewegungen zwar möglich sind, die langfristige Planung jedoch durch Unsicherheiten geprägt bleibt. Entscheidungen über Routen, Laufzeiten und Vertragsmodelle gewinnen damit weiter an strategischer Bedeutung.

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Straßentransport: Kostendruck und strukturelle Ungleichgewichte

Im europäischen Straßengüterverkehr, insbesondere in Deutschland, wirken mehrere Kostenfaktoren gleichzeitig. Steigende Ausgaben für Personal, Kraftstoff, Versicherungen und Maut verändern die Wirtschaftlichkeit vieler Relationen. Der intensive Wettbewerb begrenzt jedoch die Möglichkeiten der Spediteure, diese Mehrkosten an ihre Kunden weiterzugeben. Das führt zu einem spürbaren Margendruck in der gesamten Branche.

In der Folge haben einige Unternehmen begonnen, Fahrzeuge stillzulegen oder sich vollständig aus dem Markt zurückzuziehen. Hinzu kommen strukturelle Ungleichgewichte im Warenfluss, etwa zwischen Ost und West, Nord und Süd sowie zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Diese Disbalancen erschweren die Netzwerkplanung und erhöhen die Leerfahrtenquote.

Obwohl der Fahrermangel weiterhin besteht, ist die Gesamtkapazität im Straßengüterverkehr aktuell ausreichend, um die Preise vergleichsweise niedrig zu halten. Daraus ergibt sich eine paradoxe Situation: ein Markt mit anhaltendem Kostendruck auf der einen und gedämpften Preisen auf der anderen Seite.

Neue Beschaffungsstrukturen und regulatorische Anforderungen

Parallel zu diesen Entwicklungen diversifizieren Unternehmen in ganz Europa ihre Lieferketten. Ziel ist es, die Abhängigkeit von einzelnen Bezugsquellen zu reduzieren. Mehrstufige Lieferantennetzwerke entstehen in Südostasien, Indien und Nearshore-Regionen. Diese Umstrukturierungen erhöhen jedoch die Komplexität der Transportplanung.

Zusätzlich wirkt sich die Ausweitung des EU-Emissionshandelssystems auf den Logistiksektor aus. Transportunternehmen, die EU- und EWR-Häfen anlaufen, müssen künftig 100 % ihrer Treibhausgasemissionen überwachen und überprüfen. Das verändert Kostenstrukturen und beeinflusst Routenentscheidungen.

Geopolitische Unsicherheiten, darunter der Krieg in der Ukraine und Spannungen im Nahen Osten, haben die wichtigsten europäischen Handelsströme bislang nicht grundlegend gestört. Dennoch ist absehbar, dass Wiederaufbaumaßnahmen und neue Wirtschaftskorridore mittelfristig die Nachfrage verschieben werden. Insbesondere der Wiederaufbau der Ukraine könnte langfristig einen erhöhten Bedarf an Materialien, Maschinen und maritimer Projektlogistik erzeugen. Auch entstehende Korridore zwischen Indien, dem Nahen Osten und Europa eröffnen neue Beschaffungs- und Routing-Optionen.

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Deutschland als logistischer Anker Europas

Die Bedeutung Deutschlands für die europäischen Lieferketten bleibt unverändert hoch. Zentrale Lage, dichte Verkehrsnetze und industrielle Stärke machen das Land zum wichtigsten logistischen Drehkreuz des Kontinents. Gleichzeitig setzen steigende Betriebskosten, darunter deutlich erhöhte Mautgebühren, die Transportbudgets unter Druck.

Für deutsche Verlader rücken damit Netzwerkoptimierung, Digitalisierung und effizientere Beschaffungsprozesse in den Vordergrund. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, muss Transparenz über Warenströme schaffen und die Zuverlässigkeit seiner Lieferketten aktiv steuern.

Digitale Werkzeuge als operatives Fundament

Die digitale Transformation gewinnt in diesem Umfeld weiter an Tempo. Unternehmen, die Echtzeit-Transparenz, Automatisierung und KI-gestützte Planungstools wie den Always-On Logistics Planner von C.H. Robinson einsetzen, reduzieren manuelle Arbeitsschritte und verbessern ihre Entscheidungsfindung. In einem kostensensiblen und zugleich schwer prognostizierbaren Marktumfeld entwickeln sich solche Werkzeuge zunehmend vom Wettbewerbsvorteil zur betrieblichen Notwendigkeit.

Digitale Plattformen ermöglichen es, Beschaffungszyklen enger zu steuern, Risiken frühzeitig zu erkennen und Transportoptionen flexibel zu kombinieren. Gerade in Deutschland, wo Kostensteigerungen besonders stark zu Buche schlagen, wird die Fähigkeit zur datenbasierten Planung zum zentralen Faktor.

Strategische Leitplanken für 2026

Mit Blick auf das Jahr 2026 hebt C.H. Robinson mehrere Schwerpunkte hervor, die für Unternehmen in ganz Europa relevant sind. Dazu zählen die Fähigkeit, je nach Marktentwicklung flexibel zwischen Luft-, See- und Straßengüterverkehr zu wechseln, eine diversifizierte Beschaffung zur Reduzierung regionaler Risiken, der konsequente Einsatz von Technologie zur Beschleunigung operativer Abläufe und zur Senkung der Gesamtkosten sowie eine umfassende Risikokartierung, die geopolitische, klimatische und infrastrukturelle Einflüsse berücksichtigt.

Zusammengenommen zeichnen diese Faktoren das Bild eines europäischen Transportmarktes, der Agilität, digitale Kompetenz und strategische Voraussicht erfordert. Unternehmen, die bereits heute in transparente Planung und flexible Strukturen investieren, schaffen die Grundlage, um mit den erwarteten Veränderungen im Jahr 2026 umgehen zu können.

Von C.H. Robinson / RMW