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Digitale Systeme 30.01.2026, 14:00 Uhr

KI, Robotik und Regulierung: Warum 2026 zum Wendepunkt für die Logistik wird

Das Jahr 2026 markiert für die Logistikbranche eine Phase verdichteter Veränderungen. Künstliche Intelligenz erreicht den operativen Alltag, neue EU-Regulierungen definieren digitale Rahmenbedingungen, mobile Robotik schließt Lücken im Fulfillment, und softwarebasierte Plattformen lösen starre Materialflusslogiken ab. Gleichzeitig gewinnt Nachhaltigkeit strategisch an Bedeutung. Eine Analyse der B2B-Kommunikationsagentur additiv zeigt, welche Entwicklungen zusammenwirken – und warum Logistik zunehmend als integriertes Gesamtsystem gedacht werden muss.

WG Bild Idee - 1

Die Open Logistics Foundation treibt offene Standards für interoperable Logistiksysteme in ganz Europa voran.

Foto: Open Logistics Foundation

Mit der Verordnung über elektronische Frachtbeförderungsinformationen, kurz eFTI, etabliert die Europäische Union einen verbindlichen Rahmen für den digitalen Austausch von Transportdaten. Seit August 2024 greifen die zentralen Bestimmungen schrittweise, bis Juli 2027 müssen Behörden elektronische Frachtinformationen akzeptieren, sofern diese über zertifizierte eFTI-Plattformen bereitgestellt werden.

Formal bleibt die Nutzung für Unternehmen freiwillig. Praktisch entsteht jedoch ein wachsender Handlungsdruck. Wer Kontrollen effizient, medienbruchfrei und interoperabel gestalten will, kommt an digitalen Systemen kaum vorbei. Damit rückt nicht nur die technische Umsetzung in den Fokus, sondern auch die Frage nach einheitlichen Datenmodellen und offenen Schnittstellen.

An dieser Stelle setzt die Open Logistics Foundation an. Als branchenübergreifende Initiative bringt sie Unternehmen und Institutionen zusammen, um einen offenen technischen Rahmen zu schaffen, in dem Plattformen, Datenstrukturen und Schnittstellen EU-weit harmonisiert werden können. Grundlage sind gemeinschaftlich entwickelte Open-Source-Komponenten. Dieser kollaborative Ansatz erleichtert die Entwicklung kompatibler eFTI-Plattformen und sogenannter eFTI-Gates, über die Behörden künftig direkt auf Transportinformationen zugreifen.

Projekte wie der digitale Frachtbrief eCMR zeigen bereits, wie solche Standards entstehen. Digitalisierung wird damit zunehmend als gemeinsamer Infrastrukturaufbau verstanden – weniger als isoliertes IT-Projekt einzelner Akteure.

Programm des 33. Deutschen Materialfluss-Kongresses veröffentlicht

KI im Lagerbetrieb: Von regelbasiert zu adaptiv

Parallel zur regulatorischen Neuordnung entwickelt sich eine zweite Dynamik, die 2026 sichtbar an Bedeutung gewinnt: Künstliche Intelligenz zieht in den operativen Alltag der Logistik ein. Entscheidungen basieren immer seltener auf starren Regeln, sondern auf datengetriebenen Modellen, die sich laufend anpassen.

Ein Beispiel liefert der WMS-Anbieter Logistics Reply mit GaliLEA Dynamic Intelligence. Die Lösung erlaubt es, KI-Agenten zu konfigurieren, die Prozessdaten analysieren, Anomalien erkennen und Abläufe im Lagerbetrieb aktiv unterstützen. Über eine visuelle No-Code-Oberfläche lassen sich komplexe Logiken aus Prompts, Tools, Modellen und Triggern abbilden, ohne klassische Programmierung.

Was früher umfangreiche Entwicklungsprojekte erforderte, können Fachanwender heute selbst umsetzen. Die Agenten arbeiten parallel, lassen sich um ERP-, IoT- oder API-Daten erweitern und orchestrieren Aktionen systemübergreifend. Auf diese Weise werden Produktivitätsverluste frühzeitig sichtbar, während zeitintensive Prozesse wie die Retourenprüfung beschleunigt werden.

Multimodale Intelligenz für flexible Materialflüsse

Digitale Zwillinge als Echtzeitreferenz

KI entfaltet ihre Wirkung jedoch nicht nur über Agentensysteme. Auch digitale Zwillinge entwickeln sich zu zentralen Steuerungsinstrumenten. PSI verfolgt diesen Ansatz mit PSIwms AI, das den digitalen Zwilling direkt in das Warehouse Management System integriert.

Jede Veränderung im physischen Lager wird unmittelbar ins digitale Modell übertragen. Dadurch entsteht eine kontinuierlich aktualisierte Datenbasis, auf deren Grundlage sich Prozesse nicht nur rückblickend analysieren, sondern vorausschauend steuern lassen. Entscheidungen entstehen in Echtzeit, gestützt auf synchronisierte Abbilder der Realität.

Die geplante Erweiterung um einen Business Assistant, KI-gestützte Dokumentation und einen Konfigurationsassistenten zeigt, wie stark sich Bedienbarkeit und Transparenz weiterentwickeln. Operative Abläufe werden nachvollziehbarer, Konfigurationen schneller umsetzbar, und komplexe Zusammenhänge lassen sich einfacher erfassen.

Generative Robotik: Autonomie im Picking

Auch die Robotik erreicht 2026 eine neue Entwicklungsstufe. Automatisiertes Handling basiert zunehmend auf KI-Modellen, die Situationen selbst interpretieren und Entscheidungen in Echtzeit ableiten.

Das Stuttgarter Start-up Sereact demonstriert diese Entwicklung mit seinem Vision-Language-Action-Modell Cortex. Trainiert mit Hunderten Millionen realer Picks ermöglicht das System sogenanntes Zero-Shot-Handling: Roboter können neue Produkte sofort greifen, ohne vorherige Programmierung oder Testläufe. Damit sinkt der Integrationsaufwand, während Prozessstabilität steigt – insbesondere in Umgebungen mit stark wechselnden Sortimenten.

Ergänzt wird Cortex durch die visuelle Intelligenz Lens, die Produkte in Echtzeit identifiziert, vermisst und prüft. Beide Systeme arbeiten synchronisiert und erreichen stabile Durchsatzraten von über 300 Picks pro Stunde, mit weitgehend autonomen Abläufen im Kommissionier- und Retourenhandling.

Virtuelle Wege für schwere Lasten

Mobile Robotik schließt Lücken im Fulfillment

Neben stationären Picklösungen gewinnt mobile Robotik weiter an Bedeutung, vor allem in Übergangsbereichen zwischen Kommissionierung, Konsolidierung und Verpackung. SAFELOG adressiert genau diese Zonen, die für die Leistungsfähigkeit von E-Commerce-Netzwerken zunehmend entscheidend werden.

Die Fahrzeuge arbeiten in einer agentenbasierten Schwarmarchitektur ohne zentralen Leitstand. Modelle wie GT1 oder XS1 lassen sich auch in bestehenden Layouts und mehrstöckigen Umgebungen integrieren. Unterstützt durch Standards wie VDA 5050, eine herstellerübergreifende Kommunikationsschnittstelle für mobile Transportfahrzeuge, können Flotten flexibel skaliert werden.

PSIwms AI von PSI integriert den digitalen Zwilling direkt in das Warehouse Management System und macht ihn zur Grundlage für Analysen, Simulationen und Entscheidungen in Echtzeit.

Foto: PSI/Adobe Stock

Nachhaltigkeit als infrastrukturelle Aufgabe

Während Automatisierung Effizienzgewinne ermöglicht, rückt gleichzeitig die energetische Basis logistischer Systeme stärker in den Fokus. Je vernetzter die Logistik wird, desto relevanter wird die Frage nach klimafähigen Transportketten.

Der Kompressoren- und Druckluftspezialist BOGE zeigt mit dem Pilotprojekt Haru Oni in Chile, wie Windenergie zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe genutzt werden kann. Diese sogenannten E-Fuels lassen sich perspektivisch in bestehenden Flotten einsetzen. BOGE liefert dafür zentrale Technologien wie Druckluft- und Stickstoffsysteme sowie Lösungen zur CO2-Speicherung und -Verdichtung.

Das Projekt verdeutlicht, wie eng Maschinenbau und Logistik bei der Entwicklung alternativer Energiekonzepte zusammenrücken – mit dem Ziel, dort Emissionen zu senken, wo konventionelle Antriebe bislang kaum ersetzbar sind.

Vision Language Action Modell Cortex ermöglicht Zero Shot Handhabung: Roboter können neue Produkte sofort kommissionieren, ohne Programmieraufwand oder Testläufe.

Foto: Sereact

Fähigkeitsbasierte Steuerung ersetzt feste Materialflusslogik

Parallel zur Energiewende verändert sich die Steuerung innerbetrieblicher Transporte. Die wachsende Heterogenität aus autonomen Robotern, manuellen Fahrzeugen und standortübergreifenden Flotten erfordert flexible Softwarearchitekturen.

SYNAOS steht exemplarisch für diesen Wandel. Die Intralogistics Platform verteilt Transportaufträge in Echtzeit nach Fähigkeiten, Position und Verfügbarkeit. Statt fixer Routen entsteht ein dynamisches Netzwerk, das kontinuierlich auf neue Bedingungen reagiert. Fahrzeuge werden situativ eingesetzt – abhängig davon, welches System die Aufgabe am effizientesten erfüllt.

Durch offene Schnittstellen wie VDA 5050 lassen sich Flotten hersteller- und standortübergreifend integrieren. Damit entstehen skalierbare Materialflüsse, die sich an wechselnde Anforderungen anpassen.

Systemdenken statt Einzeltechnologien

2026 wird geprägt vom Zusammenwirken mehrerer Entwicklungen: Digitale Regulierung schafft verbindliche Grundlagen, KI unterstützt operative Entscheidungen, Robotik gewinnt Autonomie, Fulfillment wird flexibler, alternative Energieträger rücken näher an die Praxis, und Plattformarchitekturen lösen starre Logiken ab.

Die zentrale Herausforderung liegt darin, diese Bausteine nicht isoliert zu betrachten, sondern als Elemente eines zusammenhängenden Systems. Logistik entwickelt sich damit weiter von einer Abfolge einzelner Prozesse hin zu vernetzten, adaptiven Netzwerken – mit direkten Auswirkungen auf Effizienz, Resilienz und Nachhaltigkeit.

Von additiv / RMW