Industrieroboter für alle 17.03.2022, 07:30 Uhr

Wie ein Paderborner Robotik-Start-up den deutschen Mittelstand transformieren will

Der junge Firmengründer Mladen Milicevic hat sich in China mit Robotern „getroffen“ – mit Folgen. Zurück in Paderborn wusste er: Robotik ist keine „Raketenwissenschaft“, warum also wird sie der deutschen Industrie als diese verkauft?

Industrieroboter in einem Palettierprozess: Neben individuellen Angeboten offeriert das junge Untenehmen auch fertige Musterlösungen. Foto: Unchained Robotics

Industrieroboter in einem Palettierprozess: Neben individuellen Angeboten offeriert das junge Untenehmen auch fertige Musterlösungen.

Foto: Unchained Robotics

Robotik gilt allgemein als eine elitäre Technologie für die Großunternehmen und Konzerne dieser Welt – das muss auch anders gehen, so lautete die Erkenntnis von Milicevic. Aus diesem Antrieb heraus, entstand die Plattform Unchained Robotics. Jetzt will er dem deutschen Mittelstand Hilfe zur Selbsthilfe liefern. Ein Blick in den Maschinenraum dient der Vertiefung des Themas.

Antworten für den deutschen Mittelstand liefern

Robotik klingt nach viel Science Fiction: große Hallen, funkelnde Autos, staunende Gesichter. Klar, Robotik muss kompliziert und teuer sein. Als deutscher Mittelständler braucht man sich gar nicht erst damit beschäftigen. „80 Prozent aller Fabriken haben noch nie einen Roboter gesehen“, ist sich Mladen Milicevic, Gründer von Unchained Robotics, sicher. Das hängt auch mit der Intransparenz der Branche zusammen. Was kostet mich überhaupt ein Roboter? Welche Art von Roboter brauche ich? Und wie wird der in meinen bestehenden Fertigungsprozess implementiert? Fragen, auf die es bisher zu wenig Antworten gab. Vor allem „deutsche“ Antworten, und vor allem Response für den Mittelstand, fehlten bisher.

Die Demokratisierung der Robotik

Mladen Milicevic und Kevin Freise wollen genau das ändern. Ihre Plattform „Unchained Robotics“ offeriert Robotik und Automatisierungstechnik für Fertigungsprozesse. Sie bieten vor allem kollaborative Roboter an, also die neueste Generation von Industrierobotern. Diese haben viele Vorteile: Durch unterschiedliche Greifer und Komponenten kann die Technik jederzeit umgebaut werden – sobald sich Anforderungen und Wünsche der Anwender ändern.

Die Gründer des Paderborner Start-ups – Mladen Milicevic und Kevin Freise – wollen den Markt mit ihrer Plattform "demokratisieren" und öffnen.

Foto: Unchained Robotics

Auf dieser Logik basiert auch das Geschäftsmodell des Paderborner Start-ups. Neben individuellen bieten sie auch fertige Musterlösungen an, die bereits in anderen Unternehmen erfolgreich eingesetzt wurden. Diese Musterlösungen werden dann an die Anforderungen ihres „neuen Besitzers“ angepasst. Das macht die Roboter nicht nur schnell einsatzfähig, sondern auch finanziell erschwinglich. „Das Rad muss nicht immer wieder neu erfunden werden. Zusammen mit unserem Maschinenbau-Partnernetzwerk entwickeln wir Roboter, die Baukasten-ähnlich immer wieder neu und anders zusammengebaut werden. So kommen sie schnell in die Fabriken und können bei der Produktion unterstützen“, sagt Kevin Freise, Co-Gründer von Unchained Robotics und selbst gelernter Maschinenbauer.

Sauggreifer an einem Roboter: In China hat einer der Gründer bereits projektweise Logistikprozesse in Fertigungshallen optimiert und viele Erfahrungen gesammelt. Grafik: Unchained Robotics

Roboter als Ventil gegen den Fachkräftemangel

Mit „unterstützen“ spricht Freise einen wichtigen Punkt an: den akuten Fachkräftemangel. Laut einer Studie der Strategieberatung Boston Consulting Group können und müssen bis zum Jahr 2025 über 300.000 Stellen in Deutschland durch Roboter abgefedert werden, weil Menschen fehlen. Für 84 Prozent der mittelständischen Unternehmen ist nicht die Frage, „ob“ sie Roboter einsetzen werden, sondern „wann“.

Sie versprechen sich vom technischen Kollegen eine Entlastung auf verschiedenen Ebenen. Zum einen sind es körperlich anstrengende, aber auch monotone oder gefährliche Tätigkeiten. Am Ende geht es also nicht nur um Produktivität, sondern auch um Sicherheit. Denn ja, Roboter können schneller schrauben, schleifen und schweißen, aber vor allem verletzen sie sich nicht. Die Kooperation zwischen Mensch und Maschine ist mehr als nur ein Ventil gegen den Fachkräftemangel.

„Wir sind überzeugt davon, dass die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine ein wichtiger Bestandteil unserer Zukunft ist – nur so bleiben wir wettbewerbsfähig“, sagt der Co-Gründer Kevin Freise. Die Gründer wollen den Markt mit ihrer Plattform demokratisieren und öffnen. Robotik soll allen zugänglich werden – vor allem dem Mittelstand. Diese Öffnung wollen sie durch ihre Rolle als unabhängiger Berater und Vermittler erreichen. Denn anders als der Wettbewerb agiert die Plattform selbst nicht als Hersteller – jedoch als Umsetzer. Sprich, nach dem Kauf über die Plattform werden die Roboter in den gewünschten Fertigungsprozess implementiert. Und den Kund:innen so übergeben, dass sie keinerlei Programmierkenntnisse oder ähnliches brauchen. Die Bedienung erfolgt über ein intuitives Touchdisplay. Keine aufwendige Schulung, keine technischen Barrieren.

Die Bedienung ist über ein intuitiv bedienbares Touchdisplay möglich, sodass keine aufwendige Schulung nötig ist,

Foto: Unchained Robotics

Eine Hightech-Branche mit eingestaubten Prozessen – wie passt das zusammen?

Diese Einfachheit hat der Branche bisher gefehlt – gerade wenn es um Prozesse geht. „Die Robotik war bisher in einer typischen Maschinenbau-Logik gefangen. Zu starr, zu intransparent und zu kompliziert. Es hat zu lange gedauert, bis die Roboter letztlich in den Fabriken ankamen. All das hat dazu geführt, dass die Technologie unnötig teuer wurde und dementsprechend bestimmte Käufergruppe ausgeschlossen waren“, sagt Milicevic.

Dass das anders geht, hat der Paderborner 2018 hautnah in China erlebt. In Beijing hat er projektweise Logistikprozesse in Fertigungshallen optimiert – und dabei den Technologiestandard der Chinesen bewundert. Das müsse doch auch in Europa, in Deutschland, gehen. Nur ein Jahr später entwickelte er dann gemeinsam mit Kevin Freise die Plattform Unchained Robotics. Die Beiden waren sich einig: Ihre Plattform muss maximal intuitiv sein. Keine lange Produktsuche, kein Studieren der technischen Details, transparente Kosten.

Heute funktioniert die Plattform wie ein Ökosystem aus Robotern, Greifern und Kameras. Auch hier zeigt sich wieder das Baukasten-Prinzip. Kund:innen können Roboter und notwendige Komponenten ganz einfach in einem Konfigurator zusammenstellen. Fühlt sicher eher nach Onlineshopping als nach Raketenwissenschaft an. „Automatisierung ist viel günstiger, als man denkt. Zum Einstieg sollte man ungefähr mit 80.000 bis 100.000 Euro rechnen. Das amortisiert sich meistens bereits nach anderthalb Jahren“, sagt Milicevic. Mit einem passenden Leasingangebot können auch kleinere Unternehmen und Start-ups schon heute von der Robotik profitieren. Vom Auftrag bis zum fertigen Roboter in der Fabrik dauert es dann nur noch vier bis acht Wochen – Schulung inklusive. Normalerweise dauert solch ein Prozess mehrere Monate.

Die Roboter lassen sich Baukasten-ähnlich immer wieder neu und anders zusammenstellen, zum Beispiel mit passenden Kameras.

Foto: Unchained Robotics

Plattform sorgt für neue Vertriebswege

Vom Paderborner Start-up profitiert auch der Technologiedienstleister „Alexander Bürkle robotic solutions GmbH“. Dieser gehört zu einem von über zehn Unternehmen, die ihre Produkte und Lösungen auf dem Online-Marktplatz anbieten. Als Ergebnis dieser erfolgreichen Partnerschaft entstand für Alexander Bürkle robotic solutions ein neuer Vertriebsweg. „Mit Unchained Robotics haben wir einen Partner gefunden, der die Automatisierung für den Mittelstand neu denkt – genau wie wir. Um Automatisierung für kleine und mittlere Fabriken verfügbar zu machen, benötigen wir standardisierte Lösungen und effiziente Prozesse“, sagt Bürkle-Geschäftsleiter Timo Becker. Durch die Zusammenarbeit erschließt sich der Technologiedienstleister neue Märkte und beschäftigt sich mit neuartigen Kundenanfragen – so wie denen eines Möbelherstellers. Hier fertigten die Partner im engen Austausch sechs neue Anlagen zur Depalettierung von Möbelstücken. Dabei berieten und betreuten sie den Kunden von der Suche, über die Auswahl bis hin zur Integration der Technik.

Seit 2019 haben – so oder so ähnlich – bereits über 30 Kunden in Deutschland den Weg zum Paderborner Robotik-Dienstleister gefunden – neben internationalen Konzernen und führenden Forschungseinrichtungen auch immer mehr KMUs. Mit der Böllhoff Gruppe hat genau ein solcher Mittelständler in Unchained Robotics investiert – und damit quasi in sich selbst. Mittlerweile beläuft sich das externe Investment auf über 2,2 Millionen Euro. Mit diesem Geld möchte das Start-up seinen deutschlandweiten Vertrieb und Service ausbauen. Auch an der Plattform wird weiter gearbeitet. Mladen Milicevic hat Wettbewerber aus China, Japan, USA und Südkorea im Blick. In puncto Automatisierung hat Deutschland hier großen Aufholbedarf. Unchained Robotics will das ändern – damit auch im deutschen Mittelstand Robotik wirklich Science und keine Fiction bleibt.

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Von Unchained Robotics / Birgit Etmanski

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