Wird Künstliche Intelligenz die Kreislaufwirtschaft erleichtern?
Über Künstliche Intelligenz (KI) mit ihren Möglichkeiten und Risiken wird vielerorts diskutiert. Auch in der Kreislaufwirtschaft bietet KI entlang der Wertschöpfungskette – beginnend bei der Materialentwicklung über die Prozessführung bis hin zum Recycling und der Qualitätssicherung – neue Chancen. Worauf hierbei vor allem auch Mittelständler achten sollten, erklärt Lars Börger, Geschäftsführer des nova-Instituts, Köln.
Künstliche Intelligenz wird auch in die Kreislaufwirtschaft einziehen.
Foto: smarterpix/birdlkportfolio2559@hotmail.com
Kreislaufwirtschaft und KI
Herr Börger, wie bedeutsam ist KI generell für Unternehmen?
Lars Börger: Sehr wichtig. KI beeinflusst die Wirtschaft auf nahezu allen Ebenen, insbesondere in Bezug auf Wertschöpfungsketten, Produktions- und Managementprozesse und alle Bereiche der Innovation. Künstliche Intelligenz gibt Unternehmen die Chance, neue Technologien deutlich schneller marktreif zu machen. Das gilt besonders in der Chemie- und Materialentwicklung – und damit in der Kreislaufwirtschaft. Denn dort sind Innovationszyklen traditionell lang und damit teuer. Und KI kann Entwicklungszeiten massiv verkürzen.
Wie kann das gehen?
Börger: Beispielsweise lassen sich Experimente mit neuen Materialien oder Produkten, die kreislauffähiger sein sollen, gezielter steuern und dadurch Innovationen insgesamt beschleunigen. Auf diese Weise können wir Rückstände gegenüber etablierten oft fossil-basierten Technologien schneller aufholen oder sogar überspringen.
Wertschöpfungskette im Blick
Kann KI auch die Resilienz erhöhen?
Börger: Natürlich! KI kann helfen, unsere Stärken im Bereich Chemie, Materialien und Anlagenbau besser auszuspielen und Abhängigkeiten von kritischen Rohstoffen zu reduzieren. Einfach gesagt: Durch smarten Materialaustausch, effizientere Prozesse und optimierte Kreisläufe lassen sich Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz stärken – und vielleicht lässt sich sogar die europäische Marktführerschaft wieder herstellen. Das kann nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Europa strategisch relevant sein.
Unternehmen sollten also nicht nur auf sich schauen?
Börger: KI kann die Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungsketten vereinfachen. KI-gestützte Datenplattformen, digitale Zwillinge und gemeinsame Datenräume ermöglichen erstmals eine durchgängige Sicht auf Materialien, Prozesse und Produkte – vom Rohstoff über die Produktion bis zum Recycling. So kann aus isolierter Optimierung eine ganzheitliche Systemoptimierung entstehen, die Voraussetzung für funktionierende Kreislaufwirtschaft in der Industrie ist.
Mit Prozess- und Materialwissen zurück zur Marktführerschaft
Was bedeutet der KI-Einsatz konkret für mittelständische Unternehmen? Kann KI den Mittelstand zum Vorreiter machen, oder wird es zur zusätzlichen Hürde in ohnehin kapital- und datenintensiven Märkten?
Börger: Für mittelständische Unternehmen ist KI zugleich Chance und Risiko. Auf der Chancen-Seite stehen erhebliche Effizienzgewinne in Produktion, Instandhaltung, Qualitätskontrolle und Planung. Gerade im Mittelstand, wo Ressourcen oft begrenzt sind, können diese Produktivitätsgewinne entscheidend sein. Sie ermöglichen es, operative Aufwände zu reduzieren und den Fokus stärker auf Innovationen, neue Materialien und zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu legen. In diesem Sinne hat KI das Potenzial, den Mittelstand zu stärken und eventuell sogar zum Vorreiter zu machen – insbesondere dort, wo tiefes Prozess- und Materialwissen vorhanden ist.
Und die Risiken?
Börger: Ja, KI birgt auch Risiken. Ein „Winner-takes-all“-Effekt droht, wenn Plattformen und Daten auf wenige Riesen konzentriert werden. Dann wandert Wertschöpfung weg vom Mittelstand und neue Abhängigkeiten entstehen. In kapital- und datenhungrigen Märkten wird KI so zur Hürde statt zum Hebel. Doch wird hier aufgepasst, überwiegen aus meiner Sicht die Chancen.
Worauf sollten gerade Mittelständler achten?
Börger: Wichtig ist, dass sie KI bewusst und strategisch einsetzen, um ihre eigenen Stärken auszuspielen, statt sich vollständig in fremde Plattformlogiken einbinden zu lassen. Wenn sie Effizienzgewinne in kluge Innovationen und neue Geschäftsmodelle ummünzen, wird KI zum Turbo für Wettbewerbskraft und Zukunftssicherheit im industriellen Mittelstand.
Also kann KI die Kreislaufführung von Materialien und Stoffen fördern?
Lars Börger: Ja.
Ist KI in der Industrie lediglich eine konsequente Weiterentwicklung bestehender Digitalisierungsansätze – oder verändert sie grundlegend, wie Materialien entworfen, produziert und im Kreis geführt werden?
Börger: Künstliche Intelligenz geht – richtig verstanden – in der Industrie weit über klassische Digitalisierung hinaus. Während konventionelle digitale Ansätze vor allem Transparenz, Automatisierung und Effizienz in einzelne Prozesse bringen, verändert KI grundlegend, wie Materialien entwickelt, hergestellt und im Kreislauf geführt werden. Die Ansätze dazu gab es schon länger – Stichworte lauten „Design of Experiment“ (DoE) oder neuronale Netze. Die jetzige Stufe der KI eröffnet allerdings in Chemie, Materialforschung und Biotechnologie neue Suchräume und macht Lösungswege zugänglich, die mit rein klassischen experimentellen oder regelbasierten Methoden kaum erreichbar wären. Mit anderen Worten: Mit KI können Materialien gezielt auf Kreislauffähigkeit, Performance und Nachhaltigkeit hin entwickelt werden, statt diese Eigenschaften nachträglich zu optimieren.
Herr Börger, vielen Dank für das Gespräch.
Dr. Ralph H. Ahrens ist Redakteur der VDI energie + umwelt
rahrens@vdi-fachmedien.de





