Gesucht: Konsens um CCS und CO2-Pipelines
Die Bundesregierung hat Ende 2025 den Weg für den Transport und das Speichern von Kohlendioxid freigemacht. Damit sofort zu beginnen, ist nicht einfach. Dies zeigt eine intensive Diskussion in Nordrhein-Westfalen: Das Auffangen und Speichern von CO2 (CCS) kann falsche Anreize setzen und es fehlt die notwendige Infrastruktur. Aber: Erste CO2-Pipelines werden bereits geplant. Die lokale Akzeptanz ist jedoch nicht immer gegeben.
Blick auf das Zementwerk der Spenner GmbH in der Stadt Erwitte zwischen Paderborn und Dortmund.
Foto: Spenner
Klimaneutral zu produzieren, ist ein Traum vieler Unternehmen. CO2-Emissionen lassen sich aber nicht immer vermeiden. Also wohin mit dem Treibhausgas (THG)? Auffangen und Speichern ist eine Möglichkeit, Auffangen und als Rohstoff nutzen eine andere.
Beim Seichern oder Nutzen müssten Ökologie und Ökonomie zusammenkommen, betonte Mona Neubaur, NRW-Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie, als das Projekt „CC(U)S in NRW“ ein Diskussionspapier vorgelegt hat. In diesem Projekt diskutieren Stakeholder aus Wirtschaft, Wissenschaft, Umweltverbänden und Zivilgesellschaft ergebnisoffen. Dabei zeigten sich zwischen den Teilnehmenden zur CCS-Nutzung neben Konsensen auch Dissense.
Aktuelle Gesetzgebung
Die Bundesregierung hat im November 2025 die aktuelle Version des Gesetzes zur dauerhaften Speicherung und zum Transport von Kohlendioxid verabschiedet. Dieses Kohlendioxid-Speicherung-und-Transport-Gesetz, kurz KSpTG, schafft den Rechtsrahmen, um Verfahren zu Abscheidung, Transport und dauerhafter Speicherung von Kohlendioxid, die CCS-Technologien, einzusetzen. Dies Gesetz regelt explizit auch den CO2-Transport über Pipelines. Gespeichert werden soll vor allem offshore unter der Nordsee, Onshore-Speicher können Bundesländer per „Opt-in-Klausel“ zulassen.
CCS in Nordrhein-Westfalen
So weit, so gut. Doch wie sieht es konkret aus – etwa in Nordrhein-Westfalen? Einig sind sich alle Teilnehmenden, dass der Grundsatz „Vermeiden vor Verwerten“ ergänzt um „Speichern“ gilt. Das Verringern von THG-Emissionen hat Vorrang.
Konsens war auch, dass Kohlenstoff als Rohstoff zur Molekülwende, wie Ministerin Neubaur es sagte. genutzt werden kann. Bei beim Nutzen von CO2, also beim CCU, gibt es aber Unklarheiten. Offen ist beispielsweise, wie eine nicht zeitweise Nutzung von CO2 etwa in Baustoffen oder Kunststoffen regulatorisch berücksichtigt werden kann. Der BUND NRW betonte in einem Sondervotum sogar, CCS und CCU verringerten keine THG-Emissionen, sondern verzögerten allenfalls deren Freisetzung.

Speichern zum Teil unvermeidbar
Das CCS dann ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität sein kann, wenn nicht-vermeidbare Emissionen auf diese Weise gespeichert werden, darin waren sich alle Teilnehmenden – bis auf denjenigen des BUND NRW – einig. Diese „Wenn-dann“-Bedingung hält Lukas Stemper. Geschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) in NRW, für wichtig. Andernfalls könnten es bei Gaskraftwerken zu fossilen Lock-In-Effekten führen, wenn diese weiter Erdgas verfeuern, das Treibhausgas aber danach auffangen und speichern würden.
Zementindustrie will klimaneutral produzieren
Das Speichern nicht-vermeidbarer CO2-Emissionen etwa aus Zementwerken steht zwar erst am Anfang, doch es gibt bereits Pläne – etwa in der Region um Erwitte und Geseke südwestlich von Paderborn. Die dort ansässigen fünf Zementhersteller können sich vorstellen 2035 klimaneutral zu arbeiten. Dazu müssen sie das Treibhausgas auffangen und beispielsweise den Rohstoff CO2 dorthin transportieren, wo er gespeichert werden kann oder wo Chemiefirmen ihn verarbeiten können. Johannes Ruppert vom Forschungsinstitut VDZ Technology der Zement- und Baustoffindustrie, Düsseldorf, verweist zudem auf die CO2-Roadmap des Vereins Deutscher Zementwerke (VDZ) von 2020. Danach will die Branche ihre CO2-Emissionen bis 2050 mit Minderungsmaßnamen um 36 % gegenüber 2019 senken. „Ganz Klimaneutral können Zementwerke nur mit CCS und CCU werden.“
CO2-Pipeline für fünf Zementwerke
Zurück nach Erwitte und Geseke: Mit der Umsetzung des Plans zu Klimaneutralität haben sich Vertreter der Zementhersteller und beider Städte beschäftigt. Ihr Fazit: Eine CO2-Pipeline für den Transport zur Nordsee wäre sinnvoll. Sie wollen sich dazu an den „Rhein-Delta-Korridor“ andocken, ein CO2– und H2-Pipeline-Projekt von vier niederländischen und deutschen Firmen entlang des Rheins bis um Rheindelta und Wilhelmshaven. Ohne Pipeline müssten im Schnitt jeden Tag mehr als 200 Lkw zu Hafen-Umschlagplätzen fahren. Die Pipeline wäre mit einem Durchmesser von 50 bis 70 cm ähnlich groß wie eine Erdgasleitung. Die Zementhersteller und die Städte haben ihren Entschluss am dem Tag bekannt gegeben, an dem auch das „CC(U)S in NRW“-Projekt das Diskussionspapier vorgestellt hat.
Lokale Akzeptanz gesucht
Ob die CO2-Pipeline wirklich gebaut werden kann, ist jedoch offen. Nicht immer ist die lokale Akezptanz für diese Pipelines gegeben. Einige nordrhein-westfälische Kommunen äußern sich kritisch. Und für die Stadt Hilden überschreitet ein CO2-Leitungsvorhaben die Grenze des Ertragbaren. Die Diskussion über Pros und Contras wird also weitergehen.
Unterstützung für den Hochlauf
Dass eine CO2-Kreislaufwirtschaft mit Abscheidung, Transport, Nutzen und Speichern noch aufgebaut und finanziert werden muss, weiß auch NRW-Ministerin Neubaur. Aber sie sieht hier auch die Chance, mit bester Technik wieder Weltspitze zu werden. Dazu müssen jedoch die Rahmenbedingungen besser werden, betont Ruppert. „Für den Hochlauf benötigen die Zementwerke zwar anfänglich Unterstützung, langfristig müsse sich der Klimaschutz aber selbst tragen und refinanzieren.“ Er wünscht sich eine Klimaschutz-kompatible und Enkel-taugliche Politik.

Negative Emissionen in Mooren
Bei der Begeisterung über das Vermeiden von CO2-Emissionen, betonte Nabu-Mann Semper, dass auch „negative Emissionen“ notwendig seien, um den globalen Temperaturanstieg zu beenden. Er verwies auf natürliche Senken. In Auen und Mooren, aber auch in Wäldern werde viel CO2 gespeichert. Konsens war unter den Stakeholdern im „CCU(S) in NRW“-Projekt daher auch, mehr dieser natürlichen Senken zu nutzen. „Dies ist eine Win-win-Situation“, ergänzt Stemper, „denn Moore tragen zur biologischen Vielfalt bei“. Daran gelte es auch zu denken, sollte es Nutzungskonflikte mit Landwirtinnen und Landwirten geben.
Biomasse mit Einschränkungen
Im Projekt war auch Konsens, dass das Nutzen von Biomasse von Äckern und Feldern oder aus Wäldern zur Erreichung von Negativemissionen nachhaltig sein muss und dass dieses Potenzial begrenzt ist. Dies wiederum engt die Möglichkeiten Bioenergie mit CO2-Abscheidung und -Speicherung ein. Bei diesem Ansatz, kurz BECCS („bioenergy with carbon capture and storage“) genannt, wird Biomasse in industriellen Prozessen verwertet und das entstehende CO2 abgeschieden und gespeichert. Andererseits lassen sich in BECCS-Anlagen auch echte Rest- und Abfallstoffe energetisch verwerten. Diese dann klimaneutrale bereitgestellte Energie würde beispielsweise der Abfall- und Zementindustrie helfen, die deutschen Klimaziele zu erreichen.
Ausblick März 2027
Der gemeinnützige Verein KlimaDiskurs.NRW, Düsseldorf, leitete das Projekt „CCU(S) in NRW“. Es läuft seit Januar 2022. Die Stiftung „European Climate Foundation“ mit Hauptsitz in Den Haag hat es bis März 2025 gefördert. Seitdem unterstützt das NRW-Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie das Projekt. Es läuft ein weiteres Jahr bis März 2027.
Klare Definitionen
Den Stakeholdern im „CC(U)S in NRW-Projekt“ sind auch, um Missverständnisse zu vermeiden, klare Definitionen wichtig gewesen:
- Als CCS („Carbon Capture und Storage“) wird das Abscheiden von CO2 an Punktquellen industrieller Prozesse oder der Energieerzeugung sowie deren dauerhafte Speicherung in geologischen Formationen bezeichnet.
- CCU („Carbon Capture und Utilisation“) wird das CO2-Abscheiden und anschließende Nutzen des Klimakillers als Rohstoff bezeichnet.
- Unter CDR („Carbon Dioxide Removal“) wird die aktive Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre bezeichnet.
- BECCS („Bioenergy with Carbon Capture and Storage“) wiederum ist ein CCS-Spezialfall. Hier wird Energie aus Biomasse erzeugt und das entstehende CO2 aufgefangen und dauerhaft unterirdisch gespeichert.




