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KI-Agenten als Effizienztreiber 02.01.2026, 14:00 Uhr

Große Erwartungen treffen auf zögerliche Umsetzung

Die Energiewende stellt Versorger vor enorme Herausforderungen. Komplexe Netze, erneuerbare Energien und steigende Kundenerwartungen erfordern neue Lösungen. KI-Agenten versprechen hier große Effizienzpotenziale. Doch wie weit ist die Branche bei der Umsetzung? Eine aktuelle Studie der Telekom MMS gibt Aufschluss über den Status quo und zeigt Wege für eine erfolgreiche Implementierung.

Artificial intelligence technology for data analytics and processing, chatbot assistant, big data visualization, automation, and smart digital transformation.

Foto: Smarterpix/champlifezy

KI-Agenten sind intelligente Softwaresysteme, die eigenständig Aufgaben ausführen, Entscheidungen treffen und mit Nutzerinnen und Nutzern oder ihrer Umgebung interagieren. In der Energiebranche haben sie das Potenzial beispielsweise Lastprognosen zu optimieren, Wartungszyklen effizienter zu planen oder im Kundenservice komplexe Anfragen zu bearbeiten. Die Technologie verspricht, die Effizienz in nahezu allen Bereichen der Energiewirtschaft zu steigern – von der Erzeugung über die Verteilung bis hin zum Endverbrauch. Besonders wertvoll sind KI-Agenten in Bereichen, die stark vom Fachkräftemangel betroffen sind oder unter hohem Kostendruck stehen. Hier beschleunigen sie Prozesse, verbessern die Qualität der Leistungen und setzen Ressourcen effizienter ein.

Die Erwartungen an die Technologie sind in den betroffenen Bereichen entsprechend hoch. Laut einer aktuellen Studie 1) der Telekom MMS erwarten 75 % der IT-Entscheiderinnen und -Entscheider verstärkte Nutzung von KI-Agenten – tatsächlich setzen aber nur 12 % entsprechende Systeme produktiv ein. Rund die Hälfte der befragten Unternehmen steckt noch in der Analyse- oder Planungsphase.

Gleichzeitig erkennen viele Unternehmen die Chancen der Technologie: 37 % planen, ihre Produkte zukünftig um KI-gestützte Services zu erweitern. Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und Umsetzung zeigt: Viele Unternehmen erkennen das Potenzial von KI-Agenten, haben aber Mühe bei der Umsetzung – besonders in regulierten Bereichen wie der Energieversorgung. Datenschutz, Nachweispflichten und Haftungsfragen erschweren den Einsatz, rechtliche Vorgaben sind unklar und wirtschaftlich tragfähige Modelle fehlen oft. Erste erfolgreiche Projekte demonstrieren das Potenzial der Technologie und machen deutlich, welche Hürden Unternehmen überwinden müssen, um KI-Agenten gewinnbringend einzusetzen. Dabei zeigt sich: Die zögerliche Umsetzung von KI-Agenten hat verschiedene Gründe. Ein zentraler Faktor ist die unterschiedliche Nutzungsbereitschaft in verschiedenen Altersgruppen.

Generationenkluft als Herausforderung

Die Studie offenbart eine deutliche Generationenkluft: Jüngere bewerten KI-Agenten überwiegend positiv und nutzen sie aktiv, Ältere stehen ihnen skeptischer gegenüber. Diese Kluft spiegelt sich auch in der Nutzung wider: Während viele der jüngeren Nutzerinnen und Nutzer Large Language Models wie ChatGPT verwenden, verzichten ältere Menschen überwiegend auf KI-Tools. Für Unternehmen ergibt sich daraus die Notwendigkeit, differenzierte und zielgruppenspezifische Strategien für den Einsatz von KI-Agenten zu entwickeln. Neben der Akzeptanz stellen rechtliche Aspekte eine weitere Hürde dar.

Rechtliche Leitplanken schaffen Vertrauen

Im Zusammenhang mit KI-Agenten sehen die Befragten vor allem Risiken durch Fehlentscheidungen, Datenschutz, unklare Haftungsfragen und Kontrollverlust. Weniger relevant sind dagegen Bedenken hinsichtlich der Bedienbarkeit oder Zweifel an sinnvollen Einsatzmöglichkeiten. Damit KI-Agenten Vertrauen schaffen und Akzeptanz finden, müssen Anbieter klare Regeln, transparente Abläufe und wirksame Schutzmechanismen etablieren. Positiv ist, dass bereits eine Vielzahl der IT-Entscheiderinnen und -Entscheider Rechtssicherheit als wichtigste Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz von KI-Agenten ansehen.

Nach Einschätzung der Kanzlei Bird & Bird stellen agentische Systeme besondere Anforderungen an die rechtliche Einordnung im Rahmen des EU AI Act. Sie basieren häufig auf großen Sprachmodellen, die als Basismodelle (General Purpose AI, GPAI) gelten und über Schnittstellen (APIs) in spezifische Workflows eingebunden werden. Der AI Act verlangt, dass Unternehmen sorgfältig prüfen, welche Komponenten als GPAI-Modell einzustufen sind und welche als darauf aufbauende KI-Systeme. Diese Abgrenzung ist entscheidend, da eine wesentliche Modifikation dazu führen kann, dass ein Unternehmen selbst als Anbieter eines GPAI-Modells gilt – mit entsprechenden regulatorischen Pflichten und Nachweiserfordernissen.

Darüber hinaus sollten Unternehmen den Einsatz von KI-Agenten in einer eigenen Governance-Struktur regeln, ähnlich wie Richtlinien für Mitarbeitende den Umgang mit KI festlegen. Agenten benötigen klar definierte Entscheidungslogiken und Handlungsspielräume – etwa, um eigenständig Marketingkampagnen zu entwerfen, ohne Inhalte von Wettbewerbern zu kopieren oder gegen Werberegeln zu verstoßen. Solche Vorgaben sind rechtlich notwendig und tragen zugleich dazu bei, die Akzeptanz von KI-Agenten innerhalb der Organisation zu stärken. Angesichts der komplexen Rechtslage empfehlen die Expertinnen und Experten von Bird & Bird, einen ganzheitlichen Compliance-Ansatz zu etablieren, der sämtliche relevanten Rechtsmaterien einbezieht und regelmäßig an neue regulatorische Entwicklungen angepasst wird. Sind die rechtlichen Anforderungen geklärt, rückt die wirtschaftliche Perspektive in den Fokus: Wie können Energieversorger mit KI-Agenten Mehrwert generieren?

Zwischen Investitionsdruck und Gratismentalität

Unternehmen stehen bei der Implementierung von KI-Agenten aktuell noch vor einem Dilemma: Die Entwicklung intelligenter Systeme erfordert hohe Investitionen, doch die Zahlungsbereitschaft der Verbraucherinnen und Verbraucher bleibt gering. Erste Geschäftsmodelle entstehen dennoch: 37 % der Unternehmen wollen ihre bestehenden Produkte um KI-gestützte Services erweitern, 24 % planen, After-Sales-Leistungen als Abo anzubieten. Gleichzeitig bleibt die Zahlungsbereitschaft gering: 71 % der Befragten würden ausschließlich kostenlose Agenten nutzen, nur 12 % wären bereit, pro Handlung zu zahlen, und 10 % könnten sich ein Abo vorstellen.

Für Unternehmen heißt das: Sie müssen mit ihren KI-Agenten echten Mehrwert bieten. Nur wenn der Nutzen klar erkennbar ist, lassen sich die Gratismentalität überwinden und Akzeptanz für Bezahlmodelle schaffen. Energieversorger könnten so beispielsweise Premium-Dienste anbieten, die auf die Bedürfnisse technikaffiner Kundschaft zugeschnitten sind, wie etwa hochpersonalisierte Energiemanagement-Tools, Self-Service-Optionen oder KI-gestützte Smart-Home-Integrationen. Für weniger technikaffine Kundinnen und Kunden könnten dagegen niedrigschwellige Serviceangebote im Vordergrund stehen – etwa digitale Assistenten, die beim Energiesparen unterstützen, Verbrauchsdaten einfach erklären oder individuelle Spartipps geben. Wo Mehrwert entsteht, zeigt sich am besten in der Praxis.

Praxisbeispiele zeigen Potenzial im Energiesektor

KI-Agenten bieten im Energiesektor großes Potenzial. Allerdings ist ihr Einsatz in operativ kritischen Bereichen (Kritis) derzeit nicht vorgesehen; hier gelten hohe Sicherheits-, Haftungs- und Regulierungsanforderungen. Reale Anwendungsfälle konzentrieren sich deshalb aktuell auf nicht-kritische Geschäftsbereiche. Besonders im Service sehen viele IT-Entscheiderinnen und -Entscheider gute Chance für KI-Agenten, gefolgt von Bereichen wie Personalwesen und Vertrieb. Geschätzt werden vor allem ihre Skalierbarkeit, Lernfähigkeit und ständige Verfügbarkeit. Sie übernehmen Routineanfragen zu Tarifen, Rechnungen oder Zählerständen, leiten komplexe Fälle an Fachkräfte weiter und lernen kontinuierlich dazu, was die Servicequalität spürbar verbessert. Auch Backoffice-Aufgaben wie Zählerstands- und Dokumentenverarbeitung lassen sich durch agentische Systeme effizient automatisieren: Sie prüfen Daten, erkennen Unstimmigkeiten und übertragen Ergebnisse direkt in Abrechnungssysteme. Prozess-Agenten orchestrieren zudem Lieferantenwechsel und Kunden-Onboardings, koordinieren Datenaustausch, Terminierung und Kommunikation zwischen allen Beteiligten.

Im Bereich Energieeffizienz zeigen sich weitere Vorteile: Perspektivisch kommen Smart-Home-Szenarien in Betracht, in denen KI-Agenten den Energieverbrauch reduzieren könnten. Zum Beispiel durch Analyse von Nutzungsprofilen und die automatisierte Anpassung von Heizung, Beleuchtung oder Ladezyklen. Darüber hinaus unterstützen sie bereits heute das Wissensmanagement, generieren Antwortvorschläge im Case-Management und fördern die Nutzung zentraler Wissensbasen – ein wichtiger Schritt hin zu vernetzten, datenbasierten Energieprozessen, die langfristig zur Umsetzung der Energiewende beitragen. Die Beispiele zeigen: KI-Agenten bieten einen echten Mehrwert für den Energiesektor und können dabei helfen, die Energiewende voranzubringen.

KI-Agenten als Partner der Energiewende

KI-Agenten stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung, doch ihr Potenzial reicht weit über Effizienzgewinne hinaus. In den kommenden Jahren werden sie sich vom unterstützenden Werkzeug zum strategischen Partner der Energiewirtschaft entwickeln und damit zum Bindeglied zwischen Technologie, Nachhaltigkeit und Kundenerlebnis. Entscheidend ist, dass Energieversorger den Sprung vom Experimentieren zum Gestalten schaffen, mit klaren ethischen Leitlinien, technologischem Vertrauen und dem gemeinsamen Ziel, eine intelligente und resiliente Energiezukunft zu formen.

1) Grundlage ist die Studie „Vertrauen in KI-Agenten – Was Kundinnen wirklich wollen – und was Unternehmen daraus machen sollten“, durchgeführt von YouGov im Auftrag der Telekom MMS. Befragt wurden im Juli 2025 insgesamt 1 020 Verbraucherinnen und Verbraucher sowie 162 IT-Entscheiderinnen und -Entscheider aus deutschen Unternehmen. Die Studie untersucht Akzeptanz, Nutzung und Anforderungen an KI-Agenten im Unternehmens- und Kundenservicekontext.

Martin Wunderwald, Portfolio Lead für AI & Cognitive Services bei der Telekom MMS
Foto: Telekom MMS