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Umfangreiche Geothermiemessungen der Stadtwerke Erfurt 05.01.2026, 10:00 Uhr

Daten aus der Tiefe befeuern die Wärmewende

Die Stadtwerke Erfurt untersuchen mit modernster 3-D-Seismik das Potenzial von Tiefengeothermie für die regionale Wärmeversorgung. Ziel ist ein detailliertes Bild des Untergrunds, bevor über Bohrungen entschieden wird. Das Projekt gilt als Meilenstein für die Wärmewende in Thüringen.

Etwa 19 000 solcher Geophone werden im Zuge eines großräumigen Erkundungsprojekts ausgelegt. Foto: Stadtwerke Erfurt/Jacob Schröter

Etwa 19 000 solcher Geophone werden im Zuge eines großräumigen Erkundungsprojekts ausgelegt.

Foto: Stadtwerke Erfurt/Jacob Schröter

Mit einem groß angelegten geophysikalischen Erkundungsprojekt bereiten die Stadtwerke Erfurt einen möglichen Einstieg in die Tiefengeothermie vor. Wie das Unternehmen mitteilt, sollen in den kommenden Monaten umfangreiche seismische Messungen durchgeführt werden, um den geologischen Untergrund unter Erfurt und angrenzenden Gebieten präzise zu analysieren. Ziel ist es, belastbare Entscheidungsgrundlagen für eine langfristige, klimafreundliche Wärmeversorgung zu schaffen.

Im Mittelpunkt steht dabei eine dreidimensionale seismische Untersuchung, mit der Gesteinsschichten bis in Tiefen von rund 7 000 m abgebildet werden können. Die Messungen erfassen ein Gebiet von etwa 136 km2 und umfassen rund 700 km Messstrecke. Zum Einsatz kommen dabei rund 19 000 Geophone, die seismische Signale aufnehmen, die durch speziell ausgerüstete Vibrationsfahrzeuge erzeugt werden. Aus den reflektierten Wellen entsteht ein detailliertes digitales Modell des Untergrunds.

Diese Datenbasis ist entscheidend, um geologische Strukturen, potenzielle Wärmereservoire sowie mögliche Störzonen zuverlässig zu identifizieren. Erst auf dieser Grundlage lässt sich beurteilen, ob und wo spätere Erkundungsbohrungen technisch sinnvoll und wirtschaftlich vertretbar sind. Die Stadtwerke Erfurt betonen, dass mit der Seismik bewusst ein sorgfältiger und risikominimierender Ansatz gewählt wird, bevor in große Tiefen eingegriffen wird.

Die Vorbereitungen für die Messkampagne laufen bereits. Der Start der eigentlichen seismischen Untersuchungen ist für Mitte März 2026 vorgesehen, die Messphase selbst soll je nach Witterung und logistischen Rahmenbedingungen zwischen 55 und 65 Tage dauern. Parallel dazu erfolgt eine enge Abstimmung mit Kommunen, Behörden, Grundstückseigentümern und Anwohnerinnen und Anwohnern. Für das sogenannte Permitting und die Kommunikation vor Ort ist ein externer Dienstleister eingebunden, um einen reibungslosen Ablauf sicherzustellen.

3-D-Seismik als Entscheidungsvorbereitung

Tiefengeothermie gilt als eine der wenigen erneuerbaren Energiequellen, die unabhängig von Wetter und Tageszeit kontinuierlich Wärme bereitstellen kann. Für eine Stadt wie Erfurt eröffnet sie perspektivisch die Möglichkeit, große Teile der Wärmeversorgung klimaneutral und lokal zu decken. Gleichzeitig sind Bohrungen in mehreren Kilometern Tiefe mit erheblichen technischen und finanziellen Risiken verbunden. Umso wichtiger ist eine fundierte geologische Vorerkundung.

Das Projekt der Stadtwerke Erfurt hat ein Gesamtvolumen von rund 5,8 Mio. €. Davon werden etwa 2,4 Mio. € durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) gefördert, während der verbleibende Anteil aus Eigenmitteln des Unternehmens stammt. Es handelt sich um die erste großflächige 3-D-Seismik dieser Art in Thüringen und zugleich um eine technisch anspruchsvolle Messkampagne, die in dieser Form bislang nur an wenigen Standorten in Deutschland durchgeführt wurde.

Nach Abschluss der Messungen folgt eine umfangreiche Auswertungsphase. Die Interpretation der seismischen Daten wird voraussichtlich bis Ende 2026 in Anspruch nehmen. Erst danach entscheiden die Stadtwerke, ob und an welchen Standorten weiterführende Schritte sinnvoll sind. Dazu zählen mögliche Erkundungsbohrungen, die frühestens ab 2028 realisiert werden könnten. Die jetzt erhobenen Daten dienen damit ausdrücklich als Entscheidungsgrundlage und nicht als Vorfestlegung auf ein konkretes Geothermieprojekt.

Neben der technischen Dimension hat das Vorhaben auch eine strategische Bedeutung für die kommunale Wärmeplanung. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in langfristige Überlegungen zur Transformation der Wärmeversorgung ein und ergänzen andere Maßnahmen wie den Ausbau von Wärmenetzen und die Nutzung weiterer erneuerbarer Energiequellen.