Landwirtschaft 2035 09.11.2020, 07:00 Uhr

Studie rät zu radikalen Umbrüchen im Agrarsektor

Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden die Landwirtschaft entscheidend prägen. Doch heißt das, den Konsum zu verringern? Oder sollten Lebensmittel regional hergestellt werden? Wissenschaftler haben mehrere Antworten.

Welche Bedeutung haben digitale Technologien? Eine Frage, die Fraunhofer-Forscher untersucht haben.
Foto: panthermedia.net/AndreyPopov

Welche Bedeutung haben digitale Technologien? Eine Frage, die Fraunhofer-Forscher untersucht haben.

Foto: panthermedia.net/AndreyPopov

Knappe Ressourcen bei einer steigenden Weltbevölkerung, aber auch die globale Erwärmung, stellen Landwirte vor Herausforderungen. In den nächsten 15 Jahren muss sich das Agrarbusiness grundlegend ändern. Daran lassen Forscher des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) keine Zweifel. Mehrere Strategien sind denkbar. Sie wurden im Rahmen des Projekts DAKIS (Digitales Landwirtschaftliches Wissens- und Informationssystem) entwickelt.

Umweltschutz durch staatliche Regulierung und durch Hightech

Dieses Szenario geht von einer globalisierten Welt aus, in der Regulierung und Harmonisierung eine wichtige Rolle spielen. Durch staatliche Kontrolle und durch eine weltweite Koordination von Rechtsstandards funktioniert die globale Vernetzung einwandfrei. Das zeigt sich anhand transparenter Wertschöpfungsketten, einheitlicher Maßnahmen zur Lebensmittelkennzeichnung und einer nachhaltigen, nicht profitorientierten Lebensmittelversorgung zur Deckung des Grundbedarfs.

Der Klimawandel ist im Szenario eine treibende Kraft für Innovation und Wandel, etwa durch Städte ohne Autos oder durch Industriezweige ohne Kohlendioxid-Emission. Dienstleistungen in Zusammenhang mit Ökosystemen werden jedoch nicht direkt gefördert; vielmehr gibt es indirekte Maßnahmen. Um zum Beispiel den Verbrauch konventioneller Produkte zu kompensieren, sind Maßnahmen zur Erhaltung des südamerikanischen Regenwaldes denkbar.

In dem Modell sind Konsumenten und Hersteller offen für neue Technologien. Verbraucher können Produkte zurückverfolgen, was Hersteller unter Druck setzt, hohe Produktionsstandards einzuhalten. Nicht zuletzt befinden sich alle Nutzflächen in staatlicher Hand und werden nach dem Prinzip, eine Wirtschaft zum Wohl der Allgemeinheit zu fördern, verpachtet.

Umweltschutz durch lokale Produktion

Ein anderes Szenario setzt auf Dezentralisierung, Vielfalt und Nachhaltigkeit. Konsumenten schätzen qualitativ hochwertige Lebensmittel. Sie kaufen die meisten Produkte vor Ort ein und befürworten die kulturelle Bedeutung der Landwirtschaft. Es gibt nicht nur viele Betriebe in unterschiedlicher Größe. Lokale Einzelhändler haben in dem Modell auch eine wichtige Funktion. Sie steuern die Wertschöpfungsketten, machen sie effizient und so transparent, dass keine Etiketten mehr nötig sind.

Maßnahmen gegen den Klimawandel werden auf lokaler Ebene umgesetzt, auch wenn dies bedeutet, dass die Konsumenten auf Annehmlichkeiten verzichten müssen. Die Landwirtschaft wiederum leistet bei der Nutzung von Böden Beiträge, um die Biodiversität zu erhalten. Dies gelingt durch den stärkeren Einsatz innovativer Technologien. Bei sogenannten „Hybridfarmen“ arbeiten sie wie bisher mit Großmaschinen, aber auch mit kleinen, autonomen Robotern. Der technologische Wandel wird vom Gesetzgeber dabei nicht gebremst. Im Gegenteil, er bietet Sicherheit für Investitionen.

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Persönliche Kontakte, direkte Kommunikation

Das dritte Szenario greift eine hinlänglich bekannte Beobachtung auf: Für viele Menschen sind Lebensmitteln mehr als reiner Konsum, sprich eine soziale Aktivität. Sie kaufen in Geschäften oder auf regionalen oder lokalen Lebensmittelmärkten ein und freuen sich auf das Gespräch mit dem Erzeuger oder einfach mit dem Nachbarn. Genau deshalb hat sich der E-Commerce nicht – wie von vielen Experten erwartet – durchgesetzt.

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Bedarf, die Rahmenbedingungen zu ändern, besteht aber dennoch. Regionale Märkte sollen nicht länger privilegierten Käufern aus der Mittelschicht vorbehalten sein, sondern sich stärker öffnen – auch als Beitrag, um den Kohlendioxid-Ausstoß durch Transporte zu verringern.

In diesem Szenario arbeiten Landwirte wie bislang mit großen Maschinen, die sie selbst steuern. Die technologische Entwicklung konzentriert sich auf Assistenzsysteme. Nur Teilschritte werden digitalisiert.

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Den Konsum kritisch überdenken

Beim vierten Szenario sind Einzelhändler die großen Gewinner. Verbraucher legen keinen besonderen Wert auf die Qualität und Nachhaltigkeit ihrer Lebensmittel. Vielmehr orientieren sie sich bei Entscheidungen stark an Preisen – und an neuen Gewohnheiten. Viele Menschen leben vegetarisch oder vegan. Sie verzichten von sich aus auf Fleisch.

Landwirte übernehmen lediglich die Rolle von Produzenten. Sie setzen auf Agriculture 4.0 mit Sensoren, Drohnen und anderen Überwachungssystemen, um möglichst effizient zu arbeiten. Neue Technologien, die auf künstlicher Intelligenz (KI) basieren, unterstützen sie, um die bestmögliche Effizienz zu erreichen, sprich Erträge zu steigern. Die gesamte Lieferkette bleibt aus Sicht von Konsumenten intransparent.

Fazit: Es gibt keinen Königsweg

„Die vier Szenarien haben eine unterschiedliche Sichtweise auf die Zusammenarbeit, die Transparenz entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette, die Bedeutung der Effizienz in der Produktion oder den umweltfreundlichen Verbrauch“, fasst Ewa Dönitz vom Fraunhofer ISI zusammen. Ziel sei, Bedürfnisse von Landwirten besser zu erkennen und ein System für die Entscheidungsunterstützung im Projekt DAKIS zukunftssicher zu machen. Das heißt: Aller Wahrscheinlichkeit entwichen sich in den nächsten 15 Jahren die genannten Szenarien parallel.

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Von Michael van den Heuvel

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