Nationale Wasserstrategie 21.06.2021, 08:31 Uhr

Für eine sichere Wasserversorgung

Das Bundesumweltministerium will Vorsorge gegen Wasserknappheit treffen. Dass dies nötig ist, zeigen statistische Daten der Bundesanstalt für Gewässerkunde.

August 2018: Niedrigwasser am Rhein auf der Gebirgsstrecke zwischen Bingen und Koblenz. Foto: Sebastian Kofalk, BfG

August 2018: Niedrigwasser am Rhein auf der Gebirgsstrecke zwischen Bingen und Koblenz.

Foto: Sebastian Kofalk, BfG

Der Planet Erde erwärmt sich. Auch in Deutschland sind die Folgen sichtbar, wie die aktuelle „Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021“ der Bundesregierung zeigt. Stichworte sind häufigeres Extremwetter, Wälder unter Stress und regionaler Wassermangel. Diese Analyse hat ein wissenschaftliches Konsortium unter Einbindung von Fachleuten aus 25 Bundesbehörden und -institutionen aus neun Ressorts im Behördennetzwerk „Klimawandel und Anpassung“ für die Bundesregierung erstellt.

Die Analyse wird alle sechs Jahre durchgeführt. Die vorherige stammt daher von 2015. Viele Risiken sind nach dem aktuellen Bericht seitdem deutlich gestiegen. Besonders betroffen sind Böden, Wälder – und Gewässer.

Lange anhaltende Trocken- und Hitzeperioden in 2015, 2018, 2019 und 2020 sowie hohe Lufttemperaturen seit 2014 führten in vielen Regionen Deutschlands insbesondere in Fichtenbeständen zu großen Schäden. Dies dürfte wiederum auch Auswirkungen auf den Wasserhaushalt haben.

Foto: Enno Nilson/BfG

Nationale Wasserstrategie

In puncto Wasserversorgung macht sich das Bundesumweltministerium (BMU) konkrete Gedanken: Am 11. Juni hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze einen Entwurf für eine Nationale Wasserstrategie vorgelegt. Dafür hat das BMU mit dem Umweltbundesamt die Herausforderungen der Wasserwirtschaft bis 2050 untersucht und bewertet.

Das BMU betont im Entwurf die Bedeutung einer sicheren Versorgung mit Wasser und einer hohen Qualität unser Gewässer als Wirtschaftsfaktor. Zentral für das BMU ist die Daseinsvorsorge: Alle Bürger*innen sollen sich künftig sicher und bezahlbar mit Wasser versorgen können. Auch die Abwasserentsorgung soll bezahlbar sein. Das BMU ergänzt, ein funktionsfähiger sauberer Wasserhaushalt ist auch für vielfältige Pflanzen- und Tierwelt zu sehr wichtig. Das Ministerium fokussiert in der Wasserstrategie vor allem auf vier Punkte:

  • Es will die Wasserreserven sichern,
  • Vorsorge gegen Wasserknappheit treffen,
  • Nutzungskonflikten um Süßwasser vorbeugen und
  • den Zustand der Gewässer und deren Wasserqualität verbessern.

Im Juli 2019 unterschritt der Wasserstand der Elbe historische Niedrigwassermarken an der Freitreppe von Schloss Pillnitz bei Dresden.

Foto: Karin Bernhardt, LfULG Sachsen

Erneuerbare Wasserressource

Wir sind es gewohnt, das immer ausreichend Süßwasser verfügbar ist – für alle Büger*innen und Landwirt*innen wie auch für das Gewerbe und die Industrie. Dass dieser Wasserreichtum nicht selbstverständlich ist, zeigen die letzten Dürrejahre. Doch waren diese Jahre eine Ausnahme?

Um dies zu beurteilen, helfen Statistiken, die die Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz (BfG) erstellt. Die BfG ermittelt auf zwei Wegen die „erneuerbare Wasserressource“ (EWR). Sie beschreibt das Wasserdargebot, also wie viel Süßwasser zur Verfügung steht.

Da etwa die Schnee- und Regenmengen stark schwanken können, betrachtet die Anstalt hierzu 30-jährige Perioden, um langfristige Trends sehen zu können.

Die BfG berechnet die EWR einmal aus der Differenz der Jahressummen von Niederschlag und Verdunstung als Flächenmittel für das Bundesgebiet zuzüglich der aus Nachbarstaaten in das Bundesgebiet über die Oberflächengewässer zufließenden Wassermengen (siehe Grafik).

Vieljährige Mittelwerte der „Erneuerbaren Wasserressource“ (EWR) von Deutschland für die Perioden 1961/1990 und 1991/2020 und die zeitliche Entwicklung der Jahreswerte für die Zeitreihe 1991 bis 2020. Das gleitende zehnjährige Mittel der EWR zeigt das Trendverhalten mit einem Anstieg von ‧Beginn der Reihe bis 2002 und einem bis heute andauernden deutlichen Rückgang verstärkt durch die 2014 einsetzende Folge niederschlagsarmer Jahre (Datenquellen: Deutscher Wetterdienst, Wasserwirtschaftsverwaltungen des Bundes und der Länder, Bundesanstalt für Gewässerkunde). Grafik: BfG

Parallel dazu ermittelt die Bundesanstalt die EWR aus dem Niederschlag, der Verdunstung sowie den Zuflüssen und dem vom Bundesgebiet abfließenden Wasser, das sich aus der Bilanzierung grenz- beziehungsweise küstennaher Pegel ergibt(siehe Tabelle). Danach standen in Deutschland in 30-Jahresmittel von 1991 bis 2020 jährlich rund 177 Mrd. m³ Süßwasser zur Verfügung.

Grafik: VDI Fachmedien

Grafik: VDI Fachmedien

In dieser EWR-Bilanz schlagen auch Wasserverluste etwa durch Verdunstungsverluste von Kühltürmen oder Grundwasserabströme zu Buche, so dass diese Schätzung etwas niedriger ausfällt als die erste.

Es ist trockener geworden

Ein Blick auf die letzten 20 Jahre: Auf die beiden feuchtesten Jahre 2001 und 2002 folgte direkt das Trocken- und Hitzejahr 2003. Nach diesem Extremjahr hat sich der Wasserhaushalt nicht mehr nachhaltig erholt. Vor allem in den letzten Jahren ist ein deutlicher Rückgang unübersehbar, der mit drei extrem warmen und niederschlagsarmen aufeinanderfolgenden Jahren 2018 bis 2020 einen vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Prognose bis 2050 und 2100

Ob sich die Verfügbarkeit der erneuerbaren Wasserressource in Folge des Klimawandels weiter verschärfen wird, wird unter anderem mit Klimaszenarien des Weltklimarates IPCC (International Panel of Climate Change) und regionalen Klimamodellen sowie Wasserhaushaltsmodellen ermittelt. Doch diese Blicke in die Zukunft ergeben noch kein klares Bild:

Für die nahe Zukunft bis 2050 prognostizieren sie geringe Abnahmen oder auch Zunahmen. Für die ferne Zukunft bis 2100 deuten mehr Projektionen auf eine Verringerung der Wasservorräte um bis zu 15 % hin. Es sind aber auch Zunahmen um 10 % nicht auszuschließen. Diese könnten dann eintreten, nehmen die Niederschläge vor allem in den Wintermonaten so stark zu, dass sie die zunehmende Verdunstung ausgleichen beziehungsweise sogar überbieten können. Die aktuell beobachteten Änderungen zeigen aber, dass gegenwärtig die Verdunstungsverluste die Zunahmen im im Niederschlagsdargebot noch übersteigen.

Niedrigwasser im Rhein in Köln im Frühjahr 2020. Wie einige der Frühjahre zuvor fiel auch das Frühjahr 2020 trocken, warm und sehr sonnig aus, sodass im Rhein schon frühzeitig eine erste für die Jahreszeit unübliche Niedrigwasserphase auftrat.

Foto: Peter Krahe/BfG

Aktionsprogramm

Um künftig für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, will das BMU mit einem Aktionsprogramm die Ziele der Nationalen Wasserstrategie erreichen. Das Aktionsprogramm enthält 57 Maßnahmen, die bis 2030 schrittweise umgesetzt werden sollen. Einige Beispiele: Einmal will das BMU mehr Daten für bessere Prognosen: Behörden von Bund und Ländern sollen genauer vorhersagen können, wo Wasser in Zukunft verfügbar ist und wo es gebraucht wird.

Wassernutzungshierarchie

Das BMU will Regeln für Nutzungskonflikte entwickeln und festlegen, damit im Fall regionaler Wasserknappheit klar ist, wer vorrangig Wasser nutzen darf. „Wassernutzungshierarchie“ heißt das Schlagwort. Der Grundsatz einer möglichst ortsnahen Wasserversorgung soll auch künftig gelten, doch mit Hilfe von Verbundnetzen und Fernleitungen sollen sich regionale Unterschiede in der Wasserverfügbarkeit ausgleichen lassen. Außerdem soll der Bedarf an überregionaler Wasserversorgung festgestellt und erforderliche Flächen und Trassen in Raumordnungsplänen vorsorglich ausgewiesen werden.

Verursacherprinzip & vierte Reinigungsstufe

Die Abwasserabgabe soll sich am Verursacherprinzip ausrichten: Das BMU will die Abwasserabgabe neu gestalten, damit sie stärkere Anreize für eine weitere Verringerung der Gewässerverschmutzung durch kommunales und industrielles Abwasser setzt. Die Einnahmen sollen unter anderem genutzt werden, um Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe auszustatten.

Wassersensible Städte

Mit Kommunen und deren Fachverbänden entwickelt das BMU ein Konzept für eine gewässersensible Stadtentwicklung. Das Stichwort heißt „Schwammstadt“ („Sponge-City“). Hinter diesem Konzept verbirgt sich, anfallendes Regenwasser aufzunehmen und zu speichern, anstatt es lediglich zu kanalisieren und abzuleiten. Bestehende technische Regeln werden jetzt daraufhin überprüft, ob sie zum Erhalt des natürlichen Wasserhaushalts, Klimaanpassung und Stadtnatur beitragen. Wenn nötig, werden diese überarbeitet.

Viel Geld

Für die Modernisierung des Wassersektors und die Anpassung an den Klimawandel sind große Investitionen erforderlich. Der Bund soll Bundesländer und Kommunen unterstützen, durch eine direkte Beteiligung an der Finanzierung und durch die Weiterentwicklung beziehungsweise das Schaffen von Finanzierungsinstrumenten. Dem BMU schwebt dabei ein Gesamtvolumen von 1 Mrd. Euro vor. Dies Bundesländer und Kommunen etwa helfen, den ökologischen Zustand der Gewässer zu verbessern und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel zu erhöhen. Das Geld ist auch für Renaturierungsmaßnahmen, den Abbau von Hindernissen für wandernde Arten, die Beschattung von Gewässern gegen Erwärmung und die Rückgewinnung oder die Schaffung natürlicher Speicher als Vorsorge gegen Trockenheit verwendet werden gedacht. Auch eine Förderung des Ausbaus von Kläranlagen mit zusätzlichen Reinigungsstufen soll ermöglicht werden, um Spurenstoffe besser herausfiltern zu können.

Den BMU-Entwurf für eine „Nationale Wasserstrategie“ hält die Bundesumweltministerin Svenja Schulze für einen ersten wichtigen Schritt. „Der nächste Schritt ist, aus dem Entwurf eine breit getragene Nationale Wasserstrategie zu machen, als Grundlage auch für künftige Regierungen.“

Von Ralph H. Ahrens

Ralph H. Ahrens
Chefredakteur UmweltMagazin
rahrens@vdi-fachmedien.de
Foto: Frank Vinken

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