Zukunft des Kunststoffs in sich entwickelnden Ländern 27.09.2022, 10:00 Uhr

Kunststoffkreislauf mit „Credits“

In Entwicklungs- und Schwellenländern können „Plastic Credits“ helfen, die Kreislaufwirtschaft zu fördern. Zwei Pilotprojekte in Brasilien und Sambia zeigen Chancen und Hürden.

Die Guanabara-Bucht in Rio de Janeiro. Im ruhigen Wasser schwimmen tonnenweise Abfälle. Foto: BlackForest Solutions

Die Guanabara-Bucht in Rio de Janeiro. Im ruhigen Wasser schwimmen tonnenweise Abfälle.

Foto: BlackForest Solutions

In vielen sich entwickelnden Ländern fehlen Sammel- und Verwertungssysteme für Kunststoffabfälle. Was nicht in Flüssen, Seen oder Feldern landet, wird verbrannt oder vergraben – oft mit dramatischen Folgen für Menschen und Natur. Insbesondere in Ländern mit informeller Wirtschaft und niedriger Kaufkraft stellt sich die Frage, wie sich eine Infrastruktur für die Abfallsammlung und -behandlung finanzieren lässt. Wer sollte dafür aufkommen und wie kann die Finanzierung verwaltet werden?

Ein aus Ländern mit hohem Einkommen bekanntes Konzept ist die „erweitere Produzentenverantwortung, kurz „EPR“ für „Extended Producer Responsibility“. Das ist ein komplexes System, das Hersteller beispielsweise von Kunststoffverpackungen zur Rücknahme und Bezahlung der Sammlung und Behandlung gebrauchter Verpackungen verpflichtet.

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In Entwicklungsländern mit geringeren Budgets muss dies Konzept angepasst werden. Hier können „Plastic Credits“ ein erster Schritt sein, ein EPR-System einzuführen. Sie sollten als Brückenkonzept verpflichtend eingeführt werden.

Ein Strand an der Bucht Guanabara – voll mit Wertstoffen.

Foto: BlackForest Solutions

Was sind „Plastikkredite“?

Ein Plastic Credit ist eine übertragbare Einheit, die sich auf eine Tonne gesammelten und behandelten Kunststoffabfalls bezieht, der ansonsten in der freien Natur gelandet wäre. Die Credits gehören ursprünglich den Menschen oder Organisationen, die Kunststoffabfälle sammeln und behandeln.

Erwirbt ein Käufer diese Credits, wird dieser Abfall sein Eigentum. Die hierdurch eingenommenen Gelder fließen zurück in Umweltdienstleistungen. Die Käufer wiederum nutzen die erworbenen Credits, um ihren Kunststoff-Fußabdruck zu verbessern.

Vielversprechende Pilotprojekte

In diversen Projekten wird dieses Konzept in kleinem Maßstab unter Einbeziehung des informellen Abfallsektors eingesetzt. Zwei Beispiele: Eines fand in Rio de Janeiro, Brasilien, statt, ein zweites in Siavonga, Sambia. Siavonga liegt am Karibastausee an der Grenze zu Simbabwe. Dort leben rund 12.000 Menschen.

Beide Projekte konzentrieren sich auf das Sammeln von Plastikabfällen. Die Umsetzung erfolgte durch zwei deutsche Unternehmen in Zusammenarbeit mit lokalen Nicht-Regierungsorganisationen. Die beiden deutschen Firmen, der Umweltdienstleister BlackForest Solutions GmbH und der Softwareentwickler CleanHub GmbH, haben ihren Sitz in Berlin.

Beispiel Brasilien

Das Projekt in Rio de Janeiro nahm im September 2020 die Arbeit auf. Es gab drei Hauptaktivitäten: Meeresabfälle wurden von der Küste eingesammelt, gemischte Abfälle von Haus-zu-Haus gesammelt und eine einmalige Kampagne zur Säuberung der Guanabara-Bucht vor Rio de Janeiro durchgeführt.

Während des neunmonatigen Betriebs waren zehn örtliche Fischer an der Sammlung von Meeresanfällen und acht junge Menschen an der Hausmüllsammlung beteiligt. Bei der regelmäßigen Entfernung von Meeresabfällen wurde durchschnittlich pro Woche eine Tonne Plastik aus dem Meer entfernt. 10 % davon erwiesen sich als recycelbar, der Rest war Verbundmaterial und wurde in Zementöfen als Ersatzbrennstoff mitverbrannt.

Zwei Fischer haben Abfälle aus dem Meer gesammelt.

Foto: BlackForest Solutions

Die Haus-zu-Haus-Sammlung begann im Oktober 2020, um die Qualität der gesammelten Abfälle zu erhöhen. Dies führte zu einer wöchentlichen Sammlung von 0,5 t Mischabfall, von denen 40 % aus Kunststoff bestanden. Die recycelbare Fraktion wurde per Hand nach Kunststoffarten sortiert. Die beiden Sorten Polyethylenterephthalat (PET) und hartes Polyethylen (HDPE) wurden an lokale Recyclinganlagen verkauft. Die Haus-zu-Haus-Sammlung endete im Frühling 2021. Dieses Projekt organisierte auch eine einmalige Reinigung der stark verschmutzten Bucht von Guanabara, bei der an einem Tag 18,5 Tonnen Plastikabfall gesammelt wurden.

Wertstoffe aus den Abfällen aus dem Meer und aus den Haushalten werden sortiert und getrennt in Säcken gelagert.

Foto: BlackForest Solutions

Dieses Projekt sollte sich ursprünglich durch Plastic Credits finanzieren. Die Organisation BVRio mit Hauptsitz in Rio de Janeiro, die beispielsweise in mehreren Ländern Projekte zur Kreislaufwirtschaft unterstützt, sollte die recycelbaren Abfälle übernehmen, die nicht recycelbaren das Berliner Unternehmen Cleanhub. Aufgrund einer Änderung der Gesetzgebung für den Transport von Abfällen zwischen verschiedenen Bundesstaaten in Brasilien und bürokratische Probleme bei der Erstellung offizieller Rechnungen für den Verkauf der gesammelten Wertstoffe, gelang jedoch nicht, solche Kredite auszustellen. Am Ende war es die Plastic Bank aus Vancouver, Kanada, die Kredite zumindest für die gesammelten recycelbaren Wertstoffe ausstellte. Diese Plastic Bank ist ein Unternehmen, das beispielsweise in sich entwickelnden Ländern hilft, Recycling-Ökosysteme aufzubauen.

Sortierte Wertstoffe aus den Abfällen warten darauf, zu Recyclern transportiert zu werden.

Foto: BlackForest Solutions

Beispiel Sambia

In Siavonga bildeten Mitarbeiter der lokalen Maluwa Foundation gemeinsam mit Fachleuten von BlackForest Solutions in Siavonga während des Projekts Jugendliche und Frauen aus, die allein in 30 Tagen mehr als 10 t nicht-recycelbare Kunststoffabfälle sammelten. Neben der Säuberung stark verschmutzter Gebiete war ein Ziel zu zeigen, dass sich solche Projekte verwirklichen lassen, und ein zweites, das Umweltbewusstsein in der Region zu schärfen.

BlackForest Solutions finanzierte das Projekt einmalig mit dem Kauf von zehn Plastic Credits zu je 500 US-$. Dieser Preis basierte auf Berechnungen von CleanHub, die sich zuvor die Abfälle in Siavonga genauer angeschaut hatten. Für BlackForest Solutions erwies es sich aber als schwierig, die Plastic Credits weiterzuverkaufen. Zwar zeigten sich Unternehmen interessiert, sie konnten sich aber den Preis von 500 US-$ pro t nicht leisten. Deswegen ermittelt der Umweltdienstleister zurzeit einen realistischeren Preis. Und die Abfälle? Sie wurden letztlich für weniger Geld in einem Zementwerk mitverbrannt.

Beim Plastic Credit-Projekt in Sambia sammeln Mitarbeiter von WEM Abfälle von einer kleinen illegalen Deponie nahe Siavonga.

Foto: Maluwa Foundation/Mwansa Matokwani

BlackForest Solutions hatte aber Probleme, den Abfall weiterzuverkaufen. Zwar zeigten sich Unternehmen interessiert, sie konnten sich aber den Preis von 500 US-$ pro t nicht leisten. Deswegen ermittelt der Umweltdienstleister zurzeit einen realistischeren Preis. Und die Abfälle? Sie wurden letztlich in einem Zementwerk mitverbrannt. Eine positive Folge des Projekts, das weiterläuft, ist, dass neue Arbeitsplätze entstanden und sich die lokale Bevölkerung am Sammeln und Trennen von Abfällen beteiligt.

Engagierte Menschen aus Siavonga entfernen Plastikreste auch aus Seen und Flüssen.

Foto: Maluwa Foundation/Mwansa Matokwani

Weltweites Interesse

Weltweit zeigen sich Regierungen in sich entwickelnden Ländern als auch und große Kunststoffhersteller interessiert, Plastic Credits auch in einigen der am stärksten verschmutzten Regionen zu nutzen. Doch es gibt zahlreiche Hürden. Dazu gehören in diesen Ländern geringe Kapazitäten, Abfälle zu sammeln und zu behandeln, sowie fehlende Regulierungen und Richtlinien insbesondere bei der Preisgestaltung und eine geringe Wettbewerbsfähigkeit. Geringe Kapazitäten erschweren beispielsweise den Verkauf des gesammelten Abfall als Ersatzbrennstoff in Zementöfen oder an Recyclinganlagen.

Um diese Schwierigkeiten zu vermeiden, sollte Plastic Credits in großem Maßstab in jene Länder, in denen es noch keine erweiterte Produzentenverantwortung gibt, eingeführt werden. Dies würde allerdings eine strukturierte Regulierung und transparente Richtlinien erfordern.

Die Teilnahme an Plastic Credits-Projekten ist bislang überall freiwillig. Um solche Credits ausstellen zu können, müssen Organisationen wie BFS bestimmte Anforderungen erfüllen, die Standardsetzer festlegen. Eine solcher Standardsetzer ist Verra aus Washington D.C.. Auch in Deutschland kann es bald einen geben: Ein Konsortium aus den Unternehmen Rodiek aus Bremen, Yunus Environment Hub aus Wiesbaden und BFS bereiten unter der Projektbezeichnung ValuCred einen Standardprozessmodell für Plastic Credits vor, dass technische und soziale Aspekte berücksichtigt und Transparenz in die Preisfindung bringen soll. Sobald ein Standardsetzer die Abfallbewirtschaftungsaktivitäten des jeweiligen Projektes einer Organisation verifiziert hat, legt er den Wert der jeweiligen Plastic Credits fest.

Die vertraglichen Beziehungen zwischen den Akteuren basieren zwar auf privatrechtlicher Grundlage, dennoch spielt die öffentliche Hand oftmals in Form der Kommunalverwaltung eine große Rolle. Sie legen fest, wie die Abfallbewirtschaftung auf lokaler Ebene erfolgt und können somit auch die Rahmenbedingungen für die Vergabe der Plastic Credits setzen. Auch spielt staatliche Regulierung eine wichtige Rolle, um Umwelt- und Sozialstandards zu garantieren und um einen rechtssicheren Rahmen zu schaffen.

Ein Problem ist, dass es bei derzeitigen Projekten keine klare Trennung zwischen Standardsetzern, Zertifizierern und Projekten gibt. Hierdurch können Interessenkonflikte auftreten, auch das Risiko von Green Washing steigt. Auch werden die Credit-Preise nur zwischen Verkäufern und Käufern festgelegt. Die beobachteten Preise sind in Brasilien und Sambia mit 200 bis 800 US-$ pro Credit, also pro Tonne Kunststoffabfall, zwar recht hoch, doch ein großer Teil dessen, was Verkäufer zahlen, fließen an Standardsetzer oder Handelsplattformen statt an die Infrastrukturen vor Ort. Aufgrund der hohen Preise und des intransparenten Marktes zögern größere Akteure wie multinationale Konsumgüterhersteller mit großer Finanzierungskraft, in den Markt einzutreten. Auch deswegen sind die über Plastic Credits gesammelten Abfallmengen noch verschwindend gering im Vergleich zu den Mengen, die täglich anfallen.

Folien aus leichtem Polyethylen zum Schutz von Bananenstauden.

Foto: Maluwa Foundation/Mwansa Matokwani

Neues Konzept für das Kunststoffabfallmanagement

Transparenz ist die Schlüsselkomponente zur Maximierung der Wirksamkeit von Plastic Credits. Transparenz entsteht in Form eines einheitlichen zwischenstaatlichen oder nationalen Regulierungsrahmens, um die Anforderungen an die Ausstellung, Überwachung, Prüfung und auch Preisgestaltung von Plastic Credits zu festigen. Die Preisgestaltung muss sich von reinen Vereinbarungen zwischen Verkäufern und Käufern entfernen und auf den tatsächlichen Kosten, einschließlich Maschinen und Arbeitskräften, für die erforderliche Sammlung und Behandlung von Kunststoffabfällen basieren. Lokale digitale Lösungen zur Nachverfolgung gesammelter Kunststoffabfallströme sind ebenfalls entscheidend für ein transparentes Kunststoffabfallmanagementsystem.

Es ist unvermeidlich, dass zusätzliche Finanzierungsquellen erschlossen werden, um die hohen Kosten für eine moderne Abfallwirtschaft zu decken. Plastic Credits können, wenn sie korrekt und transparent eingesetzt werden, zu nachhaltigen und sozial ausgewogenen Entsorgungskonzepten beitragen und ein Brückenkonzept für die Implementierung von EPR wie dem Dualen System darstellen.

www.blackforest-solutions.com

Von Vy Nguyen, Sebastian Frisch & Andreas Schäfer

Vy Nguyen
Masterstudentin, Technische Universität Darmstadt
dieuvy.nguyen@stud.tu-darmstadt.de
Foto: privat
Sebastian Frisch
Geschäftsführer BlackForest Solutions GmbH
s.frisch@bfgroup.org
Andreas Schäfer
Experte für Investitionsförderung und Technologietransfer ITPO Germany
a.schaefer@unido.org