Luftreinhaltung 01.04.2019, 00:00 Uhr

Gerüche wegfiltern

Noch vor drei Jahren rümpften die Anwohner die Nase, weil der Abwassergeruch überhandnahm. Auch für die Angestellten war das Arbeiten im Klärwerk nicht angenehm. Doch dann fand die Stadt Vechta eine neue und zugleich umweltfreundliche Lösung.

Die Käranlage Vechta: Zahlreiche Einleiter tragen zu einer problematischen Abwasserfracht bei, insbesondere eine 7,7 km lange Druckrohrleitung, in der das Abwasser bis zu einem Tag lang steht. Bild. Fritzmeier

Die Käranlage Vechta: Zahlreiche Einleiter tragen zu einer problematischen Abwasserfracht bei, insbesondere eine 7,7 km lange Druckrohrleitung, in der das Abwasser bis zu einem Tag lang steht. Bild. Fritzmeier

Im westlichen Niedersachsen, im Städtedreieck Osnabrück, Oldenburg und Bremen, liegt Vechta. Mit etwa 33.000 Einwohnern ist die Universitäts- und Reiterstadt die größte Gemeinde des Landkreises und von einem schönen, durch reichlich Natur und Agrarwirtschaft geprägten Landstrich, umgeben. Draußen in der Feldmark betreibt die Kreisstadt Vechta auch ihre Kläranlage. Doch aus einem nahen Wohngebiet kamen immer wieder Beschwerden, weil der Wind den Abwassergeruch bis zu zwei Kilometer weit in die Siedlung trug – und Schwefel riecht wirklich nicht angenehm, erinnert er doch stark an faule Eier. Auch für den Abwassermeister mit seinen sechs Mitarbeitern und einem Auszubildenden war die Situation nicht schön.

Doch das sollte sich 2016 mit der probeweisen Installation einer neuartigen Filteranlage ändern: „Für uns hat sich die Arbeitssituation eindeutig verbessert: Durch die neue Absaugtechnik haben wir jetzt keine unangenehmen Gerüche mehr im Büro und im Rechengebäude. Und auch die Anwohner rufen uns nicht mehr an, um sich zu beschweren“, berichtet Abwassermeister Frank Sieve. Denn die Kontaktdaten des Klärwerks stehen für jeden Bürger zugänglich im Telefonbuch.

Neue Filter, mehr Lebensqualität

Die 1954 errichtete und mehrfach erweiterte Kläranlage am Bokerner Damm ist auf 60.000 Einwohner ausgelegt. Die Abwässer fließen durch ein Trennkanalnetz von insgesamt 330 Kilometern, das von 135 Pumpstationen gespeist wird. Die Tagesabwassermenge beträgt rund 6.000 Kubikmeter.

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Die eingehauste Rechenanlage mit Abluftabsaugung. Fäulnisprodukte in der Luft von Abwasseranlagen können gesundheitsschädlich sein und sollten ausgefiltert werden. Bild: Fritzmeier

 

Zahlreiche Einleiter – Haushalte, Unternehmen, aber auch Intensivproduktionen – hatten in Kombination mit langen Druckrohrleitungen, in denen das Wasser leicht anfaulen kann, zu einer echten Herausforderung in Sachen Geruchsemissionen in Vechta geführt: „Früher hatten wir zwei Lüfter, die von morgens bis abends liefen und die Gerüche aus der Feinrechenanlage nach außen abzogen. Das war auf Dauer nicht mehr vertretbar für die Umgebung“, bestätigt auch Mitarbeiter Thomas Ecke die Ausgangssituation.

Auf der Suche nach einer Lösung stieß der Fachdienstleiter der Stadtentwässerung auf den Ansatz des bayrischen Spezialisten Fritzmeier Umwelttechnik. Dieser hatte eine Filteranlage entwickelt, die sich in vielerlei Hinsicht von den üblichen Lösungsansätzen unterschied. Stadt und Hersteller einigten sich auf den befristeten Probebetrieb, der im Sommer 2016 begann.

Bakterien verwerten Gerüche

„Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten am Markt und wir haben auch verschiedene ausprobiert. Letztlich haben wir uns für Filter mit Matten, die mit Aktivkohle angereichert sind, entschieden. Auf den Matten bilden sich Bakterien, die den Geruch zersetzen. Das funktioniert ähnlich wie die Aktivkohlefilter bei Staubsaugern und Dunstabzugshauben“, erklärt Abwassermeister Frank Sieve. Zwar gäbe es auch die Möglichkeit, den Geruch durch Chemikalien zu unterdrücken, aber das Ausmaß solle so gering wie möglich gehalten werden. In Vechta gäbe man lediglich Eisenchlorid dazu, das den Schwefel binde.

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Der graue Quader oben rechts am Rechenhaus ist der Geruchsfilter. Bild: Fritzmeier

 

Bei den eingesetzten Coalsi-Geruchsfiltern handelt es sich um biologische Hybrid-Aktivkohlefilter, die eine effektive und umweltfreundliche Lösung bieten: Bakterien verstoffwechseln geruchsauffällige Stoffe und filtern sie so aus der Luft heraus, insbesondere den übel riechende Schwefelwasserstoff. Sie unterliegen der Fritzmeier Qualitätssicherung, die sicherstellt, dass sie weder human, pflanzen- noch tierpathogene Organismen beinhalten. Eingesetzt werden die Geruchsfilter bei Kommunen, in Gewerbe und Industrie, aber auch in Privathaushalten.

Testbetrieb im Kompakt-Quader

Für den Probebetrieb hatten die Vechtaer die Anlage erst einmal provisorisch in Betrieb genommen: Der ursprüngliche Luftauslass aus dem Rechenraum wurde abgeschaltet, die Umleitung über DN300-Rohre zu der selbst ansaugenden Anlage nach draußen gelegt. Die neue Anlage ist ein kompakter, unscheinbarer Quader von nur 131 x 131 Zentimetern bei rund 3,8 Metern Gesamthöhe. Unten an der Seite geht das Rohgas rein, oben tritt es aus dem Pilzkopf neutralisiert ins Freie.

Im Inneren werkelt ein ausgeklügeltes Filtersystem. Das Rohgas strömt durch eine Filterkaskade aus physikalischen, biologischen und chemischen Komponenten – eine Eigenentwicklung des Herstellers, teils patentrechtlich geschützt. Bislang ist Fritzmeier der einzige Anbieter der Dreifach-Hybridsysteme, die auf der coalsi-Filtertechnik beruhen. Dieser Quader, der sogenannte Volumenmax, ist speziell für den Großbetrieb entwickelt und für eine Stundenleistung bis 2800 Kubikmeter ausgelegt. Für noch größere Volumina ist ein Parallelbetrieb mehrerer Systeme möglich. Ein zentrales Element bildet der mächtige Aktivkohle-Adsorber mit rund 8 Quadratmeter Anströmfläche, der den Geruch neutralisiert.

90 Prozent weniger Emissionen

Vor der Inbetriebnahme des Quaders wurden durchschnittliche Werte von 40 bis 50 parts per million (ppm) Schwefelwasserstoff im Rohgas gemessen – sogar mit Spitzen von bis zu 200 ppm. Und der Schwefelwasserstoff verursacht maßgeblich den Faule-Eier-Abwassergeruch, über den die Anwohner sich beschwerten.

Mit Einsatz des Volumenmax konnten die Geruchsemissionen um ein Zehnfaches von 40 bis 50 auf 3 bis 5 ppm gesenkt werden – das freut die Anwohner der nahen Siedlung. Aber auch die Mitarbeiter des Klärwerks: Denn nicht nur die abgehende Luft aus der Kanalisation, auch die Luft im Rechenraum wird mit der Filteranlage kontinuierlich überwacht, die Gerüche abgesaugt und durch den reinigenden Filter geschleust.

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Die Filteranlage Volumenmax von Fritzmeier Umwelttechnik steht auf dem Flachdach der Kläranlage. Vier Bodenanker reichen zur Fixierung. Links im Bild die Rohgaszuführung, oben entweicht das Reingas. Bild: Fritzmeier

 

So entschied Vechta sich dann auch zum Kauf der erprobten Anlage. Der provisorische Auslass durch die Tür wich einer Kernbohrung im Gemäuer – viel mehr war nicht nötig. Nach insgesamt drei Jahren wurde Bilanz auch aus dem Regelbetrieb gezogen: Die Anlage läuft bis dato zuverlässig, es hat keine Ausfälle gegeben.

Umweltfreundliche Lösung

Nur einen Punkt gilt es bei der Bio-Lösung zu beachten: In der Anlage befinden sich Filtermatten, deren Wirkung sich mit der Zeit verringert. Auf ihnen sitzen Mikroorganismen, die das Rohgas verstoffwechseln. Insofern ist die Lebensdauer der Matten abhängig vom Gasdurchsatz.

„Wir tauschen vorsorglich einmal im Jahr“, berichtet Klärwerk-Mitarbeiter Thomas Ecke. „Immer zum Frühjahr, bevor der Geruch mit der wärmeren Witterung zunimmt“. Durch den festen Turnus gehe man auf Nummer sicher, müsse sich fortan nicht mehr kümmern. Die andere Möglichkeit wäre, die Filter erst zu tauschen, wenn etwas zu riechen ist. Die Filtermatten sind einfach zu wechseln und als minimaler Restmüll umweltgerecht entsorgbar.

Der Lüfter der Anlage ist nicht an den Volumenstrom, sondern an die Pumpenleistung gekoppelt. Als Grundlast läuft er auf kleiner Stufe rund um die Uhr. Dies ist nicht zwingend nötig, hält aber die Bakterienkulturen auf Trab. Bei Nichtbedarf kann die Anlage auch komplett abgeschaltet werden. Dann wird die volle Filterleistung allerdings erst ein bis zwei Tage nach dem Wiederanfahren erreicht: Die Bakterien brauchen diese Zeit zur Aktivierung.

Selbst bei voller Lüfterleistung ist der Energieverbrauch mit 0,71 Kilowatt pro Stunde moderat. Die elektrischen Betriebskosten sind abhängig vom Heizbedarf zur Steuerung des Feuchtegrads des Rohgases. In der Praxis liegen sie meist zwischen vier und sechs Euro pro Tag.

Rundum-sorglos-Lösung

Der biologische Hybrid-Aktivkohlefilter ist für Vechta auch aus Platzgründen eine optimale Lösung: Der gewählte Standfilter ist mit 680 Kilogramm vergleichsweise leicht und der Quader platzsparend und überall platzierbar. Außerdem benötigt er keine Baugenehmigung und ist mit unter 50 Dezibel (dB(A)) Betriebsgeräusch so leise wie ein Kühlschrank – und ebenso einfach per Knopfdruck ein- und auszuschalten.

Ein Erfolgskonzept im Kampf gegen üble Gerüche? Für Vechtas Abwassermeister Sieve und sein Team absolut, zumal die üblichen Alternativen wenig überzeugten: „Den praktizierten Minimaleinsatz von Chemie zur Geruchsbekämpfung auszuweiten, hielten wir für nicht zeitgemäß. Für uns ist die biologische Filteranlage in puncto Umweltschutz und Ressourceneinsatz einfach die beste Wahl. Und auch betriebstechnisch hat sie sich bislang als eine Rundum-sorglos-Lösung erwiesen.“

Die Käranlage Vechta: Zahlreiche Einleiter tragen zu einer problematischen Abwasserfracht bei, insbesondere eine 7,7 km lange Druckrohrleitung, in der das Abwasser bis zu einem Tag lang steht.

Von Ulrich Bethge

Ulrich Bethge, Fritzmeier Umwelttechnik GmbH & Co. KG, u.bethge@fritzmeier.com

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