Neue Studie 22.09.2020, 08:46 Uhr

So kann Schutz für europäische Wälder funktionieren

Europaweit schwindet die Fläche an Primärwäldern. Doch mit geringen Ressourcen könnte es gelingen, verblieben Flächen dauerhaft zu schützen – so das Ergebnis einer umfassenden Datenanalyse.

Primärwälder sind für den Erhalt der biologischen Vielfalt entscheidend, nur welche Strategie führt zum Ziel? 
Foto: Tzvetan Zlatanov

Primärwälder sind für den Erhalt der biologischen Vielfalt entscheidend, nur welche Strategie führt zum Ziel?

Foto: Tzvetan Zlatanov

Die größten Urwälder Europas befinden sich in der Taiga Nordrusslands westlich des Urals. Aber auch in Skandinavien, vor allem am Fuße der Skanden in Schweden, sind noch ausgedehnte Flächen zu finden. Im weltweiten Vergleich sind diese Flächen verschwindend gering. Umso wichtiger ist es, bestehende Flächen zu erhalten und den Schutz gegebenenfalls auszuweiten. Doch die genaue Bewertung war bislang aufgrund lückenhafter Daten schwierig.

Ein Forscherteam des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) hat jetzt neue Berechnungen veröffentlicht. Demnach würde es ausreichen, den bestehenden Schutz europäischer Wälder um ein 1% auszuweiten, um den Bestand an vorhandenen Urwäldern zu sichern.

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Welche Wälder sind besonders schützenswert?

Wissenschaftler bezeichnen Urwälder als Primärwälder. Das bedeutet: Es handelt sich um Wälder, die niemals von Menschen genutzt worden sind – weder durch Rodung und Siedlungen noch durch Waldwirtschaft oder durch Neuanpflanzungen. Solche Systeme sind sich selbst überlassen. Abgestorbene Bäume werden nicht entfernt, und nach Windbrüchen oder Waldbränden finden keine Maßnahmen zur Wiederaufforstung statt. Das heißt: Ökologische Vorgänge wurden nie durch externe Störfaktoren beeinflusst. Das mach den Wert von Urwäldern aus. Sie leisten einen Beitrag zur Artenvielfalt – aufgrund fehlender Flächen sind viele Pflanzen und Tiere vom Aussterben bedroht.

Trotz dieser bekannten Zusammenhänge werden Primärwälder zu wenig geschützt. An politischen Maßnahmen mangelt es nicht. Die im Mai vorgelegte EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 sieht beispielsweise vor, geschädigte Ökosysteme aller Art wiederherzustellen und besser zu schützen. Allerdings blieb unklar, wo Wälder in Europa am schutzbedürftigsten sind: eine Aufgabe für die Forschung.

Gesamteuropäische Bewertung der Primärwälder

Antworten lassen sich nur in großen Konsortien finden. Deshalb haben sich 28 Institutionen europaweit zusammengetan. Die Leitung haben Francesco Sabatini (iDiv; MLU) und Tobias Kuemmerle (HU). Im ersten Schritt sammelten sie Daten, was sich über fünf Jahre in die Länge zog. Doch anhand ihrer Datenbank konnten sie erstmals zentrale Fragen zur Ausbreitung und zum Schutzstatus europäischer Wälder beantworten. Sie fokussierten sich dabei auf folgende Aspekte:

  • Gibt es in Europa überhaupt noch Primärwälder aller 54 Waldtypen
  • Wo sind diese Wälder ausreichend geschützt, wo besteht Handlungsbedarf?
  • Wo ist eine Renaturierung erforderlich, weil es zu geringe Restbestände gibt?

Zu den Ergebnissen: „Während viele europäische Primärwälder in der Tat gut geschützt sind, haben wir auch viele Regionen identifiziert, in denen dies nicht der Fall ist, insbesondere dort, wo sie noch relativ weitverbreitet sind“, berichtet Sabatini. „Und dort, wo sie geschützt sind, reicht der Schutzstatus in einigen Fällen nicht aus, um die Wälder langfristig zu erhalten.“

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Bei der Analyse konnten weitere Problemfelder identifiziert werden. Zwar gibt es in mehreren Regionen, speziell in Nord- und Osteuropa, noch ausgedehnte Primärwälder. Aber viele Regierungen erkennen deren Wert nicht, was zur Vernichtung führt. Viel häufiger war jedoch das Szenario in vielen europäischen Ländern: Von vielen natürlichen Waldtypen gab es nicht mal Restbestände an Primärwald. „Es sollte höchste Priorität der Politik sein, diese Wälder langfristig zu schützen“, fasst Kümmerle zusammen. „Und wo keine Primärwälder mehr vorhanden sind, die geschützt werden können, müssten sie renaturiert werden.“

Neue Strategien weniger aufwändig als befürchtet

Doch die Forscher können Regierungen hinsichtlich des möglichen Aufwands beruhigen: „Wir haben errechnet, dass selbst eine Ausdehnung der Schutzgebiete um nur etwa 1% ausreichen würde, um die meisten verbliebenen Primärwälder in Europa zu schützen“, sagt William Keeton. Er ist Professor an der Universität Vermont. Keeton zufolge entspräche das nur zwei bis drei Tausendsteln der gesamten Landesfläche Europas.

Der Druck auf Politiker, aktiv zu werden, wächst jedenfalls. „Jetzt ist es an der Zeit, mutig für die Erhaltung und Wiederherstellung der Wälder in Europa einzutreten“, sagt Sabatini. Die Biodiversitätsstrategie jedenfalls betone, welchen unersetzlichen Wert der Primärwälder hätten.

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Von Michael van den Heuvel

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