Energiewende 01.12.2019, 00:00 Uhr

Wärmeautarker Ort

Ein Ort in Nordhessen treibt seit 2014 die Energiewende voran. In Sommer wie Winter versorgt er sich selbst mit Wärme – dank intelligenter Mischung aus Solarthermie und Biomassenutzung.

Das Solarthermiefeld von Mengsberg in Nordhessen. Bild: Bioenergiegenossenschaft Mengsberg

Das Solarthermiefeld von Mengsberg in Nordhessen. Bild: Bioenergiegenossenschaft Mengsberg

Die lokale Energiewende im Stadtteil Mengsberg von Neustadt im hessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf begann 2011. Damals nahm der Stadtteil erstmals am Dorferneuerungswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) teil. Mengsberg wurde hier 2013 als Bundessieger gekürt. 2014 folgte ein zweite Preis im Dorferneuerungswettbewerb der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung. Diese mehrjährige Beschäftigung mit der Zukunft war ausschlaggebend für die Planung des Nahwärmeprojektes. Das Ziel einer autarken Energieversorgung sollte mit einer zukunftsweisenden und CO2-neutralen Wärmeversorgung erreicht werden.

Dazu gründeten 81 der knapp 900 Bewohner 2014 die Bioenergiegenossenschaft Mengsberg eG (heute hat sie 138 Mitglieder). Alle Bürger wurden früh in die Entscheidungsprozesse eingebunden. Auf Grund der dauerhaft niedrigen Ölpreise in den darauffolgenden Jahren musste das Projekt weiter optimiert werden, so dass eine Umsetzung erst im Frühjahr 2017 erfolgen konnte. Beauftragt wurde hierfür der Generalunternehmer Viessmann aus dem 35 Kilometer nordwestlich gelegenen Allendorf (Eder). Zum Jahresende 2018 hat Viessman das Projekt fertig gestellt und die Bioenergiegenossenschaft konnte die Nahwärmeversorgung in Betrieb nehmen. Das Nahwärmeprojekt basiert auf einem dreistufigen Wärmegewinnungssystem.

Der Hackschnitzelkessel Vitoflex 300-FSB von Viessmann hat eine thermische Leistung von 1,1 Megawatt. Bild: Bioenergiegenossenschaft Mengsberg

Der Hackschnitzelkessel Vitoflex 300-FSB von Viessmann hat eine thermische Leistung von 1,1 Megawatt. Bild: Bioenergiegenossenschaft Mengsberg

 

Dreistufig Wärme gewinnen

Die Versorgung im Sommer sowie ein Teil der Grundlast in der Übergangszeit und im Winter deckt ein Solarthermiefeld mit einer Bruttokollektorfläche von 2.950 Quadratmeter in Verbindung mit zwei oberirdischen Heizwasser-Pufferspeichern. Das Solarthermiefeld hat eine Aperturfläche von 2.766 Quadratmeter und verfügt über 224 Flachkollektoren. Es sind Vitosol 100-F XL 13-Kollektoren von Viessmann. Die Speicher stammen ebenfalls von Viessmann. Sie bestehen aus Stahl, sind 17 Meter hoch, haben einen Durchmesser von 3,5 Meter und sind mit einer 20 Zentimeter starken Mineralwolleschicht gedämmt. Sie sind mit demineralisiertem Wasser gefüllt und fassen insgesamt 300 Kubikmeter Wasser. Diese Speicher können den Wärmebedarf für bis zu sieben Tage decken. Das Solarthermiefeld ist damit eines der größten derzeit betriebenen und in Genossenschaftshand befindlichen Solarthermieanlagen in Deutschland.

Hackschnitzel im Winter

Die Grund- und Hauptlast in der übrigen Zeit wird durch einen Hackschnitzelkessel Vitoflex 300-FSB von Viessmann mit einer Leistung von 1.100 Kilowatt erzeugt. Die Schnitzel stammen ausschließlich aus heimischen Wäldern – dem Mengsberger und dem Neustädter Wald – und einem nahegelegenen Sägewerk. Dies vermeidet lange Transportwege. Die Hackschnitzel werden aus Schad- und Käferholz sowie Abfall-, Rest- und Kronenholz gewonnen. Für den Spitzenlastbedarf an sehr kalten Tagen sowie für die Redundanzabdeckung steht ein Vitoplex 200 als Bio-Flüssiggaskessel mit einer Leistung von 1.600 Kilowatt bereit.

In der Energiezentrale steht der Wärmeverteiler nebst Anschluss der hydraulischen Kreise: Pufferspeicher, Wärmeversorgung der Nebenräume sowie Nahwärmenetz mit entsprechenden Umwälzpumpen. Bild: Bioenergiegenossenschaft Mengsberg

In der Energiezentrale steht der Wärmeverteiler nebst Anschluss der hydraulischen Kreise: Pufferspeicher, Wärmeversorgung der Nebenräume sowie Nahwärmenetz mit entsprechenden Umwälzpumpen. Bild: Bioenergiegenossenschaft Mengsberg

 

Energiezentrale

Die Energiezentrale wurde am südlichen Ortsrand von Mengsberg auf einer Anhöhe auf Flächen der Genossenschaft errichtet. Sie ist so ausgelegt, dass Solarthermie 99 % des Wärmebedarfs im Sommer und 17 % über das gesamte Jahr deckt. Rund 81 % werden durch die Holzhackschnitzel und 2 % durch das Bio-Flüssiggas gedeckt. Derzeit sind knapp 150 Gebäude an das Nahwärmenetz angeschlossen, so auch die Grundschule und das Hallenbad. Mittelfristig wird mit einem Nutzwärmebedarf von 4.700 Megawattstunden gerechnet. Die Versorgung erfolgt über ein 9.259 m langes Nahwärmenetz. Die Netztemperatur beträgt für Vor- und Rücklauf gleitend 85°C/55 °C im Winter und 70°C/40 °C im Sommer.

Insgesamt hat Mengsberg für das Nahwärmeprojekt über 6 Millionen Euro investiert. Viele der vorhandenen Ölheizungen wurden bereits ersetzt, sodass eine CO2-Einsparung von jährlich rund 1.300 Tonnen erreicht werden kann. Mengsberg nutzt außerdem weitere vorhandene erneuerbare Energien. So wurden in den letzten Jahren mehr als 70 Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 1,2 Megawatt auf privaten und öffentlichen Gebäuden installiert. Im Jahr 2017 wurde darüber hinaus im Mengberger Wald ein Windpark mit 4 Windenergieanlagen vom Typ ENERCON E-115 mit einer Nennleistung von jeweils 3.000 Kilowatt (Gesamtleistung 12 Megawatt) auf Flächen der Waldinteressenten errichtet. Die Windenergieanlagen haben einen Rotordurchmesser von 115 Meter und eine Nabenhöhe von 149 Meter. Auch hierzu wurde eine Genossenschaft, die Bürgerwindenergieanlage Mengsberg eG, gegründet. An der Genossenschaft sind 65 Bürger beteiligt. Sie ist eine der ersten Genossenschaften in Hessen, die eine Windenergieanlage komplett in Bürgerhand betreibt. Der Windpark erzeugt rund 26 Millionen Kilowattstunde im Jahr. Dies entspricht dem 21-fachen des Mengsberger Jahresstrombedarfs.

Durch das Engagement und die Tatkraft der ehrenamtlich tätigen Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder der Bioenergiegenossenschaft sowie im Hinblick auf die Energiewende ist Mengsberg ein positives Beispiel, das andere Gemeinschaften und Dörfer zur Nachahmung anregen kann. Und es ist weiter preisträchtig: So wurde die Bioenergiegenossenschaft Mengsberg im September 2019 im Wissenschaftspark Gelsenkirchen für ihr solares Nahwärmeprojekt mit dem Deutschen Solarpreis 2019 ausgezeichnet.

www.begmengsberg.de

 

Von Michael Rudewig„Das Solarthermiefeld ist eines der größten derzeitbetriebenen und in Genossenschaftshandbefindlichen Solarthermieanlagen inDeutschland.“

Michael Rudewig Vorstand Bioenergiegenossenschaft Mengsberg eG begmengsberg@outlook.deBild: Michael Rudewig

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