Energiepflanzen 01.07.2019, 00:00 Uhr

Energiepflanzen auf Bergbaubrachen

Der Anbau von Energiepflanzen auf Bergbaustandorten in Vietnam reduziert CO2-Emissionen, hilft bei der Rekultivierung ungenutzter Flächen und verbessert die Lebensbedingungen der örtlichen Bauern.

Bild: U+Ö, Ruhr-Universität Bochum

Bild: U+Ö, Ruhr-Universität Bochum

Die Professorin Thu von der Uni in Hanoi ist eine zierliche Frau. Man könnte sie leicht übersehen, aber nicht überhören. Sie hat ein energisches Auftreten. Wenn sie von einer Sache überzeugt ist, fällt es schwer, ihr nicht zuzustimmen – so wie davon, den Anbau von Energiepflanzen in Vietnam zu forcieren. Sie ahnte, man muss dies auf Feldern tun, die mit dem Reisanbau konkurrieren. Frau Thu, in Deutschland ausgebildet, zählt zu den angesehensten Expertinnen in Vietnam in Sachen Boden- und Landwirtschaft. Als im Herbst 2015 ein Projekt zu Energiepflanzen unter dem Label Klimaschutz startete, haben dies viele beteiligte Experten in Vietnam zunächst nicht ernst genommen. Zu viele Aspekte schwirrten umher, Klimaschutz, Erneuerbare Energien, Biomasseanbau. Dann auch noch die Verbindung zu Bergbaubrachen und Rekultivierung. Nun wurden jüngst in Hanoi die Ergebnisse der ersten drei Jahre des Pilotprojektes, welches über die Internationale Klimainitiative (IKI) vom Bundesumweltministerium in Berlin gefördert wurde, vorgestellt. Und siehe da, die Ergebnisse sind gar nicht schlecht.

In Vietnam steckt der Energiepflanzenanbau in den Kinderschuhen. Eine nennenswerte Produktion fehlt. Das vietnamesisch-deutsche Pilotprojekt hat auf drei verschiedenen Flächen von Herbst 2015 an erprobt, welche Energiepflanzen jeweils am sinnvollsten und ertragreichsten sind. Von den drei Standorten liegen zwei im Norden und einer im Süden. Im Norden wurden auf einer Steinkohlenbrache (Steinkohleabbau im Tagebaubetrieb) in der Provinz Quang Ninh auf etwa 2 ha unter anderem Süßhirse und Akazien kombiniert mit Leguminosen angebaut. In der Provinz Thai Nguyen, etwa 80 km nördlich von Hanoi, experimentierte das Projekt mit ähnlichen Pflanzen. Zusätzlich wurde die vietnamesische Züchtung eines stark wachsenden Grases mit dem Namen VA06 sowie im zweiten Jahr Cassava gepflanzt. Der Anbau fand auf einer Wolframmine der Firma Nui Phao statt. Im Süden Vietnams wählte das Projekt die Pilotflächen der Tochterfirmen des Bergbaukonzerns Vinacomin in der Provinz Lam Dong aus. Hier gibt es riesige Bauxitlagerstätten, die im Tagebau abgebaut werden. Das Projekt experimentierte auf etwa 2 ha mit einer Kombination aus Sonnenblumen, Jatropha und Cassava.

Akazien zwei Jahre nach der Pflanzung im Sommer 2018 auf der Pilotfläche Nui Phao in Nordvietnam. Bild: UfU

Akazien zwei Jahre nach der Pflanzung im Sommer 2018 auf der Pilotfläche Nui Phao in Nordvietnam. Bild: UfU

4.000 Bergbaustandorte

In Vietnam existieren derzeit etwa 4.000 Bergbaustandorte. Viele sind gut erschlossen. Rekultivierung ist aber bislang kaum umgesetzt worden. Die deutschen Experten, neben dem federführenden Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU) aus Berlin waren Fachleute der Uni Bochum von der Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften (Projekt RAME) und des Wissenschaftsunternehmens MSP aus Bochum beteiligt, wollten mit dem Projekt die Verbindung von Klimaschutz mit dem Thema nachhaltige Bioökonomie in Vietnam aufzeigen. Die vietnamesischen Experten, allen voran die Vietnam Protection Agency (VEA) und die Uni Thai Nguyen versprachen sich neben Klimaschutzeffekten auch einen Beitrag zu einer Rekultivierung der vielen Bergbaubrachen.

Obwohl die Erwartungen aller Beteiligten divers waren, konnten sie doch im Wesentlichen erfüllt werden. Neben der Erprobung verschiedener Anbausysteme für Energiepflanzen wurden exemplarisch Verwertungsszenarien für die Standorte und entsprechende Klimaschutzeffekte geprüft und teils berechnet.

Gras VA06, eine vietnamesische Züchtung, auf dem Standort Nui Phao vier Monate nach der Pflanzung. Bild: UfU

Gras VA06, eine vietnamesische Züchtung, auf dem Standort Nui Phao vier Monate nach der Pflanzung. Bild: UfU

Sehr gut schnitt beispielsweise der Anbau von Cassava (Maniok) ab. Aber auch das Gras VA06 entwickelte sich prächtig und wurde als Viehfutter für örtliche Bauern zur Verfügung gestellt. In einem Gutachten der Hanoi University of Science and Technology wurde zudem gezeigt, dass im Vergleich zur Nutzung von konventionellem Benzin, Kraftstoff, der mit Bioethanol aus dem Cassava-Anbau auf ehemaligen Bergbaustandorten hergestellt wird, fast 50 Prozent der CO2-Emissionen eingespart werden können.

Cassava als Bioethanolquelle

Damit sind die möglichen CO2-Einsparungen von Bioethanol aus Cassava von den untersuchten Bergbaustandorten sogar höher als die, welche durch die Nutzung von konventionell hergestelltem Cassava-basierten Bioethanol in Vietnam anfallen, da die negativen klimatischen Auswirkungen von Landnutzungsänderungen bei der Nutzung von Bergbaustandorten sehr viel geringer ausfallen. Immerhin noch 20 Prozent CO2-Ersparnis können beim Anbau bestimmter Grassorten für die Biogasproduktion auf Bergbaustandorten erzielt werden, angenommen, dass ansonsten mit herkömmlichen Feuerungsmethoden (Heizen und Kochen mit Erdgas oder mittels Kohleofen) gewirtschaftet wird. In den Verwertungsszenarien wurden für alle Standorte erfolgversprechende Optionen betrachtet – wie die Verwertungspfade Biomassekraftwerk und Bioethanol. So würde sich der Anbau von Cassava für die Herstellung von Bioethanol auf Bergbaustandorten durchaus rechnen, ist eine entsprechende Bioethanol-Fabrik im Umkreis von etwa 80 bis 100 km ansässig . Auch der Einsatz kleinskaliger Biogasanlagen kann eine lohnende Option darstellen, wie dies am Standort in Thai Nguyen mit mehreren Bauernfamilien exemplarisch demonstriert wurde.

Daher zeigte sich Ho Kiem Trung, Direktor der Abteilung Allgemeine Aufgaben der Vietnam Environmental Administration (VEA), während des Abschlussgesprächs zum Projektende der Phase 1 im Mai 2019 nicht nur gut gelaunt, sondern betonte, dass das Energiepflanzenprojekt sogar ein wirksamer Bestandteil der „Green Growth“-Strategie Vietnams darstelle. Zudem leiste das Projekt einen Beitrag zum Paris-Abkommen, in dessen Rahmen sich Vietnam zur Reduzierung seiner Treibhausgasemissionen bis 2030 um acht Prozent verpflichtet habe. Und, er betonn, dass mit dem Projekt die Anstrengungen zur Rekultivierung von Bergbaubrachen spürbar vorangebracht worden seien. Gerade die im Projekt beteiligten vietnamesischen Bergbauunternehmen hätten wertvolle Schrittmacherdienste für alle Bergbaustandorte in Vietnam geleistet.

Neben den energetischen Verwertungsoptionen sind im Projekt eine Reihe von weiteren Co-Benefits beobachtet worden: So wurde der Anbau von Energiepflanzen auf dem Bergbaustandort in Nui Phao neben den Pilotflächen auf weiteren Bergbauflächen des Unternehmens kultiviert. Dadurch konnten Erosionserscheinungen vermindert und Hangabbrüche nach Starkregenereignissen wurden weitgehend vermieden. Die für die Rekultivierung von Bergbauflächen zuständige Umweltverwaltung VEA denkt nun darüber nach, den Anbau von Energiepflanzen in den Katalog möglicher Rekultivierungsmaßnahmen in Vietnam aufzunehmen.

Akzeptanz fehlt noch

Professorin Thu ist dennoch nicht zufrieden. Noch, sagt sie, hätten die meisten ihrer meist männlichen Kollegen das Projekt zwar registriert, aber die Zusammenarbeit zwischen den verantwortlichen Ressorts aus Umweltministerium und den Ministerien für Landwirtschaft und Handel und Industrie könne noch deutlich besser werden. Was bleibt, wenn die Finanzierung der deutschen Seite in zwei Jahren ende und die vietnamesische Seite allein weitermachen müsse. Bis dahin, so Frau Thu, müsse der Nutzen noch stärker verdeutlicht werden. Erst wenn Unternehmen aus Vietnam die Idee übernehmen und brachliegende Flächen für den Energiepflanzenanbau etwa für Bioethanol nutzen, war das Projekt erfolgreich.

Genau hierauf zielt auch die zweite Projektphase ab 2020 ab. Da der Bioethanolanbau seitens der vietnamesischen Regierung stark gefördert wird und bald flächendeckend E10 an allen Tankstellen verfügbar sein soll, braucht Vietnam nunmehr auch mehr Rohstoffe zur Produktion von Bioethanol. Hier hat sich das Land auf Cassava konzentriert. Cassava wächst überall sehr gut im Norden und in den fruchtbaren Flusstälern des Südens. Auf der Hochebene der Provinz Lam Dong muss der Beweis aber noch erbracht werden. Daher ist es ein gutes Zeichen, wenn der Bioethanolhersteller Tung Lam bereit ist, mit Vincomin in Lam Dong zusammenzuarbeiten. Immerhin, der Standort für die Energiepflanzen in Lam Dong liegt nur 80 km von der Bioethanolfabrik entfernt. Eine gute Voraussetzung, dass Professorin Thu in zwei Jahren hoffentlich zufrieden sein kann.

Von Michael Zschiesche & Fabian Stolpe

Michael Zschiesche & Fabian Stolpe Unabhängiges Institut für Umweltfragen, michael.zschiesche@ufu.de

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