Europaweite Daten 09.08.2021, 07:00 Uhr

Welche Kunststoffabfälle oft in Europas Flüssen landen – und was sich dagegen unternehmen lässt

Forscher wollten wissen, welcher Plastikmüll besonders oft in Flüssen landet und ins Meer verfrachtet wird. Ihre Arbeit liefert überraschende Erkenntnisse zum Eintrag von Kunststoffen und zu Vermeidungsstrategien.

Plastikflasche in einem Fluss

Kunststoffmüll in Flüssen stellt ein großes Problem dar. Forschende haben Details zusammengestellt.

Foto: panthermedia/kirisa99 (YAYMicro)

Kunststoffabfälle in den Weltmeeren sind ein bekanntes Problem – und in den Medien ähnlich präsent wie die Folgen des Klimawandels. Der Eintrag erfolgt oft über Flüsse. Belastbare, umfassende Daten suchte man trotz zahlreicher Veröffentlichungen bislang vergebens. Das wollten britische Forscher des EarthWatch Institute ändern. Ihre Analyse auf Basis der Literatur zeigt nicht nur, welchen Belastungen Europas Flüsse ausgesetzt sind, sondern die Autoren stellen auch Maßnahmen vor, um den Eintrag zu vermindern. Sie richten sich an Firmen, Bürgerinnen und Bürger, aber auch an Regierungen. Die Ergebnisse im Überblick:

Top 1: Plastikflaschen

Rund 14% des Eintrags an Kunststoffen seien auf Plastikflaschen zurückzuführen. Konsumenten erwerben pro Jahr im Schnitt 150 Plastikflaschen. 5,5 Milliarden Plastikflaschen werden weggeworfen, verbrannt oder anderweitig entsorgt, wodurch 233.000 Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente entstehen. Die Zahlen stammen alle aus Großbritannien. Die Autoren raten, wiederverwendbare Flaschen zu bevorzugen. Das betreffe nicht nur Lebensmittel, sondern auch Waschmittel oder Kosmetikprodukte. Solche Angebote sind allerdings noch rar; allenfalls in größeren Städten haben Kunden die Möglichkeit, in „Unverpackt“-Läden einzukaufen. Speziell bei Getränken lautet ein Tipp an Stadtverwaltungen, im öffentlichen Bereich Trinkwasserbrunnen aufzustellen.

Top 2: Kunststoffverpackungen für Lebensmittel aller Art

In Gewässern fanden Forschende auch recht häufig Verpackungen für Süßigkeiten, Schokoriegel und andere Snacks (12%). Das Problem: Verbraucher erwerben solche Produkte, um unterwegs schnell etwas zu essen. Die Verpackung landet in der Umwelt, schlimmstenfalls in einem Gewässer. Als kurzfristige Maßnahme empfahlen die Autorinnen und Autoren, mehr Sammelbehälter für Abfall auszustellen und Bußgelder zu verhängen, wenn Verpackungen achtlos entsorgt werden. Sie sähen auch Firmen in der Pflicht, einen Beitrag zu leisten, etwa durch die Säuberung der Umwelt.

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Top 3: Zigarettenfilter

Trotz medizinsicher Warnungen sinkt die Zahl der Raucherinnen und Raucher EU-weit nur langsam. Viele von ihnen entsorgen ihre Kippen auf der Straße oder werfen sie in die Kanalisation. Kein Wunder, dass dieser Teil mit 9% weit vorne in der Abfallanalyse zu finden ist. Zigarettenfilter enthalten Celluloseacetat, einen Kunststoff, der sich nur langsam abbaut. Umso wichtiger sind Maßnahmen gegen diese Art von Abfällen. Es reicht schon aus, einen hitzefesten Behälter für Kippen einzustecken und sie darin zu entsorgen, oder die Städte und Gemeinden stellen mehr Mülleimer auf. Bußgelder sind ebenfalls ein Thema. Experimentelle Programme sehen vor, Zigarettenabfall zu recyceln oder Celluloseacetat durch rasch abbaubare Filter auf pflanzlicher Basis zu ersetzen. Hier sei auch die Industrie gefragt, Lösungen zu entwickeln.

Top 4: Verpackungen von Fast Food 

In Europas Flüssen fänden sich auch Kunststoff-, speziell Styroporbehälter zum Mitnehmen von Lebensmitteln aus Schnellrestaurants, Supermärkten oder von Lieferdiensten. Die Forschenden entdeckten entsprechende Reste in 6% der untersuchten Proben. Anbieter solcher Verpackungen seien in der Pflicht, nachhaltige Konzepte zu entwickeln, etwa durch wiederverwertbare, leicht zu reinigende Boxen mit einem Pfandsystem. Das könne aber dauern. Zwischenzeitlich bliebe nur, Kundinnen und Kunden verstärkt auf Möglichkeiten des Recyclings hinzuweisen. Mittelfristig böten nachhaltige Materialien, die kompostiert werden können, eine Perspektive.

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Top 5: Wattestäbchen

Mit einem Anteil von 5% stellten Wattestäbchen für kosmetische Anwendungen ein nicht zu vernachlässigendes Problem dar. Ihr Baumwollanteil wird zwar schnell abgebaut, das Stäbchen selbst besteht jedoch aus unterschiedlichen Kunststoffen und landet teils in Flüssen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern von Firmen, Laien besser über die sachgerechte Entsorgung zu informieren. Wattestäbchen gehörten nicht in die Toilette, sondern in den Restmüll. Mittelfristig ließe sich der Kunststoff-Anteil durch Holz oder Karton ersetzen – ein Beitrag zur Nachhaltigkeit.

Wissenslücken zu Kunststoffabfällen schließen

Grundlage der Studie war eine umfassend Literaturrecherche. Die Autorinnen und Autoren fanden in Datenbanken eine Studie zur Situation im gesamten Europa, darüber hinaus je eine Arbeit aus Frankreich, aus Polen und aus der Schweiz sowie fünf Veröffentlichungen aus Großbritannien. Die Artikel beantworteten noch lange nicht alle Fragen. Aufgrund fehlender Daten über Kunststoffabfälle in tieferen Wasserschichten beziehungsweise oberhalb des Flussbettes könnte die Menge zu gering geschätzt worden sein. Es fehlten auch valide Quellen, um den Erfolg von Maßnahmen wie Pfandsystemen oder Bußgeldern bei Umweltverschmutzungen zu bewerten. Kunststoffabfälle in Flüssen bleiben nach wie for ein Problem.

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Von Michael van den Heuvel

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