Kreislaufwirtschaft 01.10.2019, 00:00 Uhr

Nachhaltig Handeln in der Abfallwirtschaft

An drei Wertschöpfungsketten - Alttextilien, gebrauchten Batterien und Elektrogeräten sowie an Bauschutt - wurde untersucht, wie sich grundsätzlich mehr Abfälle verwerten lassen. Dies war ein Projekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Container für alte Schuhe und Textilien in einem Recyclinghof der Berliner Stadtreinigungsbetriebe.

Container für alte Schuhe und Textilien in einem Recyclinghof der Berliner Stadtreinigungsbetriebe.

Foto: David Obladen

Das von der DBU geförderte Projekt „Nachhaltigkeitskommunikation in der Abfallwirtschaft – Grundlagen und best practice-Ansätze“ sollte Schritte aufzeigen, die in der Praxis die Abfallwirtschaft nachhaltiger gestalten können. Es gab drei Projektziele: Das Erste war, einen in der Entsorgungs- und Recyclingbranche verwendbaren Nachhaltigkeitsansatz zu erarbeiten, der sich auf die Kernaktivitäten von Unternehmen der Branche bezieht. Zweitens sollte die Praktikabilität dieses Ansatzes in der Praxis belegt werden. Und drittens ging es darum, Unternehmen angesichts der rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einen Weg aufzuzeigen, den sie in Richtung nachhaltigeren Handelns gehen können.

Vier Thesen für Nachhaltigkeit

Im Projekt wurden vier Thesen für eine nachhaltige Abfallwirtschaft diskutiert, die hier verkürzt dargestellt sind:

Die Abfallwirtschaft muss Mensch und Umwelt durch Beseitigung von Abfällen mit Schadorganismen oder chemischen Schadstoffen schützen als auch Ressourcen – also Sekundärrohstoffen oder Energie – aus Abfällen bereitstellen.

Priorität beim Rückgewinnen von Ressourcen haben Mineralien und Metalle vor organischen Stoffe aus fossilem Material, heimischen mineralischen Rohstoffen mit hoher Verfügbarkeit und nachwachsende Rohstoffe. Der kumulierte Energie- und der kumulierte Ressourcenaufwand (KEA beziehungsweise KRA) für die Herstellung des jeweiligen Materials entscheidet darüber, auf welche Ressourcen man sich konzentrieren sollte.

Nachhaltige Abfallwirtschaft als Beitrag von Unternehmen muss im Kontext technischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Rahmenbedingungen verwirklicht werden.

Indikatoren für nachhaltige Abfallwirtschaft müssen sich am Erfolg der Ressourcenschonung orientieren. Sie müssen zielgenau, repräsentativ und gut ermittelbar sein. Allgemeine Vorgaben wie die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen – die „Sustainable Development Goals“ (SDG) – können die Richtung vorgeben. Die Tabelle zeigt einen Vorschlag für Indikatoren.

Drei Wertschöpfungsketten

Unternehmen besetzen Wertschöpfungsstufen, für die sie technische, personelle und organisatorische Kernkompetenzen mitbringen. Die Abfallwirtschaft umfasst dabei eine Fülle unterschiedlicher Wertschöpfungsstufen, die nicht alle in einem Projekt betrachtet werden können. Ausgewählt wurden drei:

  • Wiederverwendung und Verwertung von Alttextilien,
  • Verwertung von Abbruchabfällen und Schlacken aus Müllverbrennungsanlagen sowie
  • Umgang mit Elektroaltgeräten mit integrierten Batterien sowie Batterien im Allgemeinen.

Im Zentrum der Diskussion stand die Verbesserung einzelner Wertschöpfungsstufen beziehungsweise eine Analyse entlang der gesamten Wertschöpfungskette im Sinne nachhaltiger Abfallwirtschaft. Außerdem wurde die Rolle von Innovationen bewertet, wie technische Verbesserungen im Sammlungs- und Aufbereitungsprozess, neue Sammelwege und stärker auf Verwertung oder Wiederverwendung setzende Geschäftsmodelle.

Alttextilien

Eine Optimierung der Erfassung brauchbarer Alttextilien ist angesichts der sich abzeichnenden Schwemme“, etwa bedingt durch den zunehmenden Anteil an Billigstmode, unabdingbar. Der politische Druck auf größere Erfassungsmengen geht zulasten der Qualität wiederverwendbarer und verwertbarer Ware, weil er das bestehende Geschäftsmodell zu zerstören droht:

Die Hälfte aller Erlöse werden mit zehn Prozent hochwertiger Second-Hand-Ware erzielt. Der zunehmende Anteil an nicht wiederverwendbaren „Einmal-getragen-und-weg“-Textilien drückt massiv auf den Gesamtertrag. Wird ein Stoffstromschema für Alttextilien erstellt, ergeben sich zunächst die übliche Wertschöpfungsstufen. Angesichts des erheblichen kumulierten Energieaufwands (KEA) für Baumwolle (ca. 60 MJ/kg) beziehungsweise Polyester (ca. 72 MJ/kg) und eines Wasserverbrauchs von über 20.000 l Wasser pro kg Baumwolle ist die heutige Nutzungskaskade ökologisch positiv und bietet auch zahlreiche Arbeitsplätze.

Neue Geschäftsmodelle

Angesichts der ökonomischen Gefährdung des jetzigen Geschäftsmodells gewinnen neue Geschäftsmodelle an Bedeutung:

  • Sammlung hochwertiger Ware direkt am Haushalt etwa durch Straßensammlung.
  • Rücknahme gebrauchter Berufskleidung mit dem Ziel des Recyclings sortenreiner Fasern oder definierter Fasergemische für die Produktion von Baumwolle oder Polyester.
  • Trennung von Fasergemischen aus nicht wiederverwendbaren Textilien und chemische Reaktion zurück zu einfachen molekularen Strukturen (wie Baumwolle zu Biomethanol).

Die Rücknahme von Berufskleidung wurde anhand der Indikatoren-Matrix qualitativ geprüft und zeigt durchaus positive Ergebnisse: Die gewonnenen Fasern sind im Gegensatz zu den sonst anfallenden Fasergemischen qualitativ hochwertig und können bis etwa 70% der Primärfaser ersetzen; das bedeutet erhebliche Einsparungen an Energie und Wasser. Ersatz von frischer Baumwolle heißt auch weniger Einsatz von Pestiziden und damit ein Beitrag zum Schutz der Biodiversität. Das Geschäftsmodell scheint ökonomisch tragfähig zu sein. Der Prozess von Alttextilien mit Fasertrennung und zurück zu Basismolekülen wurde im Rahmen eines EU-Projekts untersucht. Die Einsparungen bei KEA und KRA sind deutlich geringer. In absehbarer Zeit dürfte der Prozess wirtschaftlich nicht darstellbar sein.

Altbatterien und Elektroaltgeräte

Altbatterien und Elektroaltgeräte enthalten zu einem hohen Prozentsatz Metalle, zum Teil auch kleine Mengen äußerst seltener und wertvoller Metalle. Ihre Sammlung und Rückgewinnung sind wichtig. Dies wird u.a. durch die enorme Zunahme der Zahl an Elektro- und Elektronikgeräten erschwert, bei denen Akkumulatoren integriert sind. Wenn diese nicht bei der Annahme oder Erstbehandlung entfernt und gesondert behandelt werden, bestehen erhebliche Gefahren durch Kurzschlüsse mit nachfolgender Selbstentzündung. Die Sammelmengen stagnieren; die Sammelquoten gehen leicht zurück. Die Wiederverwendung der Akkumulatoren aus Elektrofahrzeugen etwa als Stromspeicher in Hausinstallationen ist ein neues Geschäftsmodell; dazu müssen aber die je nach Hersteller unterschiedlichen Steuerungen der Batterien bekannt und technisch beherrschbar sein. Um das Recycling von Batterien und akkubetriebenen Elektroaltgeräten zu unterstützen, sollten

  • alle Batterien bzw. Akkus aus Elektrogeräten entnommen werden können,
  • Batterien und Akkus nach einem EU-einheitlichen System gekennzeichnet werden,
  • die Technik zur Abtrennung und Aufbereitung von Lithium gefördert werden
  • und die Anerkennung von weiteren Reststoffen aus der Batterieaufbereitung als Produkt geprüft werden.

Abbruchmaterialien

Die bisher überwiegende Verwertung von Abbruchmaterialien im Tiefbau wird künftig schwieriger. Die Verwertung gütegesicherter Recycling-Baustoffe im Hochbau ist eine aussichtsreiche Wertschöpfungsstufe – aber nur, wenn Bauherren etwa der öffentlichen Hand von Qualität und Haltbarkeit überzeugt werden können. Für einen Durchbruch des Einsatzes von recycelte Baustoffe im Hochbau sind Ausschreibungsmuster der Länder notwendig, die ökologische Positionen integrieren. Dies können Treibhausgasemissionen sein oder der Ersatz von Kies und Sand durch… Auch müssen Bauherren gegen eventuelle Schadensfälle abgesichert sein. Die Verwertung gipshaltiger Abbruchmaterialien wird wegen der allmählichen Schließung von Kohlekraftwerken, aus denen bisher REA-Gips gewonnen wurde, an Bedeutung gewinnen. Die Wiederverwendung einzelner Bauteile bietet bei entsprechender Organisation daher gute Geschäftschancen.

Innovationen

Neue technische Möglichkeiten zur Trennung und Sortierung von mineralischen Materialgemischen sind verfügbar oder in der Entwicklung: Die verbesserte Abtrennung von nicht-Eisen-Metallen wie Kupfer, Aluminium, Zink aus Schlacken aus Müllverbrennungsanlagen durch mehrfaches Brechen, Sieben und Wirbelstrom-Abscheidung wird seit kurzem in einer neuen Anlage der im Projekt vertretenen CC Umwelt GmbH aus Krefeld demonstriert. In der Entwicklung befindliche Methoden zur Zerlegung von Verbundmaterialien – etwa die elektrohydraulische Zerkleinerung – können auch für die Rückgewinnung wertvollen Stoffen aus Abbruchmaterialen interessant werden.

Rechtliche Hindernisse

Die Untersuchung der Wertschöpfungsketten zeigte an mehreren Stellen, dass rechtliche Aspekte ökologisch und ökonomisch sinnvolle Verbesserungen behindern oder erschweren. Dazu zählt der mangelnde Vollzug geltender Vorgaben – wie unzureichendes Vorgehen gegen illegale Aktivitäten oder die Missachtung der Beschaffungsempfehlungen für Sekundärrohstoffe gerade durch Institutionen der öffentlichen Hand. In einigen Fällen hemmen komplizierte Genehmigungsverfahren auch bei einfachen Anlagen neue Geschäftsmodelle. Vielfach setzen politische Vorgaben leider auf Quantität statt auf Qualität.

Weitere Informationen verfügbar

Die Schlussfolgerungen aus dem Projekt für die drei untersuchten Wertschöpfungsketten werden in drei „Leitfäden“ veröffentlicht, die sich vor allem an die Unternehmen, aber auch an die Administration, Fachpolitiker und Umweltverbände wenden.

Von Henning Friege

Henning Friege, N3 Nachhaltigkeitsberatung Dr. Friege & Partner, Friege@N-hoch-drei.de

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