»Gamechanger« Corona 15.07.2020, 11:30 Uhr

Wie sich Logistik durch die Pandemie verändern wird

Deutschland und die Welt werden mit und vor allem aus COVID-19 leben und lernen müssen – und hoffentlich die richtigen Schlüsse ziehen. Logistik-Experte Micha Augstein erklärt, warum das Transportwesen besser als sein Ruf und eine funktionierende Logistik auch nach Corona so wichtig ist.

In einer Phase, in der die meisten Produktionsstätten auf Sparflamme kochen und viele KMUs Sorgen um ihre Zukunft haben, operiert das Transport- und Logistikwesen mehr oder weniger unter Volllast. Bild: Parcel.ONE

In einer Phase, in der die meisten Produktionsstätten auf Sparflamme kochen und viele KMUs Sorgen um ihre Zukunft haben, operiert das Transport- und Logistikwesen mehr oder weniger unter Volllast. Bild: Parcel.ONE

In den vergangenen Monaten wurden die Abhängigkeiten ganzer Wirtschaftszweige von nicht beeinflussbaren Faktoren als fragiles Konstrukt entlarvt. Gleichzeitig kristallisierten sich jedoch auch viele oft vergessene oder unter Imageproblemen leidende Branchen als systemrelevant und sogar »überlebenswichtig« heraus.

Eine davon ist der Logistiksektor – ganz klar. Meist als selbstverständlich und nicht immer sympathisch wahrgenommen, trägt die Logistik aktuell wesentlich zur (gesundheitlichen) Grundversorgung bei.

Kaum ein Wirtschaftszweig blieb verschont

Das Land ist krisengeschüttelt, coronamüde und war so langsam am Rande des Ertragbaren. Mittlerweile fährt die Wirtschaft – wenn auch langsam und streng reglementiert – wieder hoch und so etwas wie Normalität lässt sich zumindest erahnen. Durchgestanden ist die Nummer aber noch nicht. Nicht mal ansatzweise. Das was jetzt gerade passiert, wird die gesellschaftlichen sowie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch noch in vielen Jahren nachhaltig definieren und entscheidend beeinflussen.

Der Tourismus oder das Gastronomie- und Gaststättengewerbe sind die wahrscheinlich prominentesten Opfer der Pandemie. Auch weil die Probleme alltäglich und greifbar sind. Zwar dürfen viele Restaurants, Bars, Kneipen und Cafés wieder öffnen, aber immer noch mit Einschränkungen und strengen Auflagen. Aber besser als nichts, möchte man meinen. Das stimmt zwar, doch kommen die Lockerungen für viele Gastronomen und Gewerbetreibende zu spät.

Weniger im allgemeinen Fokus, aber dennoch mehr als dramatisch ist es beispielsweise um die Automobilbranche – übrigens auch ein Sektor, der von einer funktionierende Infrastruktur respektive Logistik abhängig ist – bestellt. Es ist zu vermuten, dass der Kurzarbeit Massenentlassungen folgen werden.

Größte Rezession der bundesdeutschen Geschichte

Beispiele gibt es derer leider zu viele, um sie alle nennen zu können. Die Bilanz der Schäden ist erschreckend. (Statista-)Experten prognostizieren der nationalen Wirtschaft mittlerweile die größte Rezession der bundesdeutschen Geschichte. Im ersten Quartal 2020 ist das BIP (Bruttoinlandsprodukt) im Vergleich zum Vorjahr um 2,2 Prozent gesunken. Laut Statistischem Bundesamt ist dies der massivste Absturz seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise vor zwölf Jahren (2008/2009). Die Bundesregierung rechnet damit, dass die Wirtschaftsleistung im gesamten Jahr 2020 um 6,3 Prozent schrumpfen wird.

Logistik erweist sich als systemrelevanter Krisenhelfer

In einer Phase, in der die meisten Produktionsstätten auf Sparflamme kochen und viele KMUs Sorgen um ihre Zukunft haben, operiert das Transport- und Logistikwesen mehr oder weniger unter Volllast. Auch deshalb, weil der Cross-Border-Commerce durch den globalen Lock- und Shutdown durchaus »pausieren« muss(te).

Leider zeigt erst eine Katastrophe wie die aktuelle, wie enorm wichtig und systemrelevant eine funktionierende Infrastruktur eigentlich ist. Deutschland kommt bislang im Vergleich zum Rest der Welt noch recht glimpflich davon. Was natürlich an den getroffenen Maßnahmen liegt – und eben der Logistikbranche. Wie würde es aber aussehen, wenn die Grundversorgung von Mensch und Wirtschaft, zum Beispiel medizinische Güter und Arzneien für Pflegeeinrichtungen- und -dienste, Krankenhäuser und Apotheken oder Lebensmittel für Supermärkte und Handelshöfe nicht (mehr) durch die Logistik getragen würde? Die Antwort auf diese Frage ist rein rhetorisch.

Online-Lebensmittelhandel boomt

Zudem muss die Logistik auf ein verändertes Verbraucher- beziehungsweise Konsumverhalten reagieren. Angebot und Nachfrage haben sich durch COVID-19 deutlich verschoben. Allein die Zahl der Onlineshopper, die seit Ausbruch des Virus ihre Lebensmittel online bestellen, kletterte auf 30 Prozent.

Was den Status »systemrelevant« noch einmal zusätzlich untermauert: Logistikunternehmen zählen dieser Tage wie Pflege- oder Ordnungskräfte zur ehrenwerten Gilde der »Frontschweine«. Für diese Arbeiter kommt Homeoffice nicht in Frage. Es wird und muss vor Ort, im Lager, an den vielen HUBs, den Haustüren et cetera gearbeitet. Viele Carrier mussten sogar personell nachlegen, um das immense Pensum meistern zu können und der Situation so gut es geht Herr zu werden. Dabei stehen die Unternehmer hier in besonderer Verantwortung: Kann ein gewissenhaftes und vertrauenswürdiges Miteinander auf höchstem Niveau überhaupt gewährleisten werden? Offensichtlich, die Praxis beweist das eindrucksvoll.

Der Prophet zählt nichts im eigenen Land

Die Toleranz gegenüber Carriern und Zustellern ist zumindest in Deutschland bislang eher gering. Unpünktlich, faul, unfreundlich oder beschädigte Ware (manchmal auch alles zusammen) sind nur einige der wenig wohlwollenden Umschreibungen zum Berufsethos der Logistiker. Dazu kommen vermisste Benachrichtigungen im Briefkasten oder absichtliche Nicht-Zustellungen. Doch kommt jetzt vielleicht der langersehnte Imagewechsel? Und das alles ganz ohne Kampagnen, Brand-Personas und was die Marketing-Klaviatur sonst noch so hergibt? Einfach bloß durch Leistung?

Fakt ist, dass während der COVID-19-Krise das Ansehen und Renommee der doch teilweise heftig gescholtenen Logistikbranche wächst. Die Menschen entwickeln plötzlich Empathie und empfinden Mitleid, zeigen Respekt, Anerkennung, Verständnis und noch mehr Dankbarkeit.

Verändert Corona die Logistik?

Imagepolitur »dank« Corona? Leider ja! … schade, dass es dazu eine globale Krise epischen Ausmaßes brauchte. Kritik war und ist auch nach wie vor angebracht, jedoch hier und da etwas mehr Weitsicht und vielleicht ein wenig mehr Sensibilität oder Gespür für Zusammenhänge oder Symbiosen entwickeln; das würde manches (selbst) erklären und vieles automatisch auf den Weg bringen.

Corona – so traurig, unwirklich und paradox das alles auch sein mag – wird den Leumund der Logistik- und Paketdienstleister nachhaltig verbessern. Sie alle werden jedoch dann gemeinsam den erbrachten Respekt und die Anerkennung hoffentlich auch in Zukunft bestätigen.

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Micha Augstein, Gründer und Geschäftsführer Parcel.ONE Foto: Parcel.ONE

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