Beim Deutschen Logistik-Kongresses 2020 wurde über die Zukunft der Branche diskutiert 27.11.2020, 17:51 Uhr

Logistik schmiedet in der Krise starke Lieferketten

Wie der Wirtschaftsbereich Logistik im angebrochenen Jahrzehnt durchstartet, wurde in den Vorträgen beim Deutschen Logistik-Kongress 2020 deutlich.

In der Krise schmiedet die Logistik besonders stabile Lieferketten. Foto: panthermedia.net/flipfine

In der Krise schmiedet die Logistik besonders stabile Lieferketten.

Foto: panthermedia.net/flipfine

Nationale Alleingänge, diverse Unsicherheiten und eine Pandemie: Immer wieder stellt sich die Frage, wie sich diese Herausforderungen auf die Sicherheit der Lieferketten auswirken. Vor diesem Hintergrund will die Logistik die aktuelle Krise nutzen, sich in Zukunft noch leistungsstärker aufstellen und damit die Versorgung permanent sichern. Denn die Covid-19-Pandemie hat laut Jens Graefe, CEO des pharmazeutischen Großhandels AEP gezeigt: „Die Lieferketten funktionieren.“ Und mehr noch: Die täglich unter Beweis gestellte Versorgungssicherheit habe die Logistik in ein neues Licht gerückt. Mehr denn je werde sie als systemrelevant angesehen und die Bevölkerung erkenne zunehmend, dass Logistik einen bedeutenden gesellschaftlichen Auftrag erfüllt. Diese „Licence to Operate“, dies bestätigt Karl Gernandt von der Kühne Holding, verändere sich jedoch: Menschen würden sich fragen, ob die Lieferketten auch in Zukunft standhalten werden. So werde die Globalisierung nicht mehr als Wohlstandssicherung verstanden, sondern stattdessen als Risiko in der Versorgungssicherheit. Gleichzeitig lenke die anhaltende Nachhaltigkeitsdebatte den Fokus verstärkt auf den Verbrauch von Ressourcen – auch in der Logistik. Laut Gernandt ist es an der Zeit – diesem gesellschaftlichen Anspruch nachkommend – bestehende Lieferketten weiter zu optimieren. Nur so könne auch in Zukunft eine sichere, leistungsstarke und nachhaltige Logistik angeboten werden.

Lieferketten werden resilienter

Krisenzeiten erfordern maximale Flexibilität der Logistiker – unter anderem um beim Wegfall von Verkehrsmitteln auf Alternativen zurückgreifen oder mit Schwankungen der benötigten Lagerfläche umgehen zu können. Solche Ausweichszenarien sind aber nur möglich, wenn die Lieferketten resilienter werden. Diesbezüglich sind sich die Experten einig.

Digitalisierung als Weichensteller der Resilienz

„Hätte die Corona-Krise vor zehn Jahren stattgefunden, hätten wir alt ausgesehen“, ist sich Günther Jocher, Vorstand des Logistikdienstleisters Group7, sicher. Dies gelte nicht nur für die aktuell vorhandenen technologischen Voraussetzungen, um damit im Homeoffice zu arbeiten. Auch wäre es vor zehn Jahren sehr schwer gewesen, die Krise als Digitalisierungsschub zu nutzen, damit Risiken in der Transportkette zu identifizieren oder zukunfts- und widerstandsfähige Supply Chains zu gestalten. Ein Beispiel für ein entsprechendes digitales Risiko-Management ist das im Testlauf befindliche Tool „MightyGate“, das Yvonne Ziegler von der Frankfurt University of Applied Sciences während des Deutschen Logistik-Kongresses vorstellte. Vor allem auf die Bedürfnisse von Logistikern und Pharmaunternehmen ausgelegt, lassen sich mit „MightyGate“ mögliche Risiken entlang der Lieferkette digital aufzeigen. Unternehmen könnten diese Risiken dann so gut wie eben möglich umgehen. Ebenfalls das Programm „Climate Excellence“ der Wirtschaftsprüfgesellschaft PwC greift auf die Auswertung umfassender Daten zurück, um damit Prognosen zu erstellen. Es beleuchtet die zukünftige Situation eines Unternehmens und berücksichtigt dabei auch verschiedene Szenarien der Erderwärmung. So können Chancentreiber und Herausforderungen schon sehr frühzeitig in die Unternehmensstrategie eingeplant werden. „Die Pandemie ist ein Beschleuniger für Digitalisierungsvorhaben. Und die Digitalisierung ist eine Voraussetzung für resiliente Lieferketten“, fasste Dr. Hans Christoph Dönges, Vorstand der SALT Solutions AG, zusammen.

Keine Absage an die Globalisierung

Hohe Abhängigkeit von China und Indien

Allerdings wurde während der Krise auch deutlich, wie stark deutsche Unternehmen von Märkten wie Indien und China abhängig sind – beispielsweise bei pharmazeutischen Produkten oder bei Schutzkleidung. Daher stellt sich die Frage: Sollten daher die Produktionsstandorte wieder nach Deutschland geholt werden, um sich so dieser Abhängigkeit zu entziehen? Christoph Beumer, CEO der Beumer Group, ist davon überzeugt, dass globale Wertschöpfungsketten hinterfragt werden sollten. Es ließe sich aktuell nicht abschätzen, ob die Globalisierung, so wie wir sie heute kennen, aufgrund der Veränderungen im politischen Klima weltweit noch zukunftsfähig ist. Und auch Thomas Panzer, Head Supply Chain Management für pharmazeutische Produkte bei der Bayer AG, hat diese Entwicklung beobachtet. Für sein Unternehmen stehe „die Versorgungssicherheit (…) an allererster Stelle. Das schließt auch regionale Produktionsstandorte nicht aus“. Allerdings sei es der falsche Weg, alles zu relokalisieren, da sich auch regionale Lieferketten als anfällig erweisen haben. Die geeignetere Lösung sieht der Experte im Ausbau starker internationaler Netzwerke.

Ähnlich beschreibt es Christoph Bornschein, CEO der TLGG Group und ebenfalls Keynote-Sprecher beim Berliner Kongress. Bornschein erwartet eine Entwicklung hin zu hybriden Lieferketten und Konzepten mit Back-up-Systemen. Daraus könnte dann die jeweils günstigste Lösung ausgewählt werden, sowie mehr Wertschöpfung und Lagerhaltung in Deutschland.

Keine Alleingänge in der globalen Krise

Resümierend steht für die Teilnehmenden des Deutschen Logistik-Kongresses fest: Die Herausforderungen der Krise sind keine nationalen. Vielmehr betreffen sie Supply Chain-Beteiligte in aller Welt. Alleingänge hält auch Hildegard Müller, Präsidentin des VDA, für den falschen Weg. „Mobilität und fließende Warenströme sind für unsere Gesellschaft überlebenswichtig. Wir dürfen die Grenzen nicht wieder schließen.“

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Von RMW

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