Ein Forschungsvorhaben des Umweltbundesamts 01.07.2016, 00:00 Uhr

Wirkung der Kombination von Geräuschen

Zusammenfassung Die Bevölkerung ist einer Vielzahl von Lärmquellen ausgesetzt, wobei sie häufig von unterschiedlichen Quellen gleichzeitig belastet wird. So sind rund 40 Millionen Menschen in Deutschland von zwei oder mehr Quellenarten betroffen. Es ist daher naheliegend, eine wirkungsgerechte Gesamtlärmbewertung vorzunehmen. Dementsprechend zielen sowohl der Koalitionsvertrag der Parteien der Bundesregierung als auch die EU-Umgebungslärmrichtlinie auf eine solche Bewertung ab. Mit der Richtlinie VDI 3722 Blatt 2 ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung erfolgt. Darauf aufbauend sollen in einem aktuellen Forschungsvorhaben des Umweltbundesamts die Grundlagen für eine fundierte Bewertung der Gesamtlärmproblematik deutlich erweitert werden. Hierzu zählen u. a. die Identifikation und Schließung bestehender Regelungslücken, die Erarbeitung eines Finanzierungsmodels für Lärmschutzmaßnahmen durch Gesamtlärm, die Erstellung eines Rechtsgutachtens und die Qualitätssicherung des Modells durch seine Modellierung in einer Musterstadt.

Quelle: Panther Media/ crop_

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Die aktuelle Umweltbewusstseinsstudie des Umweltbundesamts aus dem Jahr 2014 zeigt, dass immer mehr Menschen nicht nur durch eine einzelne, sondern durch eine Kombina­tion aus Geräuschquellen belästigt sind: Insgesamt fühlen sich 68 % der Bevölkerung durch mindestens eine Geräuschquelle und 44 % der Bevölkerung durch zwei oder mehr Geräuschquellen belästigt [1] (Bild).

Lärmbelästigung durch mehrere Geräuschquellen (in %) [1].

Lärmbelästigung durch mehrere Geräuschquellen (in %) [1].

 

Die Lärmwirkungsforschung postuliert, dass eine energe­tische Addition unterschiedlicher Belastungsgrößen möglicherweise nicht hinreichend ist, um die Lärmsituation sachgerecht darzustellen [2 bis 4].

Auch die Regierungsparteien haben in ihrem Koalitionsvertrag für die 18. Legislaturperiode festgehalten, dass „der Gesamtlärm […] als Grundlage für Lärmschutzmaßnahmen herangezogen werden [muss]“ [5].

Das Umweltbundesamt befasst sich seit Jahren mit der Thematik des Gesamtlärms und hat im Jahr 2015 ein Forschungsvorhaben zur wirkungsspezifischen gesamtheitlichen Betrachtung von Geräuschbelastung und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung initiiert.

Ziele der Studie

Ziel des Vorhabens ist es, die Grundlagen für eine fundierte, wirkungsgerechte Beurteilung einer Gesamtlärmproblematik und zum praxisgerechten Einsatz von Lärmberechnungsprogrammen deutlich zu erweitern. Hierdurch soll die Erstellung von Lärmkarten und -aktionsplänen unterstützt und die Planungs- und Rechtssicherheit bei Genehmigungsverfahren verbessert werden. Als Grundlage für die Erweiterung des Bewertungsverfahrens dient die Richtlinie VDI 3722 Blatt 2, die die Wirkung von Verkehrsgeräuschen betrachtet [6].

Im Einzelnen behandelt das Forschungsvorhaben vier unterschiedliche Teilbereiche:

a. die Entwicklung eines neuen, erweiterten Modells zur Bewertung von Gesamtlärm;

b. die Überprüfung der rechtlichen Grundlagen zum Einbezug eines entsprechenden Bewertungsmodells in nationales und internationales Recht;

c. die Erarbeitung eines Finanzierungsmodells für Lärmminderungsmaßnahmen, die sich anhand des Bewertungsmodells ergeben;

d. die qualitative Sicherung des Bewertungsverfahrens durch die Modellierung des Bewertungsmodells in einer Musterstadt.

Aktueller Stand

Derzeit wird im Rahmen des Forschungsvorhabens zunächst das erweiterte Modell zur Bewertung von Gesamtlärm erarbeitet. Zunächst wurden mithilfe der Richtlinie VDI 3722 Blatt 2 be­stehende Regelungslücken identifiziert und notwendige Regelungserweiterungen definiert. Die Richtlinie und das in ihr enthaltene Substitutionsverfahren zur einheitlichen Bewertung unterschiedlicher Verkehrsarten bezüglich Belästigung und Schlafstörungen ist ein wichtiger erster Schritt hin zu einer wirkungsgerechten Bewertung von Gesamtlärm.

Den Bedarf, ein erweitertes Verfahren zu entwickeln, lässt sich anhand einiger ausgewählter Studien veranschaulichen. So hat ein im Jahr 2015 abgeschlossenes Forschungsvorhaben des Umweltbundesamts die gesundheitlichen Auswirkungen von Umgebungslärm am Beispiel der Stadt Bremen untersucht. Die durchgeführte Fallkontrollstudie zeigt, dass eine Kombination aus Geräuschbelastung durch Straßen- und Schienenverkehr einen statistisch signifikanten Einfluss auf das Erkrankungsrisiko für Leukämie, maligne Lymphone und Brustkrebs der Frau zur Folge haben kann [7]. Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz der Berücksichtigung von gesundheitlichen Parametern für die Bewertung von Gesamtlärm.

Miedema und Vos haben die Belästigungswirkung von Industrieanlagen untersucht [8]. Anhand von Befragungen in der Umgebung von neun niederländischen Industriegebieten und zwei Rangierbahnhöfen wurde eine Expositionswirkungs-Funktion für die Belästigung durch Geräusche von Industrieanlagen erstellt. Die Analysen offenbaren, dass die Belästigung durch unterschiedliche Industriequellenarten insgesamt höher ausfiel als die Belästigung, die allein durch Verkehrsgeräusche hervorgerufen wird. Dies gilt insbesondere für Rangierbahnhöfe und ganzjährig aktive Industrieanlagen [8]. Industrie- und Gewerbelärm zählt gemeinsam mit dem Verkehrslärm zum Umgebungslärm. Bislang ist dieser nicht in die wirkungsbezogene Gesamtlärmbewertung eingebunden. Die Studie von Miedema und Vos unterstützt die Wichtigkeit des Einbezugs von Industrie- und Gewerbelärm in eine Gesamtlärmbewertung.

Die Wirkungsparameter der Richtlinie VDI 3722 Blatt 2 umfassen die Belästigung und selbstberichtete Schlafstörung [6]. Das Substitutionsverfahren wendet hierbei Expositions-Wirkungsbeziehungen an, die eine stärkere Beeinträchtigung von Luftverkehrsgeräuschen gegenüber Straßenverkehrsgeräuschen und Schienenverkehrsgeräuschen bezogen auf den Mittelungspegel zugrunde legen. Diese Erkenntnisse beruhen auf Befragungs­daten zur Belästigung durch Verkehrsgeräusche. Studien, die demgegenüber physiologische Parameter betrachten und die durch Verkehrsgeräusche bedingten Schlafstörungen unter­suchen, gelangen zu dem Ergebnis, dass bezogen auf Einzelereignisse Schienenverkehrsgeräusche stärkere Aufwachreaktionen auslösen können als Luft- oder Straßenverkehrsgeräusche [9]. Auch eine Veränderung der Schlafstruktur ist bei nächtlichem Einwirken von Schienenverkehrsgeräuschen am meisten ausgeprägt [10]. Hieran zeigt sich, dass ein Diskurs über das unterschiedliche Wirken verschiedener Geräuschquellen zur Tag- und Nachtzeit für eine Gesamtlärmbewertung von großer Bedeutung ist.

Im Mai 2016 hat ein Gremium von Experten aus Wissenschaft und Politik diese und weitere Themen im Hinblick auf eine Erweiterung und Ergänzung eines Modells zur Bewertung von Gesamtlärm diskutiert. Neben den drei bereits benannten Themengebieten – Gesundheitsschutz, Industrie- und Gewerbelärm und unterschiedliche Wirkungen verschiedener Geräuschquellen zu Tag und Nachtzeiten – wurde erörtert, wie Geräuschpegel außerhalb des bisher definierten Wertebereichs zu behandeln und welche Wirkungskenngrößen der Belästigung (%-Anteil hoch belästigter Personen vs. %-Anteil belästigter Personen) zu verwenden sind.

Nach Finalisierung der Erarbeitung des erweiterten Modells zur Bewertung von Gesamtlärm wird in einem nächsten Schritt ein Modell zur verursacher- und praxisgerechten Finanzierung von Lärmminderungsmaßnahmen erstellt. Des Weiteren wird ein Rechtsgutachten ausgearbeitet, das die Implementierung einer Richtlinie zu Gesamtlärm in nationales und internationales Recht überprüft. Abschließend wird das erarbeitete Modell zur Gesamtlärmbewertung anhand eines Datensatzes mit einer Musterstadt erprobt und qualitätsgesichert.

Ausblick

Nach Abschluss des Forschungsvorhabens im Jahr 2018 werden die Ergebnisse im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt und mit dem interessierten Fachpublikum diskutiert. Aufbauend auf den gewonnenen Erkenntnissen sollen Vorschläge zur Weiterentwicklung der rechtlichen Regelungen zum Immissionsschutz und des bestehenden Normenwerks erarbeitet werden.

 

 

Literatur

[1] Umweltbewusstsein in Deutschland. Hrsg.: Umweltbundesamt. Dessau-Roßlau 2015. www.umweltbundesamt.de/ themen/verkehr-laerm/laermwirkung/laermbelaestigung

[2] Nguyen, T. L.; Nguyen, H. Q.; Yano, T.; Nishimura, T.; Sato, T.; Morihara, T. et al.: Comparison of models to predict annoyance from combined noise in Ho Chi Min City and Hanoi. Appl. Acoustics 73 (2012), S. 952-959.

[3] Champelovier, P.; Cremezi-Charlet, C.; Lambert, J.: Evaluation de la gêne due à l‘exposition combinée aux bruits routier et ferroviaire (Report 242). Lyon: L‘Institut national de recherche sur les transports et leur sécurité (INRETS) 2003.

[4] Vos; J.: Annoyance caused by simultaneous impulse, road-traffic, and aircraft sounds: A quantitative model. J. Acoust. Soc. Am. 91 (1992), S. 3330-3345.

[5] Deutschlands Zukunft gestalten: Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 18. Legislaturperiode. Hrsg.: Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 2013. www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/2013/2013-12 -17-koalitionsvertrag.pdf;jsessionid=DBA6CF4D205A2D35 A898 E942577E6738.s2t1?__blob=publicationFile&v=2

[6] VDI 3722 Blatt 2: Wirkung von Verkehrsgeräuschen – Kenngrößen beim Einwirken mehrerer Quellenarten. Berlin: Beuth Verlag 2013.

[7] Greiser, E.; Greiser C.: Umgebungslärm und Gesundheit am Beispiel Bremen. Forschungsbericht 3710 61 170. Dessau: Umweltbundesamt 2015.

[8] Miedema, H. M. E.; Vos, H.: Noise annoyance from stationary sources: relationships with ex-posure metric day-evening-night level (DENL) and their confidence intervals. J. Acoust. Soc. Am. 116 (2004), S. 334-343.

[9] Müller, U.; Elmenhorst E.; Maass, H.; Rolny, V.; Penning, S.; Quehl,J.; Basner, M.: Verbundprojekt: DEUFRAKO/RAPS – Railway noise (and other modes) annoyance, performance, sleep: wirkungsorientierte Bewertung unterschiedlicher Verkehrslärmarten; Teilvorhaben DLR: Metaanalyse und Feldstudie; Abschlussbericht/Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. in der Helmholtz Gemeinschaft. Köln 2010. http://edok01.tib.uni-hannover.de/edoks/e01fb10/639593747

[10] Griefahn, B.; Marks, A.; Robens, S.: Noise emitted from road, rail, and air traffic and their effects on sleep. J. Sound Vibrat. 295 (2006), S. 129-140.

 

Von Jördis Wothge

Jördis Wothge, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fachgebiet I 3.4. „Lärmminderung bei Anlagen und Produkten, Lärmwirkungen“, Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau.

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