Barrierefreies Wohnen 11.08.2020, 10:24 Uhr

Stehen die Kosten der Barrierefreiheit im Weg?

Wer bauen oder modernisieren möchte, muss seit Jahren mit steigenden Kosten kalkulieren. Ein Effekt: Obwohl der Bedarf an altersgerechtem Wohnraum kontinuierlich wächst, sind immer weniger Bauherren bereit Geld für barrierefreie Lösungen auszugeben.

Seit Jahren steigende Baukosten zwingen Bauherren immer wieder zu Einsparungen. Häufig wird bei Maßnahmen zur Barrierefreiheit gestrichen. Foto: panthermedia.net/studiograndouest

Seit Jahren steigende Baukosten zwingen Bauherren immer wieder zu Einsparungen. Häufig wird bei Maßnahmen zur Barrierefreiheit gestrichen.

Foto: panthermedia.net/studiograndouest

Der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung wächst seit Jahren kontinuierlich: Zwischen 1990 und 2018 stieg die Zahl der über 67-Jährigen um 54 % – von 10,4 auf 15,9 Millionen. Das Statistische Bundesamt rechnet bis 2039 mit einem weiteren Anstieg um fünf bis sechs Millionen auf mindestens 21 Millionen Menschen. Im krassen Gegensatz dazu steht die Anzahl der altersgerecht ausgebauten Wohnungen: Nach Informationen der Marktforscher von Bauinfoconsult gibt es in Deutschland aktuell nur 884.000 Wohnungen, die im umfassenden Sinne barrierefrei sind. Das entspricht lediglich 2,4 % des bewohnten Wohngebäudebestandes.

Steigende Baukosten verhindern Investitionen in Barrierefreiheit

Maßgeblichen Anteil an der rückläufigen Umsetzung von barrierefreien Maßnahmen haben die von Jahr zu Jahr steigenden Baukosten. So mussten Bauherren für die gleichen Leistungen 2018 im Mittel 4,4 % mehr zahlen als noch 2017. 2019 stiegen die Kosten für Neubauten im Segment Wohngebäude nochmals um 4,3 %. Und auch 2020 dreht sich die Preisspirale weiter: Für den Zeitraum Januar bis Mai verzeichnen die Analysten des Statistischen Bundesamtes erneut ein gewerkeübergreifendes Plus von 3 %. Das hat Auswirkungen auf die Budgets der Bauherren. Die Planungen fallen schlanker aus, Investitionen in nicht zwingend erforderliche Maßnahmen werden gekürzt oder gestrichen. Trotz zahlreicher Förderangebote und in den meisten Bauordnungen vorgeschriebenen Standards leidet die Umsetzung von barrierefreien Maßnahmen unter dieser Entwicklung in besonderem Maße. Im Rahmen ihrer Jahresanalyse zur deutschen Bauwirtschaft haben die Marktforscher von Bauinfoconsult im April und Mai diesen Jahres 600 Architekten, Bauunternehmer, Maler, Trockenbauer und SHK-Installateure im Telefoninterview zum aktuellen Branchengeschehen befragt. Demnach war noch 2018 fast jedes dritte Projekt im Wohnungsbauvolumen mit Barrieren abbauenden Maßnahmen verbunden – aktuell sind es noch 24 % der Projekte.

Bauakteure erwarten zukünftig mehr barrierefreie Maßnahmen

Nach Einschätzung der befragten Bauakteure werde sich dieser Trend in den kommenden Jahren aber ändern. Der Grund: In der Vergangenheit seien die Herausforderungen des demografischen Wandels für viele Bauherren noch sehr abstrakt gewesen. Nun kämen immer mehr Deutsche in ein Alter, in dem sie sich aus eigenem Bedarf mit dem Thema Barrierefreiheit auseinandersetzen müssten. Diese Entwicklung werde nach Einschätzung der von Bauinfoconsult Interviewten in den kommenden Jahren konkrete Investitionen nach sich ziehen. Die befragten Bauakteure rechnen damit, dass im Jahr 2025 der Anteil der barrierefreien Projekte in ihrem Portfolio ein gutes Drittel ausmachen wird (34 %). Dass sei alles andere als weit hergeholt, kommentieren die Analysten von Bauinfoconsult vorsichtig. In vergangenen Befragungen habe sich allerdings gezeigt, dass die Baucheinschätzungen der Bauprofis stets sehr optimistisch ausfallen. Das barrierefreie Bauen sei zwar durchaus ein konstanter Trend – doch keinesfalls mit Wachstumsraten, die durch die Decke gingen.

Von Marc Daniel Schmelzer

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