Wärmewende im Gebäudesektor 14.05.2021, 10:04 Uhr

Klimaschutzziele: Forschungskonsortium fordert schnelles Handeln

Im Rahmen einer gemeinsamen Studie haben drei Forschungsinstitute Handlungsempfehlungen erarbeitet, wie die auf europäischer Ebene formulierten Klimaschutzziele im Gebäudesektor bis 2050 doch noch erreicht werden könnten.

So könnte eine nachhaltige Wärmewende gelingen: Im Freiburger Quartier Gutleutmatten wurden dezentrale Solarthermie-Anlagen in ein Nahwärmenetz eingebunden. Foto: Fraunhofer ISE

So könnte eine nachhaltige Wärmewende gelingen: Im Freiburger Quartier Gutleutmatten wurden dezentrale Solarthermie-Anlagen in ein Nahwärmenetz eingebunden.

Foto: Fraunhofer ISE

Es gilt keine Zeit zu verlieren: Trotz mehrfacher Nachbesserungen werden die bisher beschlossenen Maßnahmen zum Klimaschutz nicht ausreichen, damit Deutschland die verschärften europäischen Klimaschutzziele im Gebäudesektor bis 2050 doch noch erreicht. Forschende des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE, des Öko-Instituts und des Hamburg Instituts hegen dennoch Hoffnung: Gemeinsam haben sie im Auftrag des Umweltbundesamtes die Studie „Systemische Herausforderung der Wärmewende“ erstellt und daraus konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet. In zwei Roadmaps werden Maßnahmen und politische Instrumente vorgeschlagen, mit denen die dezentrale Wärmeerzeugung kein CO2 mehr ausstößt, der Endenergieverbrauch gesenkt und die Wärmenetze ausgebaut werden können. Damit die Vorschläge fristgerecht ihre Wirkung entfalten, müssten sie allerdings vor 2025 eingeführt und umgesetzt werden.

Studien liefern Fakten

Im Bereich der Raumwärme und der Warmwasserbereitung schlummert großes Potenzial zur Reduktion energiebedingter Treibhausgasemissionen, da diese etwa 30 % des Endenergieverbrauchs ausmachen und heute überwiegend fossile Energieträger nutzen. Um die Frage möglicher Pfade zur Erreichung der klimapolitischen Ziele zu untersuchen, analysierte das Projektteam insgesamt zwölf wissenschaftliche Studien. Dabei verglichen sie mögliche Entwicklungen des Endenergiebedarfs für Gebäudewärme, Strom, Umgebungswärme, Biomasse zur Gebäudeversorgung, Fernwärmeanteile sowie Sanierungsraten und resultierende Treibhausgasemissionen. Auch die Rolle der Akteure auf dem Wärmemarkt wurde hinsichtlich ihres Einflusses bei Investitionsentscheidungen für Sanierungsprojekte analysiert. Welche Rolle die Wärmenetze in der Wärmewende spielen, hat das Forschungsteam in Bezug auf Ausgangslage, Hemmnisse, Potenziale und Transformationspfade im Detail betrachtet.

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Energieeffizienz steigern, erneuerbare Energien stärken

Zwei zentrale Ansätze haben sich in der Szenarien-Analyse herauskristallisiert. Die erste Option: Man maximiert die Effizienzmaßnahmen, um den Endenergiebedarf so weit zu senken wie möglich. Technische oder denkmalschutzbedingte Dämmrestriktionen sorgen allerdings dafür, dass sich der Endenergiebedarf maximal um 60 % reduzieren lässt. Die verbleibenden 40 % müssten durch erneuerbare Energien bereitgestellt werden. Die zweite Option: Um die ausgestoßenen Treibhausgasemissionen maßgeblich zu reduzieren, müsste der Bereich der erneuerbaren Energien deutlich ausgebaut werden. Eines ist für beide Ansätze festzuhalten: Der Anteil der erneuerbaren Energien im Endenergieträgermix zur Wärmeversorgung muss signifikant steigen. Wesentliche Beiträge dafür kommen aus der Nutzung von Umgebungswärme mit Wärmepumpen, grüner Fernwärme, Biomasse und Solarthermie.

Im Fokus der Studie steht die Wärmebereitstellung für Heizung und Warmwasser in Wohn- und Nichtwohngebäuden, die bis 2050 nahezu klimaneutral sein sollen. Betrachtet werden zwei Bereiche: Die Senkung des nicht-erneuerbaren Primärenergiebedarfs um 80 % gegenüber 2008 sowie die Reduktion der gesamten Treibhausgasemissionen um 95 % gegenüber 1990. „Nahezu alle Szenarien sehen vor, dass die aktuelle energetische Sanierungsrate von derzeit einem Prozent dringend ansteigen muss“, erläutert Dr. Peter Engelmann, Gruppenleiter Gebäudesystemtechnik am Fraunhofer ISE. Darüber hinaus leitete das Forschungsteam vier weitere Ziele ab:

  • Die Entwicklung der Fernwärme-Infrastruktur muss Auswirkungen auf die Gas-Infrastruktur haben.
  • Einhaltung der Klima-Zwischenziele zur Minderung der Treibhausgasemissionen.
  • Zügige Dekarbonisierung des Energiesektors, besonders der Stromerzeugung (Ausbauplan für erneuerbare Energien, Ausstieg aus der Kohleverstromung).
  • Aufbau einer Infrastruktur für den Import und die inländische Erzeugung von Power-to-Gas- und Power-to-Liquid-Produkten.

„Die Analyse der Instrumente zeigt, dass viele Ordnungs- und Förderinstrumente noch nicht auf das Ziel eines klimaneutralen Gebäudebestands einzahlen“, so Benjamin Köhler vom Öko-Institut. Daher brauche man dringend ein klares Zielbild und ein darauf ausgerichtetes Set, bestehend aus ordnungsrechtlichen, fördernden, planerisch-strategischen und kommunikativen Instrumenten. Dr. Matthias Sandrock, Geschäftsführer des Hamburg Instituts ergänzt: „Zum Erreichen eines langfristig klimaneutralen Gebäudebestands muss zwischen den Bereichen Gebäudeeffizienz und dem Einsatz erneuerbarer Energien und Abwärme zur Wärmeversorgung eine kostenoptimale Balance gefunden werden.“

 

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