Bauwirtschaft 29.10.2020, 09:36 Uhr

Corona-Effekte geringer als befürchtet

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die Baubranche? Die Analysten der Heinze GmbH haben Zahlen zusammengetragen und Branchenteilnehmer befragt: Das Ergebnis fällt in vielen Bereichen positiver aus, als es zu erwarten gewesen wäre.

Nach Analysen der Marktforscher von Heinze wird die Baukonjunktur im Pandemie-Jahr 2020 nur moderate Verluste hinnehmen müssen. Foto: panthermedia.net/ArturVerkhovetskiy

Nach Analysen der Marktforscher von Heinze wird die Baukonjunktur im Pandemie-Jahr 2020 nur moderate Verluste hinnehmen müssen.

Foto: panthermedia.net/ArturVerkhovetskiy

Das „Baukonjunktur-Meeting“ der Heinze GmbH gehört zu den Pflichtterminen der Branche. Seit mehr als 55 Jahren sondieren die Analysten aus Celle den Markt, bereits zum 22sten Mal berichteten die Informationsdienstleister in diesem Jahr im Rahmen ihres „Baukonjunktur-Meetings“ in Kooperation mit dem Beratungsunternehmen Infro über die aktuelle konjunkturelle Entwicklung der Branche. Unter dem Strich fällt das Fazit in einem von der Corona-Pandemie bestimmten Jahr positiv aus: Das Geschäftsklima ist nach den Ergebnissen der Marktforscher 2020 nicht so stark eingebrochen wie vielfach befürchtet, in Teilbereichen wie dem Mehrfamilienhausbau sind sogar Zuwächse zu verzeichnen.

Mehr Mehrfamilienhäuser als in den Vorjahren genehmigt

Wohnraum ist gefragt, der Bedarf steigt. Das belegt auch die Haushaltsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes. Die Zahl der Haushalte wachse bis 2040 sogar stärker als bisher angenommen, so Professor Udo Mantau vom Beratungsunternehmen Infro in seinem Vortrag zum Marktbericht 2020. Bei einer Betrachtung der Auftragseingänge im Wohnungsbau werde deutlich, dass der Lockdown im Frühjahr des Jahres zwar kurzfristig zu einem Rückgang geführt hat, im zweiten Halbjahr aber bereits mit einer Belebung und Zuwächsen bei den Auftragseingängen zu rechnen sei, so der Experte. Fünf bis zehn Prozent seien durchaus realistisch. Ein weiteres Indiz für eine zunehmende Bautätigkeit im Segment Wohnbau seien die steigenden Genehmigungen von Eigenheimen, im ersten Halbjahr gab es hier ein Plus von 4,7 % im Vergleich zum Vorjahr. Einschränkungen durch die Corona-Pandemie würden aktuell durch Sondereinflüsse, wie etwa das Baukindergeld oder die Absenkung der Mehrwertsteuer überlagert. Insgesamt bleibe der Eigenheimbau daher weitestgehend stabil, so die Analysten.

Außergewöhnliche Effekte zeigen sich beim Mehrfamilienhausbau. Mit einem Zuwachs von 10,4 % im ersten Halbjahr bei den Genehmigungen könne mit einem deutlichen Anstieg für 2020 im Vergleich zu den schwächeren Vorjahren 2019 und 2018 gerechnet werden, so Mantau. Ein Grund dafür könne beispielsweise die Sonderabschreibung auf Baukosten sein. Aufgrund einer rechtlichen Unklarheit hinsichtlich der Verwendung des Begriffs „Wohnfläche“, die im Juli 2020 zu Gunsten der Bauwilligen geklärt werden konnte, würden im zweiten Halbjahr Bauvorhaben verstärkt zur Genehmigung gebracht. Für die Fertigstellungen rechnen die Experten mit einer leichten „Corona-Delle“ für 2020. Dennoch: „Der Einfluss von Corona ist doch geringer als man hätte vermuten können. Insgesamt sehen wir im Wohnungsbau eine stabile Entwicklung in diesem Jahr und ein sehr starkes Wachstum in 2021 – immer unter der Voraussetzung, dass es keine weiteren wesentlichen Einschränkungen geben wird“, fasst Professor Mantau die Entwicklung zusammen. Ebenfalls interessant: Für das nominale Bauvolumen im Wohnungsbau wird ein Wachstum von neun Prozent zwischen 2019 und 2021 prognostiziert. Dabei legten die Modernisierungsmaßnahmen in 2019 kräftig zu und werden sich laut Mantau auch in der Folge auf einem stabilen Niveau halten.

Mehr Homeoffice, größere Lager: Corona-Effekte auf den Wirtschaftsbau

Keinen Grund für Optimismus liefern hingegen die Zahlen für das gewerbliche Segment: Im ersten Halbjahr diesen Jahres sind die Auftragseingänge im Wirtschaftsbau um 9,1 % zurückgegangen. Angesichts der schwachen und fragilen Konjunktur wird auch nicht erwartet, dass die gewerbliche Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte deutlich mehr Aufträge erteilt. „Trotz etwas geringerer Vorjahreswerte in den Folgemonaten, wäre ein Rückgang um weniger als zehn Prozent bereits eine gute Nachricht“, so Mantau. Auf etwa dem gleichen Niveau wie in den vergangenen beiden Jahren bleiben hingegen die Auftragseingänge im öffentlichen Bereich. Eine eher außergewöhnliche und nicht zu erwartende Entwicklung zeigt sich bei den Genehmigungen industrieller Betriebsgebäude. In den ersten sechs Monaten des Jahres konnte hier ein Zuwachs von 21,3 % im Vergleich zu 2019 verzeichnet werden – auch Corona-bedingt: Zu geringe Lagerkapazitäten und fehlende Anlagealternativen hätten zu einem enormen Zuwachs bei Handels-, Lager- und Verkehrsgebäuden geführt, erläutert Mantau. Zudem erleichtern administrative Sondereffekte die Beschleunigung der gemeldeten Genehmigungen in den Bauaufsichtsämtern. Das bedeute jedoch auch: Was heute schneller bearbeitet wird, fehlt in der Zukunft. Dementsprechend geht Professor Mantau davon aus, dass die Genehmigungen in 2021 einbrechen werden. Für wohnähnliche Betriebsgebäude rechnet er bereits in der zweiten Jahreshälfte 2020 mit einem erheblichen Einbruch der Genehmigungen. Die Verlagerung ins Homeoffice und der damit einhergehende Rückgang an benötigter Bürofläche spiele dabei eine wichtige Rolle.

Konjunkturklima: Nur moderate Umsatzrückgänge im Vergleich zu 2019 erwartet

Als weiteren Mosaikstein zur Bewertung der diesjährigen Baukonjunktur stellte Thomas Wagner, Leiter von Heinze Marktforschung, die Ergebnisse einer aktuellen Online-Befragung zum Baukonjunkturklima vor. 380 Entscheider der deutschen Industrie für Bauprodukte, Ausstattungen und Einrichtungen wurden im Zuge der Erhebung interviewt. Nach einem kraftvollen Jahresstart und einem ebenso dramatischen Absturz zu Beginn der Corona-Pandemie, sei bei den Befragten der Optimismus zurückgekehrt. Im September habe sich die wirtschaftliche Lage wie auch die Erwartungen verbessert, so dass der Baukonjunkturklima-Index bei 15 % und damit etwa auf Vorjahresniveau angekommen sei. Im September schätzten 46 % und damit fast die Hälfte aller Befragten die Geschäftslage als „gut“ ein, lediglich elf Prozent als „schlecht“. Für das vierte Quartal erwarten 51 % der Teilnehmer, dass ihre Lage gleichbleiben wird, 27 % erwarten eine Verschlechterung. Aktuell gut gestimmt sind beispielsweise die Teilnehmer der Sanitär-und Lüftungsbranche, deren Produkte und Lösungen aufgrund veränderter Hygiene-Konzepte und -Bedürfnisse, derzeit stark nachgefragt werden.

Die Corona-Pandemie habe, so Wagner, die Unternehmen vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt. Das Arbeiten im Homeoffice spielte bei 88 % Corona-bedingt eine Rolle. Auch die Themen Kurzarbeit, Lieferschwierigkeiten und Covid-19-Erkrankungen innerhalb des eigenen Unternehmens beschäftigen die Branche. Trotz aller Schwierigkeiten, Maßnahmen zur Umstellung und Anpassung, bewerten 74 % der Teilnehmer die eigene Bewältigung der Corona-Krise als „sehr gut“ oder „gut“. Auch die Frage, wie sich der Gesamtumsatz im Vergleich zum Vorjahr entwickeln wird, beschäftigte die Analysten: Im April rechneten die Teilnehmer der Befragung noch mit Umsatzverlusten in Höhe von 20 %. Das hat sich geändert. „Interessant ist, dass die Branche derzeit von einem Umsatzrückgang von lediglich 0,9 % im Vergleich zu 2019 ausgeht“, berichtet Thomas Wagner.

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