Zweifelhafte Energiesparmaßnahme 29.07.2022, 15:48 Uhr

Sachverständige warnen: Warmwasser-Temperaturen nicht reduzieren

Es ist ein gefährliches Spiel mit der Gesundheit: Wer um Energie zu sparen, zeitweilig die Wassererwärmungsanlage herunterregelt oder gar abschaltet, riskiert einen Legionellenbefall der Trinkwasser-Installation.

Ein unsachgemäßer Eingriff in die Wassererwärmungsanlage kann das Wachstum von Legionellen begünstigen. Foto: panthermedia/silverjohn

Ein unsachgemäßer Eingriff in die Wassererwärmungsanlage kann das Wachstum von Legionellen begünstigen.

Foto: panthermedia/silverjohn

Die aktuellen globalen Krisen wie Ukraine-Krieg und der rasant zunehmende Klimawandel lassen derzeit die Preise für Energie und Lebensmittel in ungeahnte Höhen schnellen, bei der Gasversorgung droht gar ein Blackout. Viele Verbraucher suchen daher derzeit nach Möglichkeiten, um Energieverbrauch und Kosten zu reduzieren. Der Wunsch nach Energieeinsparung in Wohngebäuden und öffentlichen Einrichtungen macht hier auch vor dem Trinkwasser nicht Halt. Einige Vermieter versuchen bereits, mit Hilfe „kreativer Ideen“ wie der zeitweisen Reduzierung von Raum- und Warmwasser-Temperaturen den Kosten Einhalt zu gebieten, ohne sich jedoch der Konsequenzen im Klaren zu sein. So könne beispielsweise die Reduzierung der Warmwasser-Temperaturen des Trinkwassers ungeahnte gesundheitliche Konsequenzen sowie enorme Folgekosten nach sich ziehen, warnt der Deutsche Verein der qualifizierten Sachverständigen für Trinkwasserhygiene e. V. (DVQST). Während man bei reduzierten Raumtemperaturen lediglich friere, bestehe bei zu niedrigen Warmwasser-Temperaturen eine ernst zu nehmende Gefahr für die Gesundheit oder gar das Leben der Benutzer, so die Experten.

Reduzierte Warmwasser-Temperaturen können das Wachstum von Legionellen fördern

Der Grund: Bei Wassertemperaturen zwischen 25 und 50 °C besteht ein erhöhtes Risiko auf Vermehrung von Legionellen und anderen krankheitserregenden Bakterien in der häuslichen Trinkwasser-Installation. Wenn also in der Trinkwassererwärmungsanlage die Temperatur niedriger als die in den Regelwerken vorgeschriebenen 60 °C bis 55 °C eingestellt wird, kann sich aufgrund der zwangsläufigen Auskühlung auf dem Weg zur Entnahmestelle und im zirkulierenden System die Temperatur auf unter 50 °C abkühlen. Ungewollt schafft man damit ideale Bedingungen für das Wachstum von Legionellen und anderen krankheitserregenden Keimen. Legionellen beispielsweise sterben erst in Temperaturbereichen oberhalb 55 °C ab, nur bei über 60 °C geschieht dies in genügend schnellem Maße.

Warmwassererzeugung: Schweizer untersuchen Effekte von technischen Eingriffen

In einer im Rahmen des Bundesprojekts „LeCo“ durchgeführten Fallstudie haben Forschende der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern unlängst untersucht, wie sich verschiedene technische Eingriffe im Zusammenhang mit der Warmwassererzeugung und -verteilung auf die Konzentration von Legionella-pneumophila-Bakterien (L. pneumophila) in einer kontaminierten Trinkwasseranlage auswirken. Demnach reicht eine moderate Temperatur (45 °C; zum Energiesparen) in Verbindung mit periodischem Hochheizen (auf 70 °C) nicht aus, um den Erreger im betrachteten System zu kontrollieren. Im Gegensatz dazu erwies sich eine täglich hohe Temperatur am Ausgang des Wassererwärmers (60 °C) als wirksam, um die Konzentration von L. pneumophila unter kritischen Werten zu halten.

Und auch der DVQST betont: „Zwar werde seit vielen Jahren an verschiedenen Techniken geforscht, die einen hygienisch sicheren Betrieb bei geringen Warmwasser-Temperaturen ermöglichen sollen, nach Auskunft des Umweltbundesamtes und seiner amtlichen Mitteilung zur Kollisionsregelung zwischen TrinkwV und GEG liegt jedoch bisher für keine dieser technischen Lösungen ein stichhaltiger Nachweis vor, dass sie in der Praxis ebenso sicher funktionieren wie die Einhaltung der vorgegebenen Temperaturen.“

Energie sparen durch ordnungsgemäße Dämmung, kleine Dimensionierung und richtige Regulierung der Anlage

Jede Trinkwasser-Installation mit ihrer Warmwasserbereitungsanlage ist individuell auf die Erfordernisse des Gebäudes abgestimmt und muss zum hygienisch sicheren Betrieb auch dauerhaft innerhalb dieser geplanten Rahmenbedingungen betrieben werden, um jedem Verbraucher hygienisch einwandfreies Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. Eine Kontamination mit krank machenden Mikroorganismen aufgrund falsch umgesetzter Energiesparmaßnahmen muss anschließend mit erheblichem technischem oder organisatorischem Aufwand bekämpft werden, um eine Gesundheitsgefährdung der Nutzer zu verhindern. „Demzufolge sind unbedachte, laienhafte Handlungen und Eingriffe in solche Systeme für alle Nutzer des Gebäudes als gesundheitsgefährdend einzustufen und gegebenenfalls mit unkalkulierbaren Folgekosten verbunden“, so die DVQST-Experten. Will man eine Anlage wieder in einen bestimmungsgemäßen Betrieb setzen, sind beispielsweise aufwendige Gefährdungsanalysen, Reinigungen, Desinfektionen und Sanierungen nötig. Die Kosten hierfür können den Einspareffekt schnell übersteigen.

Ebenso wenig zulässig ist ein zeitlich eingeschränkter Betrieb der Trinkwassererwärmung mit Zirkulation (Zeitschaltuhr), oder eine Betriebsweise mit abgesenkten Temperaturen (< 60/55 °C) in zentralen Großanlagen. Neben den gesundheitlich-hygienischen Risiken und entgegen der landläufigen Meinung wirkt eine tägliche temporäre Temperaturabsenkung letztendlich allerdings kaum Energie sparend, da für eine spätere Temperaturerhöhung ungleich mehr Energie eingesetzt werden muss. Daher fällt das Fazit des DVQST eindeutig aus: „Wenn über mehrere Tage hinweg kein Warmwasser benötigt wird, ist es besser, die Erwärmung komplett abzuschalten, als sie bei niedrigen Temperaturen weiterlaufen lassen. Am meisten Energie kann jedoch gespart werden, wenn die Leitungen und Einbauteile ordnungsgemäß gedämmt sind, wenn klein dimensionierte Anlagen verbaut werden und die Systeme richtig einreguliert und instandgehalten sind.“

Mehr zum Thema Trinkwasserhygiene finden Sie im HLH-Themenspecial.

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Von DVQST/ Marc Daniel Schmelzer

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