Nationales Asbest-Profil Deutschland 01.05.2016, 00:00 Uhr

Eine Darstellung der Asbestsituation in Deutschland

Asbestentsorgung Quelle: Quelle: PantherMedia /fotochris44

Asbestentsorgung

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1 Hintergrund und Motivation

Anlässlich der fünften Ministerkonferenz für Umwelt und Gesundheit 2005 wurde von den Mitgliedstaaten der Europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation eine Deklaration mit dem Ziel der Entwicklung nationaler Programme für die Elimination asbestbedingter Erkrankungen verabschiedet. Innerhalb dieser nationalen Programme haben die Nationalen Asbest-Profile die Aufgabe, über die Asbestsituation im Mitgliedstaat zu informieren und den Status quo bei der Elimination von durch Asbestfasern verursachten Erkrankungen zu ermitteln. Im Einzelnen sollen der Asbestverbrauch, die Anzahl der Exponierten, das mit Asbestfasern verbundene Erkrankungsgeschehen, das System zur Überwachung und Durchsetzung von Grenzwerten und Verwendungsverboten sowie die gesellschaftliche und ökonomische Belastung durch die Erkrankungen beschrieben werden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat sich der Initiative der Weltgesundheitsorganisation angeschlossen und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mit der Erstellung des Nationalen Asbest-Profiles beauftragt. Die zentralen Ergebnisse des Berichts werden im Folgenden vorgestellt [1].

2 Asbestverbrauchsmenge und ihre Verwendung

Da in Deutschland keine Asbestminen bekannt sind, bezieht sich die Problematik einer Asbestexposition in Deutschland auf die Asbestimporte sowie deren Verwendung im Herstellungsprozess und beim Einsatz in asbesthaltigen Materialien. Nach West-Deutschland (alte Bundesländer) wurden von 1950 bis 1990 insgesamt ca. 4,35 Mio. t Asbest importiert und nach Ost-Deutschland rund 1,40 Mio. t (Bild 1).

Bild 1. Asbestverbrauch in den alten Bundesländern („FRG“) und in der ehemaligen DDR („GDR“) [1] (vgl. auch [2]).

Bild 1. Asbestverbrauch in den alten Bundesländern („FRG“) und in der ehemaligen DDR („GDR“) [1] (vgl. auch [2]).

Bei den importierten Asbest­mineralien handelte es sich überwiegend um Chrysotil­asbest (> 90 %), wobei die Einfuhren in die DDR fast ausschließlich aus Asbestminen der ehemaligen UdSSR be­zogen wurden.

Mit 73 % dominiert die Verwendung von Rohasbest für sogenannte stark gebundene Asbestzementprodukte (Rohdichte über 1 400 kg/m³), z. B. Wellasbestdächer, Asbest­zementplatten und -rohre. Bei den restlichen Verwendungen handelt es sich überwiegend um sogenannte schwach gebundene Asbestprodukte (Rohdichte unter 1 000 kg/m³), wie z. B. Bauplatten (Promabest, Neptunit, Sokalit), Fußbodenbeläge, bautechnische Erzeugnisse wie z. B. Fugenmassen, Kitte, Spritzmassen, Bitumen sowie Asbesttextilien, Kupplungs- und Bremsbeläge (Bild 2).

Bild 2. Verteilung der Asbestverwendung auf Produktgruppen/-kategorien [1] (vgl. auch [3; 4]).

Bild 2. Verteilung der Asbestverwendung auf Produktgruppen/-kategorien [1] (vgl. auch [3; 4]).

Ein ähnliches Bild ergibt sich für die ehemalige DDR, allerdings wurde Spritzasbest fast ausschließlich im „Palast der Republik“ verwendet.

Asbest wurde in Gebäuden hauptsächlich als Asbestzement eingesetzt. Man schätzt, dass durchschnittlich 70 % der gesamten Importe der alten Bundesländer und der ehemaligen DDR für Asbestzementprodukte1) (starke Asbestbindung [3]) verwendet wurden (rund 4,0 Mio. t). Vor dem Hintergrund, dass diese Produkte 10 % Rohasbest enthielten, sind vermutlich ungefähr 40 Mio. t Asbestzement aus den zwischen 1950 und 1990 importierten Asbestmengen hergestellt worden (Tabelle 1).

Tabelle 1. Geschätzte Mengen an Asbestzementprodukten in Tonnen [1].

Tabelle 1. Geschätzte Mengen an Asbestzementprodukten in Tonnen [1].

Seit 1995 ist die Entsorgung asbesthaltiger Abfälle zu dokumentieren und seit 2002 nach dem Klassifizierungssystem des Europäischen Abfallkatalogs einzustufen. Von den genannten rd. 40 Mio. t sind entsprechend die seit 2002 erfassten asbesthaltigen Bauabfälle, die vermutlich überwiegend Asbestzementabfälle enthalten, abzuziehen. Trotz der Unsicherheit dieser Schätzung – so wurde Asbest teilweise auch bereits vor 2001 entsorgt – machen die Zahlen deutlich, dass sich in Wohn- und Industrieanlagen noch in erheblichem Umfang verbauter Rohasbest befindet. Schätzungen für die relative Betroffenheit der Bauteile der Gebäude liegen nur für die Dachfläche vor. Mit den Verwendungsmengen des Nationalen Asbest-Profils und unter der Annahme, dass 50 % (25 %) des Asbestzements für Dachflächen verwendet wurde, könnten 15 % (7 %) der Dachfläche in Deutschland noch Asbest enthalten [1].

3 Exponierte

Es gibt keine genauen Angaben zur Zahl der in der Vergangenheit oder Gegenwart asbestexponierten Beschäftigten. Eine solche Schätzung kann jedoch mithilfe der Statistiken der gesetzlichen Unfallversicherungsträger vorgenommen werden, die zum Zweck der Durchführung arbeitsmedizinischer Vorsorgeuntersuchungen die Beschäftigten erfassen, für die in der Vergangenheit das Risiko einer Exposition mit Asbeststaub bestand oder aktuell besteht. Bei der zentralen Meldeeinrichtung für die Gesundheitsvorsorge sind rund 80 000 Personen [5], die bei Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten (ASI-Arbeiten) potenziell mit Asbest in Berührung kommen können, sowie Personen, die in der Entsorgung von asbesthaltigem Abfall beschäftigt sind, gemeldet. Insgesamt wurden bisher rund 560 000 Personen [5] für Vorsorgeuntersuchungen aufgrund einer potenziellen Asbestexposition erfasst. Die aktuell als exponiert gemeldeten Arbeitnehmer stammen zu fast 90 % aus der Bauwirtschaft. Die tatsächliche Anzahl der As­bestexponierten wird jedoch größer sein, da zu vermuten ist, dass trotz der bestehenden Meldepflicht für ASI-Arbeiten nach [6] nicht alle Arbeitnehmer gemeldet sind. Außerdem werden die Beschäftigten erst seit 1972 für die Vorsorgeuntersuchungen erfasst. Die tatsächliche Zahl der ehemals und aktuell asbestexponierten Beschäftigten dürfte größer sein.

4 Das asbestbedingte Erkrankungsgeschehen

Ein Schwerpunkt des Berichts ist die Darstellung der gesellschaftlichen und ökonomischen Krankheitslast durch Asbest. Das Asbest-Profil stützt sich dabei insbesondere auf die Dokumentation des Berufskrankheitengeschehens der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Vier asbest­bedingte Krankheiten können als Berufskrankheiten anerkannt werden [7]: Asbestose (BK-Nr. 4103), Lungen-/Kehlkopfkrebs durch Asbest (BK-Nr. 4104), Mesotheliom (BK-Nr. 4105) und der Lungenkrebs durch das Zusammenwirken von Asbestfaserstaub und polyzyklischen aroma­tischen Kohlenwasserstoffen (BK-Nr. 4114).

Bild 3 zeigt die relativen Anteile der sechs Berufskrankheiten mit der höchsten Zahl an Todesfällen im Jahr 2012.

Bild 3. Übersicht über Todesfälle infolge einer Berufskrankheit im Jahr 2014 (in %) [1].

Bild 3. Übersicht über Todesfälle infolge einer Berufskrankheit im Jahr 2014 (in %) [1].

Das Mesotheliom führt zu den meisten Todesfällen (33 %), gefolgt von asbestverursachtem Lungenkrebs mit dem zweitgrößten Anteil von 24 % sowie Asbestose, die mit 4 % an fünfter Stelle steht. Insgesamt waren 2014 asbestbedingte Berufskrankheiten für rund 64 % aller Todesfälle infolge einer Berufskrankheit verantwortlich (Tabelle 2). Dieser Trend war in den letzten Jahren relativ stabil und wird sich vermutlich auch in den nächsten Jahren fort­setzen. Seit 1990 wurden rund 29 000 Todesfälle durch as­bestbedingte Berufskrankheiten erfasst.

Tabelle 2. Todesfälle durch asbestbedingte Berufskrankheiten im Jahr 2014 [8].

Tabelle 2. Todesfälle durch asbestbedingte Berufskrankheiten im Jahr 2014 [8].

Etwa 93 % der asbestbedingten Todesfälle entfallen auf die asbestbedingten Krebserkrankungen. Die besondere Schwere der asbestbedingten Krebserkrankungen zeigt sich an den hohen Mortalitätsdaten von 80 bis 90 % und der relativ kurzen Zeitspanne zwischen Krebsdiagnose und Tod von ca. 0,5 bis 2 Jahren. Charakteristisch für diese Erkrankungen sind die langen Latenzzeiten von rund 38 Jahren, die zwischen Asbestexposition und Diagnose liegen können. Aufgrund dieser langen Latenzzeiten ist vor allem die Anerkennung des asbestbedingten Lungenkrebses als Berufskrankheit (BK-Nr. 4104, BK-Nr. 4114) eine komplexe Aufgabe, da im Prinzip eine zuverlässige Schätzung der kumulativen Asbestexposition erforderlich ist [2], wenn keine medizinischen Brückenbefunde (Asbestose, Erkrankung der Pleura) festgestellt werden konnten. Da eine gewisse Untererfassung von beruflich bedingten Krebserkrankungen durch die BK-Statistik nicht völlig ausgeschlossen werden kann, wurden als weitere Datenquelle für die Darstellung der Krankheitslast die Todesursachenstatistik des Statischen Bundesamtes sowie Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts ausgewertet. Dabei besteht jedoch – da es für Lungenkrebs mehrere Ursachen gibt – das generelle Problem, dass asbestbedingter Lungenkrebs und anderweitig verursachter Lungenkrebs nur schwer auseinanderzuhalten sind. Anders ist dies beim Mesotheliom (C45- nach ICD-10), bei dem die Asbestexposition am Arbeitsplatz als Hauptursache dieser Erkrankung gilt (vgl. z. B. [9]). Die gemeldeten Todesfälle sind deshalb in den meisten Fällen auf eine Asbestexposition am Arbeitsplatz zurückzuführen. Im Jahr 2011 wurden 1 411 Todesfälle durch Mesotheliom beim Zentrum für Krebsregisterdaten erfasst [1].

Bild 4 zeigt die Entwicklung der Anerkennung für drei der vier Asbest-Berufskrankheiten seit 19802).

Bild 4. Anerkannte Fälle asbestverursachter Berufskrankheiten (BK-Nr. 4103, 4104 und 4105) [1].

Bild 4. Anerkannte Fälle asbestverursachter Berufskrankheiten (BK-Nr. 4103, 4104 und 4105) [1].

Seit 1991 ist es zu einem erheblichen Anstieg der Gesamtzahl an Anerkennungen für die Asbest-berufskrankheiten gekommen. Etwa seit Mitte der 1990er-Jahre ist die Anzahl der Neuanerkennungen relativ stabil und verharrt auf dem hohen Niveau von 3 300 bis 3 800 Fälle pro Jahr.

Die Gegenüberstellung der Entwicklung der historischen Asbestverbrauchszahlen mit einem Indikator für die Entwicklung der Asbestberufskrankheiten (hier: Anzahl der neuen BK-Renten) zeigt den parallelen Verlauf beider Größen (Bild 5) mit dem zeitlichen Abstand der durchschnittlichen Latenzzeit von 38 Jahren.

Bild 5. Asbestverbrauch und asbestverursachte anerkannte Berufskrankheiten in Deutschland [2].

Bild 5. Asbestverbrauch und asbestverursachte anerkannte Berufskrankheiten in Deutschland [2].

Schreibt man die dargestellte Entwicklung in die Zukunft fort, so wäre mit dem Rückgang der hohen Asbestverbrauchszahlen seit 1980 zeitversetzt ca. ab 2018 ein Rückgang bei den Erkrankungs-, Anerkennung-, und BK-Rentenzahlungen zu erwarten. Eine solche Prognose ist insbesondere auch deshalb mit einigen Unsicherheiten behaftet, weil zukünftige Expositionsrisiken bei Arbeiten an Gebäuden, in denen as­besthaltige Baumaterialien verwendet wurden, nur schwer zu schätzen sind.

5 Die ökonomische Belastung der Berufsgenossenschaften

Die ökonomischen Folgen asbestbedingter Erkrankungen, insoweit die Erkrankungen als Berufskrankheiten anerkannt werden, tragen die Berufsgenossenschaften3). In welchem Umfang beruflich bedingte, aber nicht als solche anerkannte sowie nicht beruflich bedingte Fälle von Asbesterkrankungen auftreten und zu Kosten für die Krankenversicherungen sowie die gesetzliche Rentenversicherung führen, kann mit den verfügbaren Daten nicht zuverlässig geschätzt werden. Der Fokus der Kostenermittlung lag somit auf berufsgenossenschaftlichen Kosten für Rentenzahlungen an Erkrankte und Hinterbliebene sowie für die medizinische Heilbehandlung. In der Summe sind für diese Kostenkategorien zwischen 1990 und 2012 rund 6,1 Mrd. Euro angefallen [1]. Aufgrund des relativ schnell tödlichen Verlaufs der Erkrankung machen die Rentenzahlungen an Hinterbliebene mit 57 % den höchsten Anteil an diesen Kosten aus, gefolgt von den Rentenzahlungen an die Erkrankten mit 26 % und Heilbehandlungskosten mit 17 %. Aufgrund der Schwere der Erkrankung und da die Erkrankung in der Regel erst nach Ausscheiden aus dem Erwerbsleben diagnostiziert wird, werden Leistungen für die Teilhabe am Arbeitsleben nur in sehr geringem Umfang erbracht (0,04 %).

Da die Berufsgenossenschaften nicht alle Fälle asbest­bedingter Erkrankungen erfassen, ist anzunehmen, dass die ermittelten Kosten die tatsächlichen asbestbedingten Kosten für medizinische Behandlung und Rentenzahlungen unterschätzen.

6 Regulierung

Das Inverkehrbringen von Asbest und asbesthaltigen Produkten ist in der Europäischen Union fast ausnahmslos verboten (Eintrag Nr. 6 im Anhang XVII der REACH-Verordnung). Trotzdem können Beschäftigte bei ASI-Arbeiten, z. B. im älteren Gebäudebestand, auch noch heute Asbest­fasern ausgesetzt sein. Die Richtlinie 2009/148/EG über den Schutz der Arbeitnehmer gegen Gefährdung durch Asbest am Arbeitsplatz beschreibt die notwendigen Arbeitsschutzmaßnahmen. Sie sind in der Gefahrstoffverordnung, insbesondere im Anhang I Nummer 2 – Partikelförmige Gefahrstoffe, in deutsches Recht umgesetzt. Dieser Anhang beschreibt generelle Schutzmaßnahmen für Tätigkeiten, bei denen einatembare Stäube entstehen. Zentrale Elemente sind die Verpflichtung zur Verwendung wirksam abgesaugter Anlagen, Maschinen und Geräte sowie ein Verbot des trockenen Kehrens und des Abblasens mit Druckluft. Darüber hinaus enthält er ergänzende Vorschriften zum Schutz vor Asbestgefährdungen: Anzeigepflicht bei der für den Arbeitsschutz zuständigen Behörde vor Beginn der Arbeiten, Vorgaben für sachkundiges Personal und die sicherheitstechnische Ausstattung, zusätzliche Arbeitsschutzmaßnahmen, verpflichtender Arbeitsplan und Be­stimmung zur Unterweisung der Beschäftigten. Diese Vorgaben sind in der Technischen Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 519 [10] weiter konkretisiert. Für Arbeiten an schwach gebundenen Asbestprodukten, wie Spritzasbest, Brandschutzpappen und -schnüren, sind aufwendige Maßnahmen erforderlich, die im Regelfall eine vollständige Abschottung (Schwarz-Weiß-Trennung) erforderlich machen. Der Schwarzbereich wird über Mehrkammerschleusen betreten und verlassen und unter Unterdruck gehalten. Auf der Grundlage der in Deutschland für Asbest festlegten Akzeptanz- und Toleranzkonzentrationen von 10 000 bzw. 100 000 Fasern/m³ werden in der TRGS 519 aber auch Maßnahmenpakete mit geringeren Anforderungen beschrieben. Die TRGS 519 definiert hierzu „Tätigkeiten geringer Exposition“, „emissionsarme Verfahren“ sowie „Arbeiten geringen Umfangs“. Tätigkeiten geringer Exposition sind Tätigkeiten mit niedrigem Risiko, bei denen eine Konzentration von 10 000 Fasern/m3 unterschritten wird. Für Arbeiten geringen Umfangs dürfen je Standort maximal zwei Arbeitnehmer mit einer Maximaldauer von vier Stunden mehr als 100 000 Fasern/m³ ausgesetzt sein. Emissionsarme Verfahren sind nach Anlage 6.2 zur TRGS 519 zugelassene Verfahren mit einer Exposition unter 10 000 Fasern/m3. Eine weitere Technische Regel, die TRGS 517 [11], beschreibt die Schutzmaßnahmen für Tätigkeiten mit potenziell asbesthaltigen mineralischen Rohstoffen und daraus hergestellten Gemischen und Erzeugnissen, z. B. für Steinbrüche.

7 Fazit

Das Nationale Asbest-Profil beschreibt die Asbestsituation in Deutschland beginnend mit Asbestverwendungsmenge und Anwendungsarten, der Anzahl der Personen mit einem potenziellen Risiko der Exposition, dem Erkrankungsgeschehen und den ökonomischen Folgen der Erkrankungen sowie den regulatorischen Maßnahmen. Die Analyse der herangezogenen Daten zeigte große Unterschiede in ihrer Qualität und Vollständigkeit. Während das Erkrankungsgeschehen und auch die finanziellen Belastungen gut mit den Statistiken der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung beschrieben werden können, bestehen insbesondere Datenlücken und Unsicherheiten bei der Beschreibung der aktuellen Risiken der Exposition und des Kollektivs der Exponierten. Die Volumina der Asbestverwendungen für Baumaterialen können noch gut abgeschätzt werden; Ansätze zur Schätzung der Verbreitung dieser Materialien in Gebäuden und Gebäudeteilen, z. B. nach Baujahr, Region, Gebäudetyp usw., fehlen bisher weitgehend. Datenlücken bei der Ermittlung der Anzahl der aktuell Exponierten auf der Basis der GVS-Statistiken für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen sind sehr wahrscheinlich, da hier der Fokus auf ASI-Arbeiten und Abfallentsorgung liegt. Unter Umständen muss in den genannten Bereichen über die Nutzung weiterer Datenquellen und/oder die Entwicklung von Schätzverfahren nachgedacht werden, um Datenlücken zu schließen und die Asbestsituation realistischer beschreiben zu können.

Basierend auf den großen Mengen an noch verbleibendem Asbest und den hohen Risiken bei ASI-Arbeiten ist weiterhin sicherzustellen, dass potenziell Asbest freisetzende Arbeiten nur unter den notwendigen Schutzanforderungen von ausreichend unterwiesenen Beschäftigten durchgeführt werden. Die fortlaufend an den Stand der Technik anpassten Rechtsvorschriften und Technischen Regeln bieten dafür eine sehr gute Basis. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieses auch in einem Rückgang der BK-Fälle widerspiegelt.

1) Der Anteil von Asbestimporten, der für Asbestzementrohre verwendet wurde, ca. 21 % in der ehemaligen DDR [1], wird hier nicht berücksichtigt.

2) Da die Anzahl der Anerkennungen der Berufskrankheit „Lungenkrebs durch das Zusammenwirken von Asbestfaserstaub und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK)“ im Vergleich zu den anderen Asbestberufskrankheiten relativ klein ist und diese Erkrankung erst seit 2009 als BK-Nr. 4114 anerkannt wird, wurde auf ihre Darstellung hier verzichtet.

3) Zuvor wurde bereits darauf hingewiesen, dass eine asbestbedingte Erkrankung im Mittel erst nach Eintritt in den Ruhestand festgestellt wird. Fälle as­bestbedingter Arbeitsunfähigkeit und entsprechende Produktivitätsverluste in den Unternehmen sind möglich, ihre Häufigkeit und die entsprechenden volkswirtschaftlichen Kosten können mit den verfügbaren Arbeitsunfähigkeitsdaten der Krankenversicherung jedoch nicht ermittelt werden.

 

Literatur

  1. Nationales Asbest-Profil Deutschland. Hrsg.: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Dortmund 2015. www.baua.de/de/Publikationen/Fachbeitraege/Gd80-2.html
  2. Arendt, M.; Blome, H.; Bonk, L.; Beth-Hübner, M.; Demers, F.; Duell, M.; Gabriel, S.; Guldner, K.; Karsten, H.; Kretschmann, U.; Leven, A.; Mattenklott, M.; Münch, J.; Rottmann, J.; Schmidt, I.; Schneider, J.: Faserjahre (BK-Report 1/2013). Hrsg.: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). Berlin 2013.
  3. Gefahrstoff Asbest (BBSR-Berichte Kompakt 2/2010). Hrsg.: Bundesinstitut für Bau-, Stadt-, und Raumforschung. Bonn 2010.
  4. Asbest. Informationen über Abbruch, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten. Hrsg.: Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU), Berlin 2008. www.bgbau.de/gisbau/ publikationen/brosch/brosch.htm Gesundheitsvorsorge (GVS) – vormals ZAs. Hrsg.: GVS – Gesundheitsvorsorge, Augsburg. http://gvs.bgetem.de/
  5. DGUV Grundsätze für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen: DGUV Grundsatz G 1.2 – Teil 2: Asbestfaserhaltiger Staub. Stuttgart: Gentner 2010.
  6. Liste der Berufskrankheiten. Anlage 1 zur Berufskrankheiten-Verordnung (BKV), zuletzt aktualisiert durch die Dritte Verordnung zur Änderung der Berufskrankheiten-Verordnung vom 22. Dezember 2014. www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/ Berufskrankheiten/Rechtsgrundlagen/Anlage-BKV.html
  7. Todesfälle als Folge einer Berufskrankheit. Hrsg.: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), Berlin 2016. www.dguv.de, Webcode: d34916
  8. Hagemeyer, O.; Otten, H.; Kraus, T.: Asbestos consumption, asbestos exposure and asbestos-related, occupational diseases in Germany. Int. Arch. Occup. Environ. Health 79 (2006), S. 613-620.
  9. Technische Regel für Gefahrstoffe: Asbest: Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten (TRGS 519). GMBl. (2014) Nr. 8/9, S. 164-201; zul. geänd. GMBl. (2015) Nr. 7, S. 136-137.
  10. Technische Regel für Gefahrstoffe: Tätigkeiten mit potenziell asbesthaltigen mineralischen Rohstoffen und daraus hergestellten Gemischen und Erzeugnissen (TRGS 517). GMBl. (2013) Nr. 18, S. 382-396; zul. geänd. GMBl. (2015) Nr. 7, S. 137-138.

 

 

Von Andreas Lüdeke

Dr. rer. pol. Andreas Lüdeke, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Dortmund.

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