Ronald Hepper über die Zukunft von Nukleartechnik-Unternehmen 01.03.2018, 11:19 Uhr

„Unser Wissen geht nicht verloren“

Der Rückbau von Kernkraftwerken ist ein besonders sensibles Thema. Um Mitarbeiter und Umwelt während der aufwendigen und langwierigen Arbeiten optimal zu schützen, sind höchste Sicherheitsstandards gefordert. Im Interview mit der BWK erläutert Dr. Ronald Hepper, Geschäftsführer der Bilfinger Noell GmbH, wie das Unternehmen mit seiner Nuklear-Kompetenz Kraftwerksbetreiber beim Atomausstieg begleitet. Gleichzeitig stellt sich Bilfinger Noell im Zuge der Neuausrichtung von Bilfingers Power-Gesellschaften breiter auf und beschreitet etwa bei den erneuerbaren Energien mit supraleitenden Stromspeichern neue Wege.

„Hermine“ – Die modulare Lösung zur Bearbeitung kontaminierter Reststoffe.
Bild: Bilfinger Noell

„Hermine“ – Die modulare Lösung zur Bearbeitung kontaminierter Reststoffe. Bild: Bilfinger Noell

Bilfinger Noell ist als Nukleartechnik-Spezialist bekannt. Wie sehr hat der Atomausstieg Deutschlands das Unternehmen getroffen?

Durch die stufenweise Abschaltung von Kernkraftwerken gehen die Investitionstätigkeiten der Kernkraftwerks-Betreiber in Revisionen und Service jährlich zurück. Eine Modernisierung der Anlagen findet nur noch sehr eingeschränkt statt. Kerntechnische Spezialisten werden aus diesen Gründen in geringerem Umfang benötigt. Gleichzeitig wächst der Bedarf bei Stilllegung, Rückbau und Entsorgung zwar nachhaltig, fokussiert aber nicht zwangsläufig auf kerntechnische Spezialfirmen.

Nach dem offiziellen Ausstieg von Siemens aus dem Kernkraftwerksgeschäft hat sich darüber hinaus die Beteiligung am Neubau von Kernkraftwerken für deutsche Unternehmen spürbar erschwert.

Welche Chancen und Risiken ergeben sich aus der internationalen Marktlage im Bereich des Neubaus von Kernkraftwerken? Wie ist Bilfinger Noell hier aufgestellt?

Bilfinger Noell findet mit seinem außergewöhnlich breiten Produkt- und Leistungsspektrum weltweit Anerkennung. Gerade in Ländern mit starkem Kernkraft-Sektor wie Frankreich und Großbritannien sind wir mit den Schwestergesellschaften innerhalb von Bilfinger sehr gut aufgestellt. Darüber hinaus erwarten wir in den kommenden Jahren eine steigende Nachfrage nach Abfallbehandlungsanlagen und den dafür benötigten Spezialmaschinen. Hier werden wir deshalb einen besonderen geschäftlichen Fokus setzen.

Die Herausforderung der Entsorgung und bestmöglichen Reduzierung nuklearer Abfälle wird Deutschland noch für Jahrzehnte beschäftigen. In welcher Form begleitet Bilfinger Noell in diesem Zusammenhang den Prozess der Behandlung und Lagerung von radioaktiven Abfällen?

Bilfinger Noell verfügt weltweit über umfangreiche Erfahrungen in der Behandlung und Konditionierung von radioaktiven Abfällen und Reststoffen. Unser deutsches Engineering genießt in diesem Bereich international einen hervorragenden Ruf, es steht für hohe Effizienz durch Technologie-Einsatz und einen kostenoptimierten Materialfluss.

Dr. Ronald Hepper, Geschäftsführer der Bilfinger Noell GmbH, Würzburg: „Im Rahmen der Neuausrichtung unserer Power-Gesellschaften fokussieren wir unsere Entwicklungen – basierend auf unseren Kernkompetenzen – im Bereich der erneuerbaren Energien auf hoch­dynamische Schwungradspeicher.“ Bild: Bilfinger Noell

Dr. Ronald Hepper, Geschäftsführer der Bilfinger Noell GmbH, Würzburg: „Im Rahmen der Neuausrichtung unserer Power-Gesellschaften fokussieren wir unsere Entwicklungen – basierend auf unseren Kernkompetenzen – im Bereich der erneuerbaren Energien auf hoch­dynamische Schwungradspeicher.“ Bild: Bilfinger Noell

Dabei decken wir verschiedenste Verfahren und alle Prozessschritte ab, also vom Selektieren und Dekontaminieren übers Kompaktieren bis hin zum Verpacken und Immobilisieren. Zusammengefasst werden all diese Leistungen im modularen Reststoff- und Abfallbehandlungs-Konzept „Hermine“ (Highly Efficient Reduction of Radwaste in a Modular Intelligent Nuclear Environmentally Friendly Facility). Anwendungsspezifisch können je nach Anforderung Teilmodule von Hermine selektiert und kombiniert werden. Bilfinger Noell hat in diesem Zusammenhang bereits mehrere Anlagen geplant, geliefert und in Betrieb genommen.

„Umweltverträglichkeit in allen Phasen“

Grundlage der Abfallbehandlung sind die optimale Dimensionierung der Anlage unter Berücksichtigung der vorhandenen Gebäudestruktur sowie die Pufferung der Transporte für einen sicheren, robusten Betriebsablauf. Erreicht wird dies durch eine maximale Modularität bei den Einrichtungsaufstellungen, etwa Caissons in Modulbauweise, und die weitestgehende Rückwirkungsfreiheit zwischen den einzelnen Bearbeitungsstationen.

Wir sind dem Ziel verpflichtet, Umweltverträglichkeit in allen Phasen und einen respektvollen Umgang mit den Ressourcen zu erreichen. Durch die Abfall­behandlung minimieren wir die einzu­lagernden radioaktiven Reststoffe bei gleichzeitiger Maximierung der uneingeschränkt beziehungsweise zweckgerichtet freigegebenen Abfälle. Selbstverständlich wird im Betrieb höchster Wert auf eine Reduktion der Strahlendosis für das Betriebspersonal geachtet. Dabei kommt das Minimierungsgebot nach dem Alara-Prinzip (As Low As Reasonably Achiev­able) zum Tragen.

Bilfinger Noell hat über Jahrzehnte hinweg viel Know-how im Bereich der Konditionierung nuklearer Abfälle gesammelt. Was kann unternommen werden, damit dieses Wissen nicht mit dem Atomausstieg nach und nach verloren geht?

Unser Wissen geht nicht verloren, da wir weltweit an Anlagen für die Konditionierung nuklearer Abfälle tätig sind. Unsere Abfallbehandlungsanlagen finden sich etwa im litauischen Ignalina, in Tschernobyl in der Ukraine sowie künftig im französischen Lyon und im britischen Hinkley Point. Wir setzen auf langfristige Industriepartnerschaften mit dem Ziel, vorhandene und neu entwickelte Technologien für eine kosten- und mengenoptimierte Entsorgung radioaktiver Abfälle zu nutzen.

Die regenerative Energieerzeugung wird in den kommenden Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewinnen. Wie stellt sich Bilfinger Noell auf diese Veränderungen des Marktes ein?

Bilfinger Noell beteiligt sich an verschiedenen Forschungsprojekten. Dabei nutzen wir unsere Kernkompetenzen etwa in Kryo-, Vakuum- und Magnettechnologie, die wir in den vergangenen Jahrzehnten durch hochmoderne Anlagen und Systeme für Großforschungseinrichtungen aufgebaut haben. Darauf basierend entwickeln wir unter anderem im Segment der regenerativen Energien modernste Energiespeicher, die unter anderem auch auf Technologien der Supraleitung beruhen.

„Konzentration auf Schwungradspeicher“

Welche Bedeutung räumt Bilfinger Noell den Energiespeichern ein, und welche technische Entwicklung favorisieren Sie und warum?

Im Rahmen der aktuellen Umgestaltung vor allem der elektrischen Energiesysteme sind sich alle Experten einig, dass Energiespeicher eine zunehmend große Rolle spielen werden. Zur Stabilisierung der Netze werden solche Speicher mit verschiedenen Zeitskalen der Energieabgabe und -aufnahme benötigt. Daraus folgt, dass am Markt Speicher mit unterschiedlichen Eigenschaften benötigt werden. Basierend auf unseren Kernkompetenzen fokussieren wir unsere Entwicklung auf hochdynamische Schwungradspeicher.

Bilfinger Noell konzentriert sich dabei auf sogenannte Leistungsspeicher, die mit schneller Reaktion und hoher elektrischer Leistung operieren können. Unser Entwicklungsgegenstand sind Flywheel-Energiespeicher, die mit einer im Sekundenbereich liegenden Geschwindigkeit große elektrische Leistungen bereitstellen können. Die Leistung unserer Noell-Speicher liegt bei 500 kW. Somit werden sie als Einzelgerät noch in der Niederspannung, gebündelt in der Mittelspannung angeschlossen. In diese Spannungsebenen werden bereits heute die größten Anteile der volatilen, regenerativen Erzeugung eingespeist, weshalb eine Speicherung und Vergleichmäßigung der Energieeinspeisung beachtliche positive Beeinflussungen des Netzes herbeiführen können.

Welche Fortschritte bei Energiespeichern müssen noch gemacht werden, damit sich der Einsatz in der Industrie rentiert? Mit welchen neuen Lösungen kann Bilfinger Noell hier helfen?

Auf technischer Seite sehen wir die größten Herausforderungen sowohl in der Reaktionsgeschwindigkeit wie auch in der begrenzten Zyklenzahl und dem spezifischen Leistungspreis heutiger elektrochemischer Speicher. Gerade auch wegen der sehr hohen Zyklenfestigkeit legt Bilfinger Noell den Fokus auf Flywheels. Durch eine Herstellung als Serienprodukt werden sich Flywheels in Zukunft zu einer effizienten und kostengünstigen Alternative beziehungsweise Kombinationsmöglichkeit zu existierenden Technologien entwickeln.

Herr Dr. Hepper, vielen Dank für das Gespräch.

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