Stromversorgung in den Niederlanden 15.07.2021, 08:35 Uhr

Mit Kernenergie sollen Klimaziele erreicht werden

Deutschlands westlicher Nachbar sucht einen Weg, die volatile Stromerzeugung mit Sonne und Wind durch eine zuverlässige Quelle zu ergänzen. Kernkraftwerke scheinen dort eine Option zu sein.

Das Kernkraftwerk Borssele in den Niederlanden ist seit 1973 in Betrieb und soll noch bis 2034 laufen. Es leistet 515 MW. Foto: N.V. Elektriciteits-Produktiemaatschappij Zuid-Nederland EPZ

Das Kernkraftwerk Borssele in den Niederlanden ist seit 1973 in Betrieb und soll noch bis 2034 laufen. Es leistet 515 MW.

Foto: N.V. Elektriciteits-Produktiemaatschappij Zuid-Nederland EPZ

Während in Deutschland die letzten Kernkraftwerke Ende 2022 abgeschaltet werden, hält sich die niederländische Regierung die Option Kernenergie offen, um ihr ehrgeiziges Klimaziel zu erreichen. 2050 soll die Stromproduktion komplett klimaneutral sein, obwohl 2030 die inländische Erdgasförderung auslaufen soll und alle Kohlekraftwerke stillgelegt werden. Derzeit bezieht das Land noch rund 70% seines Stroms aus fossilen Kraftwerken.

„Wir können uns den Luxus, eine nachhaltige Energiequelle auszuschließen, nicht leisten“, sagt Wirtschaftsstaatssekretärin Dilan Yesilgöz-Zegerius. Sie lässt jetzt eine Studie anfertigen, die zeigen soll, welche Rolle die Kernenergie neben Wind und Sonne zwischen 2030 und 2050 spielen kann.

Klimaschutz ist Sache des Wirtschaftsministeriums

Anlass für die Überlegungen im Wirtschaftsministerium, das auch für den Klimaschutz zuständig ist, ist eine Marktbefragung der Beratungsgesellschaft KPMG, die herausfinden sollte, unter welchen Bedingungen die niederländische Wirtschaft bereit wäre, neue Kernkraftwerke zu akzeptieren. Grundbedingung sei, so die Befragten, dass die Regierung für stabile politische Verhältnisse sorgt und den Bau mit Finanzgarantien unterstützt. Nötig sei auch eine ausreichende öffentliche Akzeptanz. Technisch gesehen befürwortet die Mehrheit der Befragten einen Reaktor der Generation III. Dazu gehört der European Pressurized Reactor (EPR) des französischen Unternehmens Areva, der gemeinsam mit Siemens entwickelt worden ist – Siemens ist allerdings heute nicht mehr beteiligt.

Rückbau von Kernkraftwerken: Vier auf einen Streich

Der EPR hat eine Leistung von 1 650 MW. In China sind zwei Anlagen bereits in Betrieb, in Frankreich, Finnland und Großbritannien ist jeweils ein EPR-Block im Bau. Die Sicherheit der modernen Anlagen ist höher als die der vergangenen Generationen. So verfügen sie über einen sogenannten „Core Catcher“, einen Behälter, der den Reaktorkern auffängt und kühlt, wenn dieser wegen eines Unfalls schmilzt, wie es in Fukushima passiert ist. Auch Explosionen, die den Sicherheitsbehälter zerstören wie 1986 in Tschernobyl, sind beim EPR nicht möglich. Wenn der Druck etwa durch das unkontrollierte Verdampfen von Wasser ansteigt, wird er über ein Ventil abgebaut. Dabei werden radioaktive Teilchen herausgefiltert.

Reaktoren mit hohem Sicherheitsstandard

Reaktoren mit ähnlich hohem Sicherheitsstandard haben auch das US-Unternehmen Westinghouse, Korea Hydro & Nuclear Power, ein chinesisches Konsortium, der russische Hersteller Rosatom, Areva gemeinsam mit Mitsubishi sowie General Electric mit Hitachi und Toshiba entwickelt. Einige davon sind bereits in Betrieb.

Jetzt bekommt Lithium ernsthafte Konkurrenz

Als Standorte für ein neues großes Kernkraftwerk in den Niederlanden kommen Noord-Brabant und die Provinz Zeeland in Frage. Dort läuft bereits seit 1973 das Kernkraftwerk Borssele, das nahezu baugleich ist mit der Anlage in Stade, die bereits weitgehend zurückgebaut worden ist. Borssele hat eine Leistung von 515 MW und soll bis 2034 in Betrieb bleiben. Aus Regierungskreisen in Den Haag verlautet, dass die Provinz der Ansiedlung eines neuen Kernkraftwerks positiv gegenübersteht. Es könnten auch bis zu zehn kleine Kernkraftwerke mit weniger als 500 MW über das Land verstreut gebaut werden, etwa an Standorten von stillgelegten Kohlekraftwerken wie in Roermond an der Maas.

Gutachten aus Österreich bestätigt Regierung der Niederlande

Das österreichische Consulting-Unternehmen Enco hat im Auftrag des niederländischen Ministeriums für Wirtschaft und Klima eine Studie zum Thema Kernenergie angefertigt. Es hat sich spezialisiert auf Nuklearenergie, ist also nicht unbedingt unbefangen. In dem Gutachten heißt es: „Kernenergie ist eine sichere und emissionsfreie Energie mit einem geringen CO2-Fußabdruck, die in der Lage ist, einen kontinuierlichen und sicheren Stromfluss für kommende Generationen zu liefern.“ Das ist die für die Regierung wohl entscheidende Aussage.

Klimaneutralität: Deutschland kann es bis 2045 schaffen

Wind und Sonne liefern Strom nur dann, wenn Wetter und Tageszeit mitspielen. Wasserkraft spielt in den Niederlanden keine Rolle. Um die Wetterkapriolen aufzufangen müsste das Land unzählige große Batterieblöcke aufbauen und Importe etwa von Wasserstoff forcieren, der in Brennstoffzellen sowie in Gas- und Dampfkraftwerken in Strom umgewandelt werden kann. Ob allerdings die benötigten großen Mengen zur Verfügung stehen werden ist offen, weil auch andere Länder wie Deutschland dringend auf Wasserstoffimporte etwa aus Chile, Nordafrika und Australien angewiesen sein werden.

Von Wolfgang Kempkens

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