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Stromversorgung 30.03.2022, 14:30 Uhr

Kraftwerke lernen das Schwimmen

140 Kilometer vor der norwegischen Küste geht in wenigen Monaten der weltweit größte schwimmende Windpark in Betrieb. Er löst einige fossil betriebene Generatoren auf Erdöl-Förderplattformen ab.

„Hywind Scotland“ ist der weltweit erste kommerzielle schwimmende Windpark und seit 2017 in Betrieb. Foto: Øyvind Gravås/Equinor

„Hywind Scotland“ ist der weltweit erste kommerzielle schwimmende Windpark und seit 2017 in Betrieb.

Foto: Øyvind Gravås/Equinor

Es war eine Weltpremiere, als Siemens, damals ohne seinen heutigen Windenergieparter Gamesa in Spanien, und der norwegische Gas- und Ölkonzern StatoilHydro 2009 ein schwimmendes Windkraftwerk in Betrieb nahmen. 12 km südöstlich der Insel Karmøy in Norwegen war es in einer Wassertiefe von 220 m verankert. Hywind, wie die Anlage genannt wurde, sollte zum Ahnherrn einer Vielzahl von schwimmenden Stromerzeugern werden. Damit sollte die Offshore-Technik flexibler werden. Die weitaus meisten Standorte konnten bis dahin nicht genutzt werden, weil die große Wassertiefe die konventionelle Gründung auf dem Meeresboden nicht zuließ.

Großes Interesse an schwimmenden Windgeneratoren

Ganz so schnell wie die Partner damals dachten setzte sich die Idee nicht durch. Zwar gibt es mittlerweile 21 schwimmende Windkraftanlagen und -parks, die meisten in Europa. Doch die Gesamtleistung bleibt weit hinter der von konventionell gegründeten Offshore- und erst recht von Onshore-Anlagen zurück. Doch die Standorte in relativ seichten Gewässern werden Zug um Zug zugebaut, sodass neue in größerer Entfernung vom Festland erschlossen werden müssen. Insbesondere Länder und Regionen mit tiefen Küstengewässern haben großes Interesse an schwimmenden Offshore-Anlagen. Hierzu zählen vor allem die US-Westküste, Japan, Südkorea, China, Frankreich, Spanien, Portugal, Norwegen, Schottland und Irland.

Vor Schottland schwimmen die meisten Generatoren

Der derzeit größte schwimmende Windpark mit knapp 50 MW ist „Kincardine“ in der schottischen Nordsee. 15 km vor der Hafenstadt Aberdeen rotieren fünf 9,5-MW-Vestas-Turbinen und eine mit bescheidenen 2 MW. Letztere ging schon im Oktober 2018 ans Netz, gewissermaßen übungshalber, um zu schauen, ob das Schwimmkonzept aufgeht.

Schottland beherbergt auch den zweitgrößten schwimmenden Windpark. „Hywind Scotland“, als weltweit erster kommerzieller Stromerzeuger seiner Art seit 2017 in Betrieb, besteht aus fünf 6-MW-Generatoren von Siemens. Er wird betrieben von Hywind (Scotland) Limited, einem Joint Venture des Öl- und Gaskonzerns Equinor im norwegischen Stavanger (75 % Anteil) und Masdar Clean Energy (25 %), dessen Hauptaufgabe der Bau der Ökostadt Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist. Hywind Scotland lief 2020 rechnerisch in 57 % der Zeit mit Volllast, ein Wert, der fast doppelt so hoch liegt wie bei den meisten Windgeneratoren an Land.

Wassertiefen bis 300 Meter

Die Rekorde werden nicht mehr lange halten. Im dritten Quartal dieses Jahres soll „Hywind Tampen“ ans Netz gehen. Er besteht aus elf 8-MW-Generatoren von Siemens Gamesa. Die Wassertiefe liegt hier, fast 140 km westlich der norwegischen Küste, bei 260 bis 300 m. Der erzeugte Strom wird, im Gegensatz zu allen anderen Windparks auf der Welt, nicht an Land fließen, sondern auf hoher See genutzt. Er versorgt die norwegischen Ölbohr- und -förderplattformen Snorre A und B sowie Gulfaks A, B und C mit Strom. Die Windgeneratoren sollen 35 % des Bedarfs decken und pro Jahr 200 000 t Kohlenstoffdioxid-Emissionen einsparen. Bisher wird der Strom auf den Plattformen ausschließlich mit fossil betriebenen Generatoren produziert.

„Hywind Tampen“: Abfahrt eines der schwimmenden Sockel zum Zielort vor der norwegischen Küste.

Foto: Jan Arne Wold/Equinor

„Hywind Tampen“: Schwimmenden Sockel auf der 140 km langen Reise zum Zielort.

Foto: Jan Arne Wold/Equinor

„Hywind Tampen“: So werden die elf Windgeneratoren mit den Ölplattformen verbunden. Grafik: Equinor
„Hywind Tampen“: Rechts die Reihe der Windgeneratoren, links eine der Gulfak-Plattformen, die den erzeugten Strom abnehmen.

Foto: Equinor

500-Millionen-Euro-Investition

„Um auf dem norwegischen Schelf auch weiterhin profitabel zu operieren, ist es wichtig, dass wir unser Bestes tun, um den CO2-Fußabdruck unserer Aktivitäten noch weiter senken“, sagt Alv Bjørn Solheim, Managing Director von Wintershall Dea in Norwegen. „Das Projekt passt in unsere Strategie für eine nachhaltige Zukunft als Gas- und Ölproduzent.“ Das Kasseler Unternehmen ist am Snorre-Feld mit 8,57 % beteiligt, ebenso an dem schwimmenden Windpark, der Investitionen von 500 Mio. € erforderte, die verschiedene Investoren aufgebracht haben.

Von Wolfgang Kempkens