Energiewende in Deutschland 26.08.2021, 14:10 Uhr

CO2-Ausstoß steigt in diesem Jahr deutlich an

Schwächelnder Wind und die Erholung der Wirtschaft steigern den Bedarf an Strom aus fossilen Kraftwerken. Der Think Tank Agora Energiewende fordert entscheidende Weichenstellungen der künftigen Bundesregierung.

Fundamente für Offshore-Windparks in einer Fabrik. Der Ausbau der Windkraft ist eine der Voraussetzungen für den Erfolg der Energiewende. Foto: PantherMedia / MikeMareen

Fundamente für Offshore-Windparks in einer Fabrik. Der Ausbau der Windkraft ist eine der Voraussetzungen für den Erfolg der Energiewende.

Foto: PantherMedia / MikeMareen

Dass es bei der Energiewende in Deutschland zu langsam vorangeht bezweifelt kaum jemand. Dass es aber in die falsche Richtung geht überrascht schon. In diesem Jahr steigt der Ausstoß an Kohlenstoffdioxid, der eigentlich kontinuierlich zurückgehen soll, um 47 Mio. t an. Das zeigen Berechnungen des Berliner Think Tanks Agora Energiewende. 2020 waren es insgesamt 739 Mio. t, 70 Mio. t weniger als im Jahr davor. Hauptursache war mit einem Plus von 30 Mio. t die Zunahme der Verstromung von Gas und Kohle. Das war nicht zuletzt nötig, weil im ersten Halbjahr 2021 schwache Windverhältnisse herrschten – im Unterschied zu den besonders windertragreichen ersten sechs Monaten 2020 – und deshalb weniger Windstrom ins Netz floss.

Reduktionserfolg 2020 war eine Eintagsfliege

„Der vermeintliche Erfolg im vergangenen Jahr war kein Erfolg beim Klimaschutz, sondern eine Eintagsfliege, bedingt durch Corona und Sondereffekte“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende. „2021 stehen wir damit wieder an der Startlinie. Daher braucht es jetzt das größte Klimaschutz-Sofortprogramm, das es in der Bundesrepublik je gegeben hat.“ Damit müsse die nächste Bundesregierung in den ersten 100 Tagen entscheidende Weichen für das Erreichen der Klimaneutralität stellen. Dazu gehöre etwa ein vorgezogener Kohleausstieg sowie die Verdreifachung des Ausbaus von Windkraft- und Solaranlagen.

Treinhausgas-Emissionen in Deutschland nach Sektoren 1990 bis 2020, Schätzungen für 2021 und Sektorenziele 2030. Grafik: Agora Energiewende

4 250 Megawatt müssen kompensiert werden

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Das dürfte ein Kraftakt werden, denn es kann durchaus sein, dass der Bedarf an Strom aus fossilen Kraftwerken 2022 noch ansteigt. Ende dieses Jahres gehen im Zuge des Ausstiegs aus der Kernenergie mit Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C drei Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von gut 4 250 MW vom Netz. Diese produzieren Grundlast, sind also fast ganzjährig in Betrieb. Um deren Stromproduktion zu kompensieren gibt es drei Möglichkeiten: Erdgas- sowie Braun- und Steinkohlekraftwerke hochzufahren. Wind- und Solarenergie eignen sich nicht, weil sie nicht planbar sind. Bleibt die Inanspruchnahme von Stromspeichern für jeweils kurze Zeit – liegt im Stundenbereich – und des Wasserstroms aus Norwegen (maximal 1 400 MW), der über eine Unterwasserleitung nach Deutschland fließt, auch über einen längeren Zeitraum. Insgesamt dürften so 10 GW aufzubringen sein, doch nur, um relativ kurzfristige Lücken zu stopfen. In windarmen Nächten wird es weitgehend auf die fossilen Kraftwerke ankommen.

Zubau an Windenergieanlagen ist zu gering

Wind- und -Solarenergie völlig abzuschreiben wäre jedoch falsch. Es ist zwar überall so, dass die Photovoltaik bei Dunkelheit nichts liefert. Windgeneratoren fallen dagegen seltener bundesweit aus. Doch davon gibt es bei weitem zu wenig, und der Zubau stockt. Im ersten Halbjahr 2021 gingen auf dem Festland gerade mal 240 neue Windenergieanlagen mit einer Leistung von 971 MW ans Netz, Offshore war eine Nullnummer. Netto stieg die installierte Leistung allerdings um nur 831 MW, weil Neuanlagen teilweise Altanlagen ersetzten (Repowering). Die installierte Leistung stieg damit auf fast 62 700 MW.

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Stromverbrauch nimmt noch zu

Zur Erreichung des Ausbauziels für das Jahr 2022 ist ein weiterer Netto-Zubau von gut 1,2 GW erforderlich. Die Zubauziele wurden im Erneuerbare-Energien-Gesetz 2021 festgeschrieben, sind allerdings noch nicht an den erwarteten erhöhten Strombedarf bis 2030 angepasst. Zusätzliche elektrische Energie schlucken Elektrofahrzeuge sowie die Herstellung von synthetischen Treibstoffen aus Wasserstoff und Kohlenstoffdioxid. Diese scheinen unumgänglich, um vor allem Flugzeuge mit der Umwelt zu versöhnen. Doch auch Lkw, Schiffe und Bahnen könnten mit diesen Treibstoffen, bei deren Verbrennung nur so viel Kohlenstoffdioxid frei wird wie bei der Herstellung aus der Luft entfernt worden ist, umweltneutral werden.

Von Wolfgang Kempkens

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