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Vom Bauschutt zum Rohstoff 26.01.2026, 08:00 Uhr

KI verändert das Bau-Recycling

Jährlich fallen Millionen Tonnen Bauschutt an – oft ein Entsorgungsproblem. Ein Tübinger Start-up setzt nun auf künstliche Intelligenz, um Recycling-Gesteinskörnungen in Echtzeit zu überwachen und die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen entscheidend voranzubringen.

Demolition of building. Excavator destroy old house

Für die Wiederverwendung von Bauschutt entwickelt Optocycle mit rund 170.000 Euro Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ein ausgeklügeltes Verfahren.

Foto: Smarterpix / DedMityay

In Deutschland fallen laut Umweltbundesamt jedes Jahr rund 86 Millionen Tonnen Bauschutt und Bauabfälle an. Ein Großteil dieser Materialien landet bislang auf Deponien oder wird nur minderwertig verwertet. Für die Bauindustrie bedeutet das nicht nur den Verlust wertvoller Rohstoffe, sondern auch vermeidbare klimaschädliche Emissionen. Dabei rückt die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen zunehmend in den Fokus von Politik, Planung und Baupraxis.

Ein innovativer Ansatz kommt aus Tübingen: Das Start-up Optocycle entwickelt ein KI-basiertes System zum Echtzeit-Qualitätsmonitoring von Recycling-Gesteinskörnungen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert das Projekt im Rahmen ihrer Green-Start-up-Förderung mit rund 170.000 Euro.

Automatisierte Qualitätskontrolle statt subjektiver Einschätzung

Ein zentrales Problem im Bauschutt-Recycling ist bislang die unzureichende und oft subjektive Qualitätsbewertung. DBU-Generalsekretär Alexander Bonde sieht hier großes Potenzial für Veränderungen in der Branche. „Die Errichtung neuer Gebäude folgt bereits klaren Vorgaben für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit. Gleiches muss künftig auch nach dem Abriss von Häusern und Bauwerken beachtet werden“, so Bonde.

Optocycle setzt genau an diesem Punkt an. Das Unternehmen hat ein System entwickelt, das Bauabfälle mithilfe moderner optischer Sensorik und künstlicher Intelligenz automatisch und reproduzierbar klassifiziert. Ziel ist es, die Qualität von RC-Körnungen – recycelten Gesteinskörnungen aus Bauschutt – kontinuierlich zu überwachen und zu dokumentieren.

Optocycle-Mitgründer Max-Frederick Gerken beschreibt den Status quo in der Branche deutlich: „Aktuell basiert in der Branche der Aufbereitungsprozess von Bauschutt meist auf subjektiven Schätzungen.“ Zudem werde das Endprodukt häufig nur stichprobenartig im Labor geprüft. Mit dem neuen System sei hingegen ein „Echtzeitmonitoring von Recycling-Gesteinskörnungen möglich. Somit können die Qualität der Körnung verbessert und mehr Material in die Beton-Produktion überführt werden“.

Mehr hochwertige Sekundärrohstoffe, weniger Deponieabfälle

Durch die kontinuierliche Qualitätsüberwachung soll der Anteil hochwertiger Recyclingmaterialien signifikant steigen. Optocycle rechnet mit einer um rund 20 Prozent höheren Menge an recycelten, qualitativ hochwertigen Gesteinskörnungen. Gleichzeitig könnten etwa 15 Prozent der Abfallreste vermieden werden, die bislang auf Deponien landen.

Gerken erläutert den Nutzen für Bau- und Recyclingunternehmen: „Zurzeit schwankt oft die Beschaffenheit der recycelten Rohstoffe. Das bedeutet einerseits ein wirtschaftliches Risiko für Unternehmen und führt andererseits zum Verlust von wertvollen Materialien.“ Das KI-System klassifiziert sowohl den eingehenden Bauschutt als auch das aufbereitete Endprodukt transparent und nachvollziehbar. Kooperationspartner ist unter anderem die Heinrich Feeß GmbH, die bereits seit Jahren mit Optocycle zusammenarbeitet.

Nachrüstbare Technologie für bestehende Recyclinganlagen

Ein entscheidender Vorteil für die Praxis: Das System lässt sich direkt in bestehende Bauschutt-Recyclinganlagen integrieren. Laut Gerken erfolgt die Installation „direkt über dem Fließband“. Aufwendige Umbauten oder Neuinvestitionen seien nicht erforderlich. Diese einfache Nachrüstbarkeit senkt die Einstiegshürden für Betreiber und beschleunigt die Markteinführung der Technologie.

„Denn nur wenn das Recycling finanziell machbar ist, kann die Kreislaufwirtschaft in der Baubranche Erfolg haben“, betont Gerken. Genau dieser wirtschaftliche Ansatz habe auch bei der Förderung durch die DBU eine zentrale Rolle gespielt.

Relevanz für Klimaschutz und Betonherstellung

Aus Sicht des Klimaschutzes ist die Entwicklung hochrelevant. DBU-Referent Dr. Volker Berding verweist auf die hohen Emissionen der Betonproduktion: „Die Produktion von immer neuem Beton sorgt für hohen Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen.“ Einer WWF-Studie zufolge entfallen rund acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen auf die Zementherstellung.

„Alles, was zur einer Emissionsreduzierung beiträgt, hat also bereits einen großen Effekt für den Klimaschutz“, so Berding weiter. Voraussetzung sei jedoch, „wenn die Sekundärrohstoffe sich qualitativ nicht von einer Neuproduktion unterscheiden. Genau diesen Schritt kann Optocycle mit einem skalierbaren, optimierten Prototypen gehen.“

Für Bauingenieure, Planer und Bauunternehmen eröffnet die Technologie neue Perspektiven: hochwertigere Recyclingbaustoffe, höhere Planungssicherheit und ein entscheidender Beitrag zur ressourcenschonenden Bauweise.

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Von DBU / Heike van Ooyen