Bewehrung 30.06.2021, 08:33 Uhr

Wärmebrücken im Hochgebirge reduziert

Seit über 100 Jahren führt der Hörnligrad auf das Matterhorn in den Schweizer Alpen am Basislager Hörnlihütte und dem nahe gelegenen Berghaus Matterhorn (Belvédère) vorbei. Nun wurden die Unterkünfte modernisiert. Zum Einsatz kam ein Wärmeelement, dass die Wärmeabgabe aus dem Gebäude in den Baugrund reduziert.

Die Hörnlihütte steht auf geologisch anspruchsvollen Felsformationen. Foto: Photographie Michel Bonvin.

Die Hörnlihütte steht auf geologisch anspruchsvollen Felsformationen.

Foto: Photographie Michel Bonvin.

Am 14. Juli 1865 gelang Edward Whymper die Erstbesteigung des Matterhorns in den Schweizer Alpen. Auf seinem Weg zum 4.478 Meter hohen Gipfel nutzte er den Hörnligrad, der zu einer beliebten Route nach oben wurde. Um den Bergsteigern den Aufstieg zu erleichtern, wurde 1880 auf 3.260 Meter über Meer die Hörnlihütte als Basislager errichtet. 1911 folge in direkter Nachbarschaft das Berghaus Matterhorn (Belvédère). Beide Gebäude entsprachen aber nicht mehr den heutigen Anforderungen. Aus diesem Grund hat sich die Burgergemeinde Zermatt zusammen mit der Stiftung „Hörnlihütte 2015“ für eine Modernisierung entscheiden, durch die die Unterkünfte in den Aufgaben Sicherheit, Hygiene, Umweltverträglichkeit und Funktionalität angepasst wurden. Da der Standort nicht an das öffentliche Versorgungsnetz angeschlossen werden konnte, musste die Modernisierung berücksichtigen, dass die Gebäude sich weitestgehend selbst mit Energie und Wasser versorgen. Im Vordergrund der Modernisierung stand die Nachhaltigkeit.

Die Gebäude werden zu einem ganzen System

Hans Zurniwen und Architekturbüro arnold perren zurniwen haben den Direktauftrag für die Modernisierung erhalten. „Für die Erneuerung der Hörnlihütte dient uns der Bergsteiger als Vorbild“, sagt Zurniwen, „er ist als Ganzes ein effizientes System. Er ist ein robuster Geselle, der im unwegsamen Gelände unter schwierigen klimatischen Verhältnissen sein Ziel erreicht und wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt. In diesem Sinne werden bei der Hörnlihütte nicht primär einzelne Komponenten der Gebäudehülle, der Gebäudetechnik oder der Energieerzeugung ausgereizt. Das Ziel ist die Optimierung des Gesamtsystems unter Berücksichtigung aller Wechselwirkungen sowie Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Elementen.“ Um den Bergsteigern ein optimales Basislager zu bieten, sah der Entwurf unter anderem vor, die historische Hütte abzureißen. Ihr Fundament bleibt jedoch erhalten und dient als Helikopterlandeplatz. Zudem wurden die alten Bruchsteinmauern zum Teil freigelegt, damit die Geschichte des Ortes sichtbar bleibt. Das Berghaus Matterhorn (Belvédère) wurde behutsam renoviert und durch eine Verbindung zu einem modernen Holzbau erweitert. In den Umbau wurde die Konstruktion des über 100-jährigen Hotels integriert. In der Nähe zum Berghaus entstanden seit 1911 An- und Ergänzungsbauten, ein externes WC- und Generatorgebäude, ein Speisesaal, ein Hüttenwartbereich und Nasszellen. Diese Gebäude wurden ebenfalls abgerissen und in das neue Hotel aufgenommen.

Die Wandanschlüsse im Übergang von warmen zu kalten Gebäudeteilen wurden mit Dämmelementen ausgeführt.

Foto: Photographie Michel Bonvin.

Hüttenräume sind durch unbehandelte Fichte dominiert

Moderne Technik trifft bei der neuen Hörnlihütte auf die Vergangenheit. Im neuen Teil der Hütte wird eine wegweisende Hüttenarchitektur sichtbar. Im Erdgeschoss befindet sich eine weitläufige Terrasse, an der sich der Empfangsbereich und die Küche anschließen. In den Obergeschossen gelangen die Bergbegeisterten zu den Gästezimmern und den Nasszellen. Eine Aluminium-Fassade verkleidet den viergeschossigen Holzanbau. Hier befindet sich die Haustechnik im Untergeschoss, das aus Beton errichtet wurde. Im Erdgeschoss ist der Speisesaal eingerichtet und in den oberen Stockwerken die Schlafsäle. Mit der sichtbaren Konstruktion aus Fichte im Erdgeschoss stand nicht das Wohlfühlambiente im Vordergrund. Die Wahl für den Baustoff Fichte war eher pragmatischer Natur und die Eigenschaften Robustheit, Einfachheit und Leichtigkeit waren ausschlaggebend für die Entscheidung. Stück für Stück wurde das Material mit einem Hubschrauber auf den Hörnligrad geflogen.

Modernisierung bietet autarke Versorgung der Hörnlihütte

Das alte Belvédère heizte im Aufenthaltsraum mit einem Schwedenofen und war nicht vollständig isoliert. Ein Dieselaggregat lieferte Strom und zum Kochen und dem Wasserboiler wurde Flüssiggas verwendet. Radio und Telefon wurden über Autobatterien betrieben. Nach dem Umbau sind auf den Dachflächen des Hotels Solarkollektoren angebracht. Gleichzeitig dient das Mauerwerk der außen gedämmten Gebäudehülle als thermischer Speicher. Dabei wird tagsüber die Sonnenenergie aufgenommen und in der Nacht an den Raum abgegeben. Ein Pelletofen wurde für kalte Tage integriert.

Bauphysikalische und statische Herausforderung im Hochgebirge

Der Ergänzungsbau wurde aus Ortbeton gegossenen und im Sockelbereich sichtbar belassenen. Errichtet wurde er auf geologisch anspruchsvollen Felsformationen. Eine bauphysikalische Herausforderung war dabei, dass die wertvolle Heizwärme aus dem Gebäudeinneren nicht in den Baugrund abfließt. Um dies zu erreich, mussten die Wärmebrücken auf ein Minimum reduziert werden. Dafür wurden spezielle Bewehrungen eingesetzt, die Stahlbetonwände und -stützen direkt und dauerhaft dämmt. Das gesamte Untergeschoss des Neubaus wurde als Betonwanne mit innen liegenden statischen und aussteifenden Betonteilen geplant. Für den Übergang an den Wandanschlüssen von warmen zu kalten Gebäudeteilen wurde die bewerten Dämmelemente eingesetzt. Durch diese Verbindung ist eine thermische Trennung der Bauteile auch im Hochgebirge möglich. Zudem wird das Risiko von Bauschäden durch ein gesundes Raumklima verringert. Da für das Wärmedämmelement für Stahlbetonwände derzeit noch keine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung für Deutschland (DIBt) besteht, muss der Einsatz mit dem Tragwerksplaner abgeklärt werden oder eine Zustimmung im Einzelfall über das zuständige Landesbauamt eingeholt werden.

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