Infrastructure Resilience: Wie digitale Werkzeuge Deutschlands kritische Infrastruktur zukunftssicher machen
Nathan Marsh, Regional Executive, Senior Vice President Europe, Middle East, Africa bei Bentley Systems, darüber, warum Infrastrukturresilienz zu einer der zentralen ingenieurmäßigen Herausforderungen dieses Jahrzehnts geworden ist – und was digitale Zwillinge, KI und vernetzte Daten dabei leisten können.
Foto: gc@grahamcarlow.com
Deutschland investiert massiv in seine Infrastruktur. Aber Investitionen allein bedeuten noch keine Resilienz. Wo liegt die Lücke?
Nathan Marsh: Das, was Deutschland hier angeht, ist in seiner Dimension historisch – über 500 Milliarden Euro für Schiene, Straßen, Energiewende und Digitalisierung. Doch die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung ist real. Ein Großteil der deutschen Infrastruktur wurde vor Jahrzehnten gebaut. Betreiber haben es mit Bestandsanlagen zu tun, deren historische Zeichnungen unvollständig sind, deren BIM-Modelle fragmentiert sind und deren Anlagendaten inkonsistent vorliegen. Infrastruktur lässt sich nicht resilient machen, wenn keine verlässliche digitale Datenbasis vorhanden ist.
Wie adressiert Bentley dieses Problem der fehlenden Datenbasis?
Nathan Marsh: Wir setzen an beiden Enden des Lebenszyklus an. Für Neubauprojekte bieten unsere Werkzeuge durchgängige digitale Kontinuität von der Planung bis zum Betrieb – mit auditierfähigen Workflows, offenen Datenstandards und vollständiger Lifecycle-Transparenz. Für Bestandsanlagen wandelt iTwin Capture Realdaten aus Drohnenflügen, mobilem Mapping und terrestrischen Scans in engineering-taugliche digitale Zwillinge für Brownfield-Standorte um. AssetWise legt darüber strukturiertes, standardbasiertes Anlagendatenmanagement – für vorausschauende Wartung und langfristige Modernisierungsplanung. Das Ergebnis: Eigentümer können digitalisieren, was bereits existiert, ohne auf einen Neubau warten zu müssen, um ihre digitale Reise zu beginnen.
Klimaresilienz treibt Infrastrukturentscheidungen in Deutschland zunehmend an. Was bedeutet das konkret für Ingenieure und Betreiber?
Nathan Marsh: Deutsche Infrastruktur muss heute Bedingungen standhalten, die vor einer Generation noch als Ausnahme galten – schwere Überschwemmungen, anhaltende Hitzestress, geotechnische Instabilität durch veränderte Grundwasserverhältnisse. Mit OpenFlows modellieren wir Hydrologie- und Hydraulikszenarien für Städte und Versorgungsunternehmen – Überflutung, Niederschlagswasser und Abwasser werden simuliert, bevor der erste Spatenstich erfolgt. Seequent in Kombination mit iTwin ermöglicht geotechnische und unterirdische digitale Zwillinge, die Bodenverhalten und klimagetriebene Untergrundrisiken abbilden. Die DB-Neubaustrecke Gelnhausen–Fulda ist ein konkretes Beispiel: Komplexe Untergrundverhältnisse erforderten eine präzise geotechnische Modellierung von 100 Bohrlöchern – für genaue Massenermittlungen und digitales Risikomanagement, das mit traditionellen Methoden schlicht nicht möglich gewesen wäre.
Asset-Risikomanagement ist eine weitere Dimension von Resilienz. Wie unterstützt Bentley Betreiber dabei, Investitionen in alternde Infrastruktur zu priorisieren?
Nathan Marsh: AssetWise liefert KI-gestütztes Anlagenrisiko-Scoring, das historische Daten, Sensormesswerte und Inspektionsergebnisse zusammenführt, um gefährdete Strukturen – Brücken, Bahnabschnitte, Pipelines – frühzeitig zu identifizieren, bevor es kritisch wird. Predictive-Maintenance-Modelle reduzieren ungeplante Ausfallzeiten und verlängern die Anlagenlebensdauer. Digitale Zwillinge ermöglichen kontinuierliche Optimierung: Betreiber können Leistungskennzahlen überwachen, Umwelttrends erkennen und Modernisierungsstrategien am digitalen Abbild testen, bevor kostspielige Eingriffe vor Ort erfolgen. Diese Kombination aus Voraussicht und operativer Intelligenz ist es, was Resilienz im großen Maßstab tatsächlich bedeutet.
Resilienz setzt voraus, dass die richtigen Daten zur richtigen Zeit den richtigen Personen zur Verfügung stehen. Wie löst Bentley diese Kollaborationsherausforderung?
Nathan Marsh: Hier wird unser Plattformansatz entscheidend. ProjectWise bietet eine kontrollierte Common-Data-Umgebung mit Governance, Versionskontrolle und vollständiger Auditierbarkeit in Multi-Stakeholder-Umgebungen – was in der deutschen öffentlichen Infrastruktur bedeutet: DB Netz, Autobahn GmbH, Kommunen und mehrere Auftragnehmerebenen gleichzeitig managen. iTwin verbindet diese Daten mit dem Geodaten-Kontext – was wir „Underground to Space“ nennen –, sodass jede Entscheidung in der vollständigen physischen Realität eines Projekts verankert ist. Das Berliner Projekt Siemensstadt Square veranschaulicht das gut: Eine 25-jährige städtische Entwicklung auf über 70 Hektar, bei der alle Beteiligten – einschließlich der Öffentlichkeit – verlässlichen, kontextualisierten Zugang zu Projektdaten über einen einzigen digitalen Zwilling haben. Diese Transparenz ist nicht nur gute Governance – sie ist eine Voraussetzung für langfristige Resilienz.
Wo möchte Bentley in drei bis fünf Jahren im deutschen Markt stehen?
Nathan Marsh: Unser Ziel ist es, die Standard-Enterprise-Plattform für große deutsche Infrastrukturprogramme zu werden. Der neue „Bau-Turbo“, die verpflichtende BIM-Einführung für Bundesprojekte und das neu geschaffene Digitalministerium unter Minister Wildberger zeigen alle in dieselbe Richtung: digitale Infrastrukturrealisierung im großen Maßstab. Wir investieren in lokale Expertise, Ökosystem-Partnerschaften und fortschrittliche Technologien, um der vertrauenswürdige Partner für diesen Wandel zu sein – nicht nur für den Neubau, sondern für den resilienten Betrieb der kritischen deutschen Infrastruktur über ihren gesamten Lebenszyklus.
Mehr zu den Infrastrukturresilienz-Lösungen von Bentley Systems: www.bentley.com