ANZEIGE 26.10.2020, 11:56 Uhr

Der Traum der Messemacher

Seit im Jahr 1885 in Leipzig das Konzept der Mustermesse erfunden wurde, sind Messen aus dem Wirtschaftsleben nicht mehr wegzudenken. So historisch die Idee auch sein mag, das Konzept des Messewesens hat es über die Jahrhunderte geschafft, den Märkten in Nischen und Spezialitäten zu folgen. Bis die Corona-Pandemie kam und zu einem nie dagewesenen Einbruch in Milliarden-Euro-Höhe geführt hat. Der Manager der noch jungen Messe für die Additive Fertigung, Formnext, Sascha Wenzler beschreibt seinen Umgang mit der Krise.

Messehintergrund

Messen haben es in der Coronakrise schwer. (Symbolbild)

Foto: panthermedia.net/adrianocastelli

Es glich einem Paukenschlag, als sich im Jahr 2015 ein Teil des Messewesens neu organisierte: Die Moulding Expo mit dem Werkzeug-, Modell- und Formenbau gründetet sich in Stuttgart und zeitgleich ging in Frankfurt mit der Formnext eine neue Branchenplattform für additive Fertigung und industriellen 3D-Druck an den Start. Nur fünf Jahre später müssen sich die Messen aufgrund der Kontaktbeschränkungen aufgrund der neuartigen Atemwegserkrankung COVID-19 ein zweites Mal neu erfinden.

Jablonski: Herr Wenzler, können Sie das Wort Corona noch hören?

Wenzler: Das können wir mittlerweile wohl alle nicht mehr hören, aber wir müssen damit umgehen.

Sie haben als Verantwortlicher der Formnext sehr lange an der Aussage festgehalten, dass die Messe in diesem Jahr als Präsenzveranstaltung stattfinden wird. Hätten Sie früher die Realitäten erkennen müssen?

Wir haben sehr bewusst lange am Ziel einer physischen Veranstaltung festgehalten, auch im Einklang mit unserem Ausstellerbeirat. Seit dem späten Frühjahr haben wir mit der Durchführung einer hybriden Veranstaltung geplant. Da war uns schon bewusst, dass die Welt nicht so bleiben wird, wie wir sie gewohnt waren. Aber eine hybride Veranstaltung zu planen, hieß ganz früh die komplette Messe umzugestalten: als physische Präsenzmesse aber unter einem ganz neuen Hygiene-Konzept. Hierfür haben wir gekämpft und von unserer Muttergesellschaft, den städtischen und Landes-Behörden grünes Licht bekommen. Nachdem Fallzahlen und Infektionsgeschehen nach der Urlaubssaison eine neue Dynamik bekommen hatten, mussten wir uns der Situation stellen. Zudem stellte sich die Frage, welche Firma noch ihre Mitarbeiter auf eine Dienstreise schickt…

…ein Aspekt, der aber doch schon sehr viel früher klar war. Daher nochmal die Frage: War es ein Fehler, so lange an der Präsenz-Veranstaltung festzuhalten?

Ich sehe es immer noch nicht als Fehler. Einige Firmen waren zurückhaltend, aber die definitiven Entscheidungen der Reiserestriktionen kamen erst noch einmal mit dem Wiederaufflammen der Infektionsherde. Hinzu kommt: Wir hatten uns von vornherein für ein „kleines Einzugsgebiet“ entschieden. Nicht ausschließlich regional, das würde der Formnext nicht gerecht werden, aber Deutschland und naheliegendes Europa als Teilnehmerkreis, aber auch hier war die Entwicklung letztendlich so dramatisch, dass wir handeln mussten.

Wo waren im Beirat denn die Unterstützer für eine Corona gerechte Durchführung und wer hat eher für eine Absage votiert?

Wir hatten die Unterstützung des gesamten Beirats. Die Diskussionen betrafen eher die Varianz der Stimmung. Auch die Absage haben wir gemeinsam beschlossen, weil jeder für sich am Ende zu demselben Schluss gekommen ist. Jetzt konzentrieren wir uns auf eine rein digitale Veranstaltung.

Was übernehmen Sie an digitalen Elementen aus der hybriden Planung? Oder verfolgen Sie einen komplett neuen Ansatz?

Ähnlich wie im Jahr 2015 mit der ersten Formnext haben wir eine Situation, in der wir innerhalb kürzester Zeit – wir haben noch acht Wochen – auf ein komplett neues Format umstellen. Im hybriden Denken war das Digitale für uns bewusst nur eine Ergänzung. Jetzt müssen wir den Dreh hinbekommen, eine komplett digitale Veranstaltung im virtuellen Raum zu kreieren. Das erfordert für uns ein Umdenken, das erfordert andere Funktionalitäten auf der digitalen Plattform, oder zumindest ein Hervorheben von Funktionen, die wir vorher so nicht gebraucht hatten.

Was ist das zum Beispiel?

Das ist zuerst einmal ein noch umfassenderes digitales Ausstellerprofil. Das zweite große Standbein betrifft das Thema Matchmaking, also eine Antwort auf die Frage, wie bringen wir einen Besucher mit seiner Frage bestmöglich mit einem Anbieter in Verbindung, – und zwar einem echten Menschen –, der seine Frage beantworten kann. Um das zu leisten, ist eine künstliche Intelligenz im Einsatz, die jetzt natürlich entsprechend gefüttert werden muss. Momentan investieren wir ebenfalls viel Energie in das Thema Content. Die Formnext kommt von Anfang an über Inhalte. Jetzt planen wir einen Mainstage-Stream, der an drei Tagen ein tagesfüllendes, abwechslungsreiches Programm bieten wird. Für die Auswahl haben wir unzählige Online-Meetings hinter uns und unzählige Online-Vorträge angehört. Wir sind dabei, Interaktion und Live-Elemente einzubringen. Dazu bauen wir hier in Frankfurt unser Additive-Manufacturing-Hauptstadtstudio auf, das mit Live-Elementen wie Interviews und Live-Schaltungen mit Overseas ein buntes Programm bieten wird.

Mit wie vielen digitalen Ausstellern und Besuchern rechnen Sie?

Da schauen wir ehrlich gesagt in die Glaskugel. Zwar kann die ganze Welt mitmachen, die Erfahrung aus anderen Veranstaltungen zeigt jedoch, dass die Teilnehmerzahlen nicht unbegrenzt sein werden. Vergangenes Jahr hatten wir 852 Aussteller. Allein der Kürze der Zeit geschuldet, werden wir jetzt nicht auch 852 digitale Aussteller bekommen. Ich gehe aber von mehreren Hundert Ausstellern mit einer entsprechenden Internationalität aus. Aber auch besucherseitig befinden wir uns im Experimentierfeld. Wir wissen selbst: Wer nimmt wie lange an Online-Meetings teil? Die Teilnehmer werden nicht morgens um acht kommen und bis abends um 18:00 Uhr bleiben. Dennoch rechnen wir mit mehreren Tausend Teilnehmern. Eine genauere Festlegung empfände ich als unseriös.

Sascha Wenzler an seinem Schreibtisch. Foto: privat

Sascha Wenzler an seinem Schreibtisch.

Foto: privat

Typischerweise planen Sie bei einer Messe im Jahresrhythmus ja während der laufenden Messe schon die nächste Veranstaltung. Haben Sie dazu eigentlich momentan den Kopf frei?

Ich glaube ich kann da auch im Sinne vieler Messe-Kollegen sage: Wir waren die Branche, die First-in und last-out bei dieser Krise waren. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass nach Corona alles wieder so sein wird wie zuvor. Es werden sich viele Dinge ändern. Das müssen wir schon jetzt durchdenken. Die digitale Begleitung wird bleiben und die Messewelt wird sich nachhaltig verändern und muss sich darauf einstellen. Aber klar ist auch: Das physische Zusammensein hat eine ganz andere Qualität. Auf einer Messe passieren ganz andere Dinge, wenn sich Menschen begegnen – das kann ein digitales Medium allein so nicht.

Wie sehen denn Grundzüge des Messewesens der Zukunft aus? Könnte sich in ein oder zwei Jahren der diesjährige Zwang zur Digitalisierung nicht doch mehr als Segen denn als Fluch erweisen?

Wir nennen es bei der Mesago den Three-Sixty-Five-Ansatz. Wir müssen über Zeiträume und Jahre denken, nicht mehr im Messerhythymus. Das wird es nicht mehr geben. Und es war ja schon immer unser Traum als Messemacher, die Zwischenzeiträume zu füllen. Da bietet es sich an, die Community mit digitalen Inhalten zu versorgen, Problemfragen mit Problemlösungen zusammenzubringen, mit Medien zusammenzuarbeiten und verschiedene physische Dinge zu kombinieren, wie wir es mit unseren Discover-Seminaren tun. Also eine kluge Kombination aus physischen Events, einer digitalen Strecke und einem Haupt-Event, auf das das Ganze dann einzahlt. Das wird die Zukunft sein.

Konkret planen Sie für 2021 das hybride Event, das dieses Jahr nicht stattfinden konnte?

Ja, wir denken die Corona-Bedingungen nach wie vor weiter. Selbst wenn eine Impfung kommt, dauert es, bis sie flächendeckend wirkt. Die Zeit von 2019 wird nicht wiederkommen.

Nehmen wir einmal einen Moment an, es gäbe kein Corona. Auch dann muss sich eine Messe weiter entwickeln. Welche Markt-Entwicklung wollen Sie in Zukunft verstärkt abbilden?

Da hilft ein Blick auf das Wesen der Additiven Fertigung: Sie ist hoch-flexibel. Sie ermöglicht eine völlig neue Supply-Chain. Sie bietet völlig neue Produkte mit ganz anderen time-to-marktes. All diese Vorteile helfen nicht nur aus der Corona-Krise heraus zu kommen. All diese Dinge müssen wir als Messe zeigen. Wir arbeiten daran, eine vollständige Prozesskette abzubilden und Fertigungsprozesse als Lösungen zeigen zu können. Das war ja genau der Weg, auf dem wir waren. Beginnend vom Design, über die neuen Materialien, die laufend dazu kommen, Preprocessing-Technologien, automatisierte Prozessschritte – wir wollen die Technologien je umfassender je besser und je internationaler je besser zeigen.

Gibt es bestimmte Schwerpunkte in Bezug auf Branchen, Technologien, Elemente der Prozesskette oder der Ansprache neuer Anwenderzielgruppen wie zum Beispiel dem deutschen Mittelstand?

Ja, wir gehen sehr gezielt vor. Weil Sie das Beispiel Mittelstand nennen: Auch hier ist das Wachstumspotenzial riesig. Daher schauen wir uns nicht nur die Highflyer der AM-Branche wie Aerospace an, sondern auch Industriezweige wie die Weiße Ware. Hinter diesen Industrien stehen Lieferketten, die wir erschließen wollen.

Aber wie erreichen Sie diese neuen Zielgruppen?

Beispielsweise mit den bereits erwähnten Discover-Seminaren. Oder nehmen Sie unsere Webinare, die wir unter anderem mit dem Fraunhofer Institut zusammen veranstalten. Ganz aktuell haben wir eine Med-Tech-Webinar-Reihe gestartet, mit einem Einstieg über Discover-3D-Printing, ergänzt durch Fokus-Seminare, die sich auf die Medizintechnik konzentrieren; zielgruppengerecht aufgebaut und eine kluge Kombination aus realem und virtuellem Event.

Und wie sieht es mit dem klassischen Maschinenbau aus? Viele Werkzeugmaschinenhersteller haben mittlerweile hybride Maschinen im Portfolio, die zerspanend und additiv arbeiten. Wie wichtig ist es für Sie, auch diese klassischen Zerspaner zu bekommen?

Zuerst einmal sehen wir uns nicht unbedingt im Wettbewerb zu arrivierten Metallbearbeitungsmessen, weil wir in diesem Fall ja gezielt nur die Hybrid-Maschine ausstellen wollen – denn sie erzählt die Formnext-Story. Darüber hinaus gibt es immer mehr Hersteller, die auch reine AM-Maschinen anbieten. Andere wiederum bieten eine konventionelle Nachbearbeitung an, die aber AM-spezifisch aufgesetzt ist. Die jeweiligen Konzerne möchten wir natürlich auf einer Formnext sehen, weil der Kunde genau danach fragt.

Viele Messegesellschaften gehen ja auch den Weg, ihr Geschäftsmodell zu exportieren. Wie gehen Sie damit um?

Diese DNA ist bereits in der Messe-Frankfurt-Gruppe mit vielen erfolgreichen internationalen Veranstaltungen vorhanden und gilt auch für uns. Beispielsweise findet Ende September unser Forum in Tokio statt, eine Konferenz mit begleitender Ausstellung. Hier geht es in der Hauptsache um den Austausch von Content. Oder die Rosmould in Moskau, in diesem September ausschließlich digital. Darüber hinaus war ursprünglich auch der Launch der Formnext-South-China in Shenzhen geplant. Auch hier kam uns Corona dazwischen. Diesen Messestart haben wir auf den nächsten September verschoben. Also, Sie sehen, es geht voran mit der Marke Formnext, wenn auch zeitlich verschoben oder etwas anders im Format.

In fünf Jahren von Plastik-Skeletten zum Marktplatz für industrielle additive Fertigung – wie lange dauert es, bis sie das gesamte Frankfurter Messegelände füllen?

Es wäre natürlich mein Traum das zu erleben und mitgestalten zu können, aber zum einen ist hier ist schon sehr viel Hallenkapazität (lacht) und zum anderen erzählen Aussteller momentan eher von Aufträgen, die von 100 Maschinen im vergangenen Jahr auf eine Maschine in diesem Jahr gekürzt wurden. Die Wirtschaft kommt aus dem Tal wieder heraus, was wir brauchen ist Geduld.

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