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Ausgewählte Ausgabe: 06-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Digitalisierung bringt die Produktion zurück

Eine aktuelle Studie im Auftrag des VDI zeigt: Digitalisierungstechnologien lassen Unternehmen wieder vermehrt in Deutschland investieren, denn sie steigern die Arbeitsproduktivität in den Betrieben signifikant. Daher gab es 2015 zahlreiche Produktions-Rückverlagerungen.


Der VDI präsentierte auf der „Hannover Messe“ Ausschnitte aus der Welt des digitalen Arbeitens.

Der VDI präsentierte auf der „Hannover Messe“ Ausschnitte aus der Welt des digitalen Arbeitens.

Zum Auftakt der „Hannover Messe“, Bild, stellte VDI-Direktor Ralph Appel eine neue Studie zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Produktionsstandort Deutschland vor. Zentrales Ergebnis: Der Einsatz von Digitalisierungstechnologien wirkt sich positiv auf die Rückverlagerung von Produktionskapazitäten nach Deutschland aus und bewegt Unternehmen dazu, wieder vermehrt hierzulande zu investieren.

Viele Rückkehrer aus der „EU 15“

Laut der Studie der Hochschule Karlsruhe und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI, die vom VDI in Auftrag gegeben wurde, gaben 2015 etwa 3 % der Unternehmen an, Rückverlagerungen durchzuführen. „Dies klingt im ersten Moment nicht viel – allerdings sind dies bezogen auf das gesamte deutsche verarbeitende Gewerbe immerhin 500 bis 550 Rückverlagerungen im Jahr“, erklärt Appel. Gleichzeitig bleiben die Verlagerungen mit circa 9 % der befragten Industriebetriebe seit 2009 auf einem gleichbleibenden Niveau. Deutlich gewandelt hat sich das Bild bezüglich der Herkunftsregionen von Rückverlagerungen. Die meisten „Rückkehrer“ kommen nun zu 32 % aus den „alten“ EU-Kernstaaten (EU 15). Dies ist ein Anstieg um immerhin 23 % seit 2009.
Auch der Trend zur Rückverlagerung aus Nordamerika hat mit 16 % einen Höchststand erreicht. „Politische Faktoren wie der anstehende Brexit oder die Trump‘sche Industrie- und Handelspolitik können für diese Veränderungen aufgrund des Zeitpunkts der Erhebung Ende 2015 noch nicht verantwortlich gemacht werden, möglicherweise aber veränderte Währungsrelationen aufgrund des steigenden US-Dollars“, so Appel.
Die verlagerungsintensivsten Branchen sind die Hersteller elektrischer Ausrüstungen (24 %). Mit schon deutlichem Abstand folgen der Fahrzeugbau mit seinen Zulieferern (18 %) und die chemische Industrie (16 %). Am seltensten verlagern Betriebe der regional orientierten Nahrungsmittelindustrie (1 %). Bei den Rückverlagerungen hat mit großem Abstand der Fahrzeugbau den höchsten Anteil (12 %). Überdurchschnittlich aktiv sind noch die chemische Industrie (6 %), die Hersteller von DV-Geräten, Elektronik und Optik (6 %) sowie die Hersteller elektrischer Ausrüstungen (6 %). Als Rückverlagerungsgründe wurden vor allem „Einbußen bei der Flexibilität und Lieferfähigkeit“ (56 %) und „Qualitätsprobleme“ (52 %) benannt.

Digitalisierte Unternehmen kommen eher zurück

In der Digitalisierung „fortgeschrittene“ Betriebe verlagern zehnmal häufiger Teile ihrer Produktion wieder an den deutschen Standort zurück als Betriebe, die in der Produktion keine Digitalisierungstechnologien nutzen. Prof. Dr. Steffen Kinkel von der Hochschule Karlsruhe und Autor der Studie sieht hierfür zwei Erklärungen: „Erstens bietet der Einsatz von Digitalisierungstechnologien eine erhöhte Flexibilität und Fähigkeit für eine individualisierte, kundenorientierte Produktion. Diese wird heutzutage immer wichtiger und erfordert für die Belieferung auch eine räumliche Nähe zum Kunden. Zweitens führt ihr Einsatz zu einer erhöhten Automatisierung und Produktivität des deutschen Produktionsstandorts, sodass der Lohnkostenanteil niedriger wird.“ Damit sind geringere Lohnkosten im Ausland weniger attraktiv und relevant. Zusätzlich werden Skaleneffekte wichtiger. Dies begünstigt Rückverlagerungen – und damit Beschäftigung in Deutschland.

Steigerung der Arbeitsproduktivität

Deutlich wird dies auch, wenn die Arbeitsproduktivität von Betrieben mit unterschiedlichen Nutzungsgraden von Digitalisierungstechnologien miteinander verglichen wird: In der Digitalisierung fortgeschrittene Unternehmen weisen eine um 27 % höhere Arbeitsproduktivität auf als Nichtnutzer. „Wenn alle Industrieunternehmen in Deutschland mindestens zwei oder drei dieser Technologien einsetzen, würden wir Produktivitätssteigerungen in Höhe von etwa 8 Milliarden Euro erzielen“, erklärt Appel. Eine mögliche Schlussfolgerung, dass digitale Technologien als „Jobkiller“ wirken, lässt der VDI-Direktor nicht gelten: „Unternehmen, die digitale Technologien nutzen, werden wettbewerbsfähiger, sind langfristig besser aufgestellt und sorgen mit ihren modernen Produktionsstrukturen weiterhin für Arbeit und Wertschöpfung am Standort Deutschland – so müssen wir die Zahlen interpretieren.“ B.E.

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