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Ausgewählte Ausgabe: 01-02-2016 Ansicht: Modernes Layout
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Mangelndes Verständnis für das „System Wasser“


Die Verknappung der Ressource Wasser und die daraus resultierende Wasserkrise ist laut dem Weltwirtschaftsforum erstmals das am meisten ernst zu nehmende Problem künftiger Generationen. Für den Global Risk Report hatten über 900 Experten Anfang des Jahres 2015 globale Trends aus Ökonomie, Umwelt, Gesellschaft, Geopolitik und Technologie analysiert. Wasserknappheit hat demnach nicht nur die höchste Eintrittswahrscheinlichkeit, sondern auch die potenziell gravierendsten Auswirkungen. Verteilungskämpfe und weitere Wanderungsbewegungen sind nur einige der möglichen Folgen.
Schon heute fehlt über einer Milliarde Menschen ein ausreichender Zugang zu sauberem Trinkwasser. Bis zum Jahr 2030 soll der Bedarf an Wasser die Verfügbarkeit um über 40 % übersteigen. Weil ein „business as usual“ bei Weitem nicht ausreicht, brauchen wir weltweit dringend eine höhere Wassereffizienz, mehr Wiederverwendung und technische Wiederaufbereitung sowie industrielle Wasserkreisläufe. Das wird nicht ohne massive Aufklärungsarbeit und Regulierungen gehen. Die Umsetzung im Markt hinkt dem immensen Bedarf weit hinterher. Und das, obwohl technische Lösungen existieren, die immer wirtschaftlicher werden, wie beispielsweise bei Verfahren zur Umkehrosmose oder der Ultrafiltration.
Momentan beschränkt sich der Einsatz von wiederaufbereitetem Wasser vor allem auf die Landwirtschaft und verschiedene Industriebranchen. Um das zu ändern, bräuchten wir gesetzliche Regelungen und Anreize. Ein Beispiel wäre eine zielführendere Gestaltung von Wassertarifen. Dies ist ein schwieriges Unterfangen, da es grundsätzlich am Verständnis für das „System Wasser“ mangelt. Hinzu kommt eine geringe Akzeptanz von wiederaufbereitetem Wasser als Trinkwasser. Warum sollte es keine verpflichtenden Quoten für die Aufbereitung geben oder Richt- und Leitlinien für die Effizienz?
Es existieren auch Entwicklungen, die Anlass zur Hoffnung geben: Immer mehr Länder machen den sparsamen Umgang mit Wasser zum Thema und fixieren zugehörige Maßnahmen in ersten Arbeitspapieren und Gesetzen. Das sind beispielsweise Australien, Singapur oder Mexiko. Was sind hier die Treiber? Australien ist von Natur aus ein wasserarmes Land. In Singapur sind die hohe Bevölkerungsdichte und die Abhängigkeit vom Nachbarland Malaysia ein wichtiger Grund. In Mexiko führte unter anderem übermäßiger Verbrauch zur einer staatlichen „2030 Water Agenda“. Singapur ist hier vielleicht das interessanteste Beispiel: Früher wurden 100 % des Frischwassers importiert, heute stammen 30 % aus der Wiederaufbereitung. Den Großteil davon nutzt die Industrie, der Rest wird nach hohen Qualitätsmaßstäben behandelt und dem Trinkwassersystem zugeführt. Das 2004 gestartete Zertifizierungsprogramm „Water Efficient Building” motiviert Unternehmen, Schulen und die Industrie, ihre Gebäude und deren Nutzer auf eine sparsamere Wassernutzung hin auszurichten. Der weltweit erste Wassereffizienz-Standard wurde hier entwickelt und seit drei Jahren der Industrie als Managementsystem an die Hand gegeben. TÜV Süd ist eines der ersten dafür akkreditierten Unternehmen. Da Kommunen und die Landwirtschaft bei der Wasserversorgung Priorität haben, ist oft die Industrie als erstes betroffen, wenn aufgrund von Mangel die Versorgung eingestellt oder rationiert wird. Ein Beispiel dafür ist Coca Cola in Indien. Laut der Behörden des Bundesstaats Uttar Pradesh soll der Softdrink-Hersteller für die Wasserknappheit in der Region verantwortlich sein. Das Werk wurde geschlossen.
Wassereffizienz, -wiederverwendung und -aufbereitung sind nicht nur eine Frage der Verfügbarkeit der Produktion und von Imageschäden oder Strafzahlungen. Sie betreffen auch die Betriebs- und Investitionsausgaben. Jeder Tropfen gespartes Wasser spart Produktionskosten. Drei bis vier Jahre Amortisationszeiten sollten für neue Technologien akzeptiert werden. Gerade weil die Zeit drängt und das Risiko entsprechend der immer knapper werdenden Ressource wächst, gilt es, früh zu handeln und mit dem richtigen Zeithorizont zu investieren.

Autoren

Dr. Andreas Hauser

Leiter Water Services, TÜV Süd AG, München

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