17.05.2013, 10:15 Uhr | 0 |

Fassadendämmung UN: Verbot für Flammhemmer HBCD ab 2014

Die Vereinten Nationen bannen den langlebigen Flammhemmer HBCD. Die Chemiefirma BASF bietet schon Polystyrol mit einem Ersatzstoff an. Umweltschützer klagen indes über Streitereien um Ausnahmen und sind zudem enttäuscht, dass mit Asbest weiter unreguliert gehandelt werden darf.

Fassadendämmung
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Dilemma Fassadendämmung: Energetisch sind Dämmplatten aus Polystyrol ein Segen. Aber durch das zugesetzte Flammschutzmittel HBCD werden sie bei einer späteren Sanierung oder beim Abriss des Hauses zu Sondermüll. Ein Ersatzstoff kommt 2014 auf den Markt.

Foto: dpa/Armin Weigel

Bis 2020 sollen Chemikalien weltweit so eingesetzt werden, dass Mensch und Umwelt nicht mehr gefährdet werden. Auf dieses Ziel hatte sich die Weltgemeinschaft 2002 auf dem Nachhaltigkeitsgipfel von Johannesburg geeinigt. Von diesem Ziel ist die Welt zwar weit entfernt, doch schrittweise geht es voran. Knapp 2000 Fachleute aus mehr als 160 Staaten berieten zwei Wochen lang in Genf, wie sich zwei weltweite Chemie- und ein globales Abfallabkommen verbessern lassen.

Zufrieden mit den Genfer Verhandlungen ist Juliane Koch-Jugl, im Umweltbundesamt (UBA) zuständig für das Stockholmer Übereinkommen. "Die Vertragsstaaten wollen bis 2017 überprüfen, wie wirksam die Konvention insgesamt ist, und sie ächten ein weiteres Umweltgift."

Das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) steht in einer Reihe mit Schadstoffen wie polychlorierten Biphenylen (PCB), DDT, einigen bromierten Biphenylen (PBDE) sowie Perfluoroktansulfonsäure (PFOS). Herstellung und Anwendung all dieser Stoffe sind weltweit verboten oder eingeschränkt.

Zu Recht werde HBCD weltweit gebannt, so Koch-Jugl. "Es ist ein langlebiges Umweltgift, reichert sich in Mensch und anderen Organismen an und steht auch im Verdacht, fortpflanzungsschädlich zu sein." Zudem werde es in entlegenere Gebiete verlagert. Von HBCD seien 2011 in China, Japan, den Niederlanden und den USA noch mehr als 30 000 t des Flammhemmers hergestellt worden, sagte Peter Dawson von der Umweltbehörde Neuseelands. Er hat für das "POPs Review Committee" (POPRC) einen Bericht über HBCD erstellt. Rund 90 % davon wurden Dämmplatten aus Polystyrol zugesetzt, um deren Entflammbarkeit zu erschweren.

HBCD-Verbot gilt ab Sommer 2014

Das HBCD-Verbot gilt grundsätzlich ab Sommer 2014. "Chemiefirmen und Anwender brauchen aber Zeit, sich umzustellen", betont Dawson. Jeder Vertragsstaat darf daher dem Sekretariat der Konvention mitteilen, dass in seinem Land noch fünf Jahre länger – bis Sommer 2019 – Chemiefirmen die Substanz herstellen und Häuslebauer HBCD-haltige Dämmungen verbauen dürfen.

Um Dämmplatten unterscheiden zu können, sollen HBCD-haltige etwa durch Einfärben markiert werden, so Koch-Jugl. "Bei Abriss oder Umbau eines Hauses kann dann sofort gesehen werden, ob mit HBCD-haltigen Platten gedämmt wurde, die eventuell als gefährlicher Abfall entsorgt werden müssen."

Eine Arbeitsgruppe des Stockholmer Übereinkommens wird jetzt Vorschläge erarbeiten, ab welchem HBCD-Gehalt eine Dämmplatte als gefährlicher Abfall gilt und wie dieser dann zu entsorgen ist.

Um die 5-Jahres-Ausnahme für Herstellung und Anwendung von HBCD wurde in Genf laut gestritten. Die EU erwog zwischenzeitlich zu beantragen, HBCD weiterhin für den Klimaschutz – also den Einsatz in Dämmplatten – herstellen und HBCD-haltige Dämmplatten recyceln zu dürfen.

Glaubwürdigkeit Europas leidet

"Diese Diskussion kratzt sehr an der Glaubwürdigkeit der Europäer", meint Alexandra Caterbow von der Organisation "Women in Europe for a Common Future". Sie wirft der EU vor, zwei Messlatten anzulegen. Die EU wolle weltweit Herstellung und Anwendung einer Chemikalie erlauben, deren Einsatz sie selbst unter der Chemikalienverordnung Reach ab August 2015 nur ausnahmsweise zulassen will.

Dies stieß bei afrikanischen Ländern auf Unverständnis. Sie fürchten, die EU würde HBCD in Afrika herstellen und die belasteten Dämmplatten bei ihnen entsorgen lassen, so Caterbow. Schließlich konnten sich in der EU Länder wie Deutschland in der Diskussion durchsetzen, die diese Ausnahmen für unnötig halten.

Dabei kann schon heute weitgehend auf HBCD-haltige Dämmplatten verzichtet werden. Polystyrol könne oft durch Glaswolle, Steinwolle, andere Kunststoffschäume oder Naturmaterialien ersetzt werden, so Dawson. Chemiefirmen suchten zudem fieberhaft nach harmloseren Flammschutzmitteln. Die BASF hat bereits damit begonnen, Polystyrol mit einem neuen bromierten hoch polymeren Flammhemmer auszustatten. Der Chemiekonzern rechnet hier mit einer kompletten Umstellung aller Produktionslinien bis 2014.

Moskitos werden resistent gegen DDT

Umstritten war in Genf auch der Bann des Insektizids DDT. Das Stockholmer Übereinkommen erlaubt, Malariamücken damit zu bekämpfen. Zurzeit vertrauen Indien und mindestens sieben afrikanische Staaten dabei DDT. Aber alle 54 afrikanischen Länder fordern bis 2020 zuverlässige Alternativen ein. "Denn DDT ist giftig, belastet die Umwelt und die Moskitos werden resistent", erklärt Stefanie Keller von der Schweizer Stiftung Biovision. "Die Vertragsstaaten haben diesen Vorschlag aber nicht akzeptiert."

Die Weltgesundheitsorganisation WHO und Indien, der einzige Staat, in dem DDT hergestellt wird, halten diese Frist für riskant, da lokale Gegebenheiten unberücksichtigt blieben. Immerhin, so Keller, beschlossen die Staaten, die Entwicklung alternativer Wege der Malariabekämpfung zu fördern. Dabei gehe es um mehr als um neue Insektengifte, ergänzt Carina Weber vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN). "Die Lösung der Malariabekämpfung ist die integrierte Vektorbekämpfung, kombiniert mit guter medizinischer Versorgung."

Kein Fortschritt bei Asbest

Keinen Fortschritt gab es hingegen bei Asbest. Asbestfasern dürfen in Deutschland seit 1995 und in der EU seit 2005 nicht mehr eingesetzt werden. Doch das krebserregende Mineral wird noch in Russland, Kasachstan, Brasilien oder China abgebaut. Rund 1 Mio. t Asbest wird weltweit gehandelt, 750 000 t davon stammen aus Russland. Schon seit 2005 will die EU den Asbesthandel im Rotterdamer Übereinkommen regeln. Die aggressivsten Formen des Minerals sind zwar bereits im Übereinkommen gelistet, nicht aber Chrysotil, die häufigste ebenfalls krebserregende Form.

In den letzten Jahren hatte stets Kanada – Asbest wird in der Provinz Québec abgebaut – gegen die Aufnahme von Chrysotil gestimmt. Jetzt übernehme Russland diese Rolle, sagt Caterbow. Es gehe um Geld: "Russland will seine Ausfuhren nach Indien oder Afrika nicht gefährden." Russland weigere sich anzuerkennen, dass auch Chrysotil gesundheitsgefährdend ist. Dort fehle ein Krebsregister, in dem etwa Lungenkrebs bei Bauarbeitern registriert wird. Das Problem: "Es genügt, wenn ein Vertragsstaat Nein sagt", erklärt Caterbow. Denn das Rotterdamer Übereinkommen arbeitet nach dem Konsensprinzip.

Altlasten müssen entsorgt werden

Es gibt weitere Probleme. Weltweit müssen noch viele DDT- oder PCB-haltige Altlasten entsorgt werden. Hier fehlt weiterhin Geld. Und die langlebigen organischen Schadstoffe PFOS und PBDEs finden sich in Alltagsprodukten wie Kleidern, Teppichen oder Ledersofas wieder. Noch weiß niemand, wie diese Produkte auch in Entwicklungs- und Schwellenländern gesammelt und umweltgerecht entsorgt werden können. Hier suchen Fachleute der Basler und Stockholmer Übereinkommen eine Lösung. In Genf reichte die Zeit dafür noch nicht.

Es scheint also utopisch, das 2020-Ziel noch zu erreichen. Doch Gordo Jain vom Bundesumweltministerium (BMU) bleibt gelassen: "Man muss einfach sehen, dass man vorankommt. Wir gehen in die richtige Richtung mit kleinen Schritten."

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Von Ralph H. Ahrens | Präsentiert von VDI Logo
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