11.02.2016, 11:59 Uhr | 0 |

CELLULOSE AUS SÜSSGRAS Für mehr Gefühl: Dünnstes Latex der Welt aus australischem Gras

Australische Forscher haben im Nanobereich eine Cellulose aus Gras gewonnen, die die Eigenschaften von Latex deutlich verbessert. Dünneres Material wird damit möglich, das feineres Gespür erlaubt – nicht nur in den Fingerspitzen bei der Arbeit mit Handschuhen. Aber auch.

Australiens Wahrzeichen Uluru (Ayers Rock)
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Rund um Australiens Wahrzeichen, den roten Berg Uluru, in Englischen Ayers Rock genannt, wächst das Urgras Spinifex in großen Mengen. Jetzt haben Forscher festgestellt, dass es die Produktion noch dünnerer Latex-Materialien erlaubt.

Foto: Michael Nelson/Parks Australia

Spinifex ist eine australische Urpflanze. Ein Süßgras, aus dem schon die Ureinwohner Harz gewonnen haben, um damit ihre Speerspitzen am hölzernen Schaft zu befestigen. Dass einmal Chemiker kommen würden, die aus dem Gras einen Nanozellstoff gewinnen würden, hätten sich die Ureinwohner wohl nicht träumen lassen. Forscher der Queensland University haben es aber getan.

Der Prozess, obwohl aus dem Bereich der Nanotechnologie, klingt so simpel, als könnte man ihn zuhause in der Küche machen. Dr. Nasim Amiralian erklärt ihn so: „Man hackt das Gras erst klein und zerdrückt es zusammen mit Natriumhydroxid. In diesem Stadium sieht es dann aus wie Papierbrei. Dann presst man es unter hohem Druck durch ein sehr kleines Loch, um die Nanofasern von dem Brei zu lösen.“ Fertig ist die Nanozellulose, die in einer einfachen Wasserlösung schwimmt und ebenso einfach einem wasserbasierten Gummi hinzugefügt werden kann.

20 Prozent mehr Druck ausgehalten

Dieses Additiv zeigt erstaunliche Qualitäten. Belastungstests ergaben, dass die Latex-Gras-Kombination 20 Prozent mehr Druck und sogar 40 Prozent mehr Volumenerweiterung aushält als herkömmliches Material. Da die Industrie aber nicht so sehr an stärkeren, sondern eher an leichteren und dünneren Materialien interessiert sei, will Forschungsleiter Prof. Darren Martin die Entwicklung in diese Richtung lenken. Um 30 Prozent dünneres Latex, das nur noch die Stärke eines menschlichen Haares habe, ist seiner Ansicht nach ohne Qualitätsverlust machbar.

Die Forscher arbeiten, sagen wir: extrem anwendungsorientiert. Ihre Erfindung haben sie eigens in den USA auf Geräten der Kondomindustrie getestet. Ein Hersteller aus der Branche hat das Forschungsprojekt auch schon finanziell unterstützt. Denn klar ist: Je dünner ein Kondom, desto weniger blöd fühlt es sich an. Und genau das will jeder Käufer. „Es geht da um einen Milliarden-Markt“, weiß Martin.

Wettlauf um das dünnste Kondom

Genau deshalb sind andere Anwendungsgebiete wohl auch eher nebensächlich. Ausgenommen Handschuhe aus dünnerem Material: Diese könnten Chirurgen mehr Fingerspitzengefühl verschaffen und sie bei der Arbeit weniger schnell ermüden lassen. Denn auch dafür könnte das neue Material geeignet sein.

Vorerst aber stürzt sich vor allem die Kondombranche auf die Erfindung. Der Wettlauf um das dünnste, praktisch unmerkliche Präservativ läuft seit der Erfindung des Kautschuks vor 160 Jahren. Vor gut zwei Jahren beispielsweise kam eine japanische Firma bereits mit einem Kondom auf den Markt, das nur ein Sechstel der Wandstärke herkömmlicher Produkte hat.

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Von Werner Grosch
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