04.02.2016, 07:55 Uhr | 0 |

Verstehen Sie Bahnhof? Verständlich: Software verbessert demnächst Lautsprecherdurchsagen

Am Bahnhof versteht man oft nur Bahnhof: Zu leise, zu laut, abgehackt und nuschelig – oft sind Lautsprecherdurchsagen auf Bahnhöfen bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und lassen den Reisenden am Bahnsteig irritiert zurück. Das hat Tradition. Mit der die Bahn brechen will. 

Plakat im Karneval: "Der Zug ist am kommen"
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Nicht nur an Karneval: Die Information "Der Zug ist am kommen" hören Bahnreisende am liebsten. Egal, ob die Grammatik stimmt oder nicht. Das an Bahnhöfen oft nur Bahnhof verstanden wird, hat andere Gründe. Eine neue Software soll künftig dafür sorgen, dass bei Lautsprecherdurchsagen nicht nur Wortfetzen den Zuhörer erreichen.  

Foto: Franz-Peter Tschauner/dpa

Sollen wir nun lachen oder weinen? Es sieht so aus, als könnten bald schon die Lautsprecherdurchsagen auf Bahnhöfen tatsächlich verstanden werden. Dabei sind wir es doch seit Jahrzehnten gewöhnt, nur Wortfetzen gepaart mit Störgeräuschen zu vernehmen. Und schon beim Knacken des Lautsprechers mit Extra-Adrenalin versorgt zu werden.

Auch die schnelle Kontaktaufnahme ohne Berücksichtigung jedweder Etikette stirbt damit wohl aus. Ein distanzloses „Wo müssen wir denn jetzt hin“, zum fremden Mitreisenden wird künftig wohl nicht mehr so schnell über unsere Lippen kommen. Dafür aber ein relaxter Bahnsteigwechsel gepaart mit dem Einstieg in den richtigen Zug. 

Für verständliche Lautsprecherdurchsagen soll eine neue Software sorgen. Der Trick: die Sprache wird an den Umgebungslärm angepasst. Auf diese Idee sind Forscher der Oldenburger Projektgruppe Hör-, Sprach- und Audiotechnologie des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie gekommen. möchten der Bahn, aber nicht nur ihr, jetzt dabei helfen, dass die Infos aus dem Lautsprecher tatsächlich beim Hörer ankommen.

Bahnhofsarchitektur hat fast immer mit Nachhall zu kämpfen

Die Ausgangssituation: Grundsätzlich müssen Bahnhöfe mit ihrer Hallenarchitektur fast immer mit dem Problem des Nachhalls kämpfen. Die vielen Störgeräusche im Bahnhof werden dann mit erhöhter Lautstärke aus dem Lautsprecher übertönt, was wiederum den Hall verstärkt. Das nennt sich verschlimmbessern.

In manchen Bahnhöfen, zum Beispiel in Düsseldorf und Köln, wurde deshalb nicht nur die Zahl der Lautsprecher deutlich erhöht, sondern auch deren Anbringung verändert. Sie befinden sich direkt über den Köpfen der Wartenden auf dem Bahnsteig und verbreiten ihr akustisches Signal nicht in alle Richtungen, sondern gezielt in eine Ebene – dort wo die Menschen sich aufhalten.

Die Projektgruppe des Fraunhofer-Instituts hat nun darüber hinaus eine Software entwickelt, mit der auch die Verständlichkeit der Sprache deutlich verbessert werden soll. Das gilt nicht nur auf Bahnhöfen, sondern auch für Konferenzen oder bei Gesprächen über Mobiltelefone. Der Kniff der Software besteht darin, dass der Lärm in der Umgebung über ein Mikrofon permanent analysiert und die Sprache in Echtzeit daran angepasst wird. „Dabei reicht es nicht, die Stimme über Lautsprecher oder Mobiltelefon einfach lauter zu machen, um den Lärm zu übertönen“, sagt Projektleiter Jan Rennies-Hochmuth. Dadurch wird die Stimme zwar lauter, aber nicht unbedingt besser verständlich, weil bei hohen Lautstärken die Boxen an ihre Grenzen stoßen und klirren.

Laute Sprachanteile werden gedämpft, leise Töne verstärkt

Vielmehr komme es darauf an, bestimmte Frequenzen gezielt zu verstärken. Vokale sind relativ tiefe und langgezogene Wortteile, die gut zu verstehen sind. Konsonanten wie „p“, „t“ und „k“ hingegen sind sehr kurz und haben höhere Frequenzen. Sie sind in lauter Umgebung meist weniger gut zu verstehen, für das Sprachverständnis aber sehr wichtig. „Unsere Algorithmen sind in der Lage, bestimmte Frequenzen zu gewichten und zum richtigen Zeitpunkt genau jene zu verstärken, die durch die Umgebungsgeräusche besonders gestört werden“, erklärt Rennies-Hochmuth.

Außerdem berücksichtigt die Software auch die unterschiedlich lauten Anteile des Sprachsignals. Die Sprachverständlichkeit erhöht sich vor allem dann, wenn laute Anteile gezielt gedämpft, leise Anteile gezielt verstärkt werden. Das ist beispielsweise auch dann wichtig, wenn man mit einem Mobiltelefon an einer lauten Straße telefoniert.

Im Schwarm werden genuschelte Bahndurchsagen besser entschlüsselt

Die neue Software ist laut Fraunhofer-Institut bereits anwendungsreif und steht Industriepartnern zur Verfügung. Da Mobiltelefone oder Anlagen für Konferenzen heute bereits eingebaute Mikrofone haben, bringen die Geräte schon die erforderliche Technologie mit, um den Umgebungslärm aufnehmen zu können. Für Lautsprecheranlagen auf Bahnhöfen oder in Flughäfen müssten zunächst zusätzliche Mikrofone installiert werden.

Ein Mann beobachtet am Montag (08.11.2004) im Ozeanpanoramabecken im Sealife in Speyer einen Schwarm Fische. Durch die gekrümmte Frontscheibe und zwei Spiegelwände links und rechts des Beckens entsteht beim Besucher der Eindruck, dass das Panoramabecken riesengroß sei. Foto: Ronald Wittek dpa/lrs
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Schwarmintelligenz soll es nicht nur bei Fischen geben. Auch Bahnreisende neigen gelegentlich dazu, diese zu entwickeln.

Foto: Ronald Wittek/dpa

Unverständliche Lautsprecherdurchsagen haben allerdings auch einen zwischenmenschlich positiven Effekt, der etwas über den Stress hinwegtröstet. Schwarmforscher der Humboldt-Universität Berlin haben vor zwei Jahren in einem Experiment Probanden mit absichtlich schwer verständlichen Durchsagen konfrontiert und sie anschließend gebeten, die Information möglichst wortgenau wiederzugeben.

Das Ergebnis: Die Rekonstruktion der Sätze in der Gruppe, bei der jedes Gruppenmitglied einzelne Satzfetzen beisteuerte, war in allen Fällen besser, als die Rekonstruktion der Individuen. Nicht immer hat es Vorteile, sich einer Gruppe anzuschließen. Aber bei genuschelten Bahndurchsagen lohnt es sich auf jeden Fall, andere Reisende zu fragen und ins Gespräch zu kommen. Und Technik hin oder her bei der Bahn, von einem Anti-Nuscheln-Kursus ihrer Mitarbeiter war bislang nicht die Rede. Da können wir wohl doch noch ein Weilchen gemeinsam rätseln. 

Wenn Zugführer witzig werden

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Apropos Durchsage. Auf seiner Facebook-Seite „Bahn-Ansagen“ sammelt der Journalist Marc Krüger lustige und schräge Durchsagen von Zugführern.
Einige Beispiele:
 „Können Sie mal bitte ihre Köpfe und Füße aus den Türen nehmen? Dann kann der Onkel weiterfahren!“

„Die schlechte Nachricht ist: wir sind elf Minuten zu spät. Die gute ist: Ihre Anschlusszüge haben noch mehr Verspätung!“

„Den IC, der uns gerade überholt, treffen wir in Rheine wieder. Da überholen dann wir.“

„Liebe Fahrgäste, unser Bierfass muss heute noch leer werden. Gerne erwarten wir Sie im Bordbistro in Wagen 26!“

„Wir haben heute etwas weißes Verzögerungspulver auf den Schienen!“

„Ich formuliere es mal positiv: Die Fahrgäste nach Neuss haben drei Minuten länger Zeit, ihr Buch zu lesen!“

Foto: Deutsche Bahn

Und hier finden Sie schon einmal die Verbindungen, bei denen Sie mit Durchsagen rechnen müssen, weil in diesem Jahr 850 Baustellen der Bahn deren Verkehr beeinträchtigen.

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Von Gudrun von Schoenebeck
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