03.09.2013, 12:54 Uhr | 0 |

App-Lösung für Blinde Navigation per Smartphone für sehgeschädigte Menschen

Ein mobiler Computer soll sehgeschädigten und blinden Menschen zu mehr und besserer Mobilität verhelfen. Eine Kamera übernimmt die Erkundung der Umgebung und gibt Informationen zur Orientierung in Echtzeit weiter. Die Software könnte auf jedes Smartphone geladen werden.

Navigationssystem für Blinde
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Eine Forschungsgruppe am KIT in Karlsruhe arbeitet an einer Software-Lösung für Smartphones, die Sehgeschädigten die bessere Orientierung erleichtert. Die Technik soll auch Hindernisse etwa in Augen- und Brusthöhe erkennen, die man mit einem Stock kaum erfühlen kann.

Foto: KIT/Angela Constantinescu/Daniel Koester

Das Projekt steht zwar erst am Anfang, aber Professor Rainer Stiefelhagen und seine Forschungsgruppe am Karlsruher Institut für Technologie haben genaue Vorstellungen, was die neue technische Mobilitätshilfe leisten muss. Ihr System „A Mobility and Navigational Aid for Visually Impaired Persons” soll sehbehinderten und blinden Menschen auch an fremden Orten die Möglichkeit zur sicheren Erkundung geben.

Kamera könnte erkennen, ob Person vor einer Bäckerei steht

Vor zwei Jahren begannen Stiefelhagen und sein Forscherteam mit der Entwicklung des neuen Mobilitätssystems. „Navigationsgeräte für blinde Menschen gibt es bereits“, erklärt der Ingenieur. „Aber unser Gerät soll  über die reine Navigation hinaus noch viel mehr können“, verspricht Stiefelhagen im Gespräch mit ingenieur.de. Zur Ausrüstung gehören zunächst eine Kamera und ein mobiler Computer mit entsprechender Software.

Die Kamera soll die Hindernisse auf dem Weg erfassen und identifizieren. „Mit dem Blindenstock ist es beispielsweise oft schwierig, Fahrräder zu erkennen oder Schilder, die auf Augenhöhe angebracht sind. Auch der Drücker an einer Ampelanlage ist für Blinde manchmal schwer zu finden“, erklärt Stiefelhagen. „Die Kamera soll später auch Gebäude und Texte erfassen und etwa erkennen, ob die Person vor einer Bäckerei oder einer Buchhandlung steht. Vorstellbar wären auch Informationen über andere Menschen, zum Beispiel, ob mich jemand direkt anschaut.“ Übermittelt würden die Nachrichten aus der Kamera über akustische und haptische Signale: Sprache, Warntöne oder Vibrationen.

Wichtig ist für Stiefelhagen die enge Zusammenarbeit mit den späteren Benutzern. „Unser System soll sich schon in der Entwicklungsphase an die konkreten Bedürfnisse der späteren Benutzer anpassen.“ Stiefelhagen selbst ist nicht nur der Inhaber des Lehrstuhls „Informatiksysteme für sehgeschädigte Studierende“, sondern auch Leiter des Studienzentrums für Sehgeschädigte und einer Forschungsgruppe zum Thema „Computer Vision for Human-Computer Interaction“.

Navigation per Smartphone möglich

„Es wird noch einige Jahre dauern, bis das neue Navigationsgerät nutzbar ist“, sagt der Professor, der zu einem späteren Zeitpunkt unbedingt auch externe Partner mit ins Boot  holen will. Bis jetzt haben er und seine beiden Doktoranden einzelne Funktionalitäten entwickelt und ausprobiert. Nächstes Ziel ist der Bau eines Prototyps, der auf dem Campusgelände in Karlsruhe durch Probanden getestet wird. „Das wird noch nichts Hübsches“, sagt Stiefelhagen, „sondern erstmal ein Laptop im Rucksack. Damit soll der Proband dann zunächst nicht die Hindernisse, sondern die freien Wege angezeigt bekommen.“

Später könne das System dann auch Kartenmaterial integrieren, um eine Person von A nach B zu navigieren. Eine Herausforderung sei es, die Mensch-Maschine-Schnittstelle praxistauglich zu machen, sagt der Professor. „Außerdem brauchen wir noch viel Rechenleistung. Ein Smartphone, auf dem wir die Software später auch installieren wollen, hat noch nicht die nötigen Kapazitäten dafür.“ Prinzipiell könne man sich das Smartphone als Navigationsgerät aber sehr gut vorstellen. „Sie sind weit verbreitet, haben in den gängigen Betriebssystemen bereits Vorlesesoftware integriert und die Bedienung des Touchscreens mit speziellen Gesten für blinde Benutzer ist auch möglich.“

Für die Entwicklung des neuen Systems hat die Forschungsgruppe von Professor Rainer Stiefelhagen nun den mit 83 000 US-Dollar dotierten „Google Faculty Research Award“ erhalten. Der Preis fördert einen Nachwuchswissenschaftler des Förderprojekts über ein Jahr.

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Von Gudrun von Schoenebeck
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