12.06.2013, 10:56 Uhr | 0 |

Offener Standard nicht genutzt E-Book-Hersteller setzen ganz bewusst auf inkompatible Formate

Obwohl das Standardformat EPUB3 hinsichtlich Interoperabilität und Kompatibilität alle Möglichkeiten für die Publikation elektronischer Bücher bietet, treiben Amazon und Apple ihre eigenen Formate voran. In einer Studie der Johannes Gutenberg-Universität kommen Forscher zu dem Schluss, dass dies aus Marketinggründen im Vordergrund steht.

Tablet im Cockpit
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Obwohl Tablets immer wichtiger werden und zum Beispiel im Cockpit die Handbücher ersetzen, sind iPad, Kindle und andere Tablets nicht kompatibel. Ein Dokument kann immer nur auf einem Gerät gelesen werden. Die Hersteller machen das aus Marketinggründen ganz bewusst, so eine neue Studie der Universität Mainz.

Foto: dpa/Jürgen Weyrich

"Gibt es Gründe für proprietäre Formate im E-Book-Markt?" – das war die Frage, die die zwei Forscher der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität, Christoph Bläsi und Franz Rothlauf, im Auftrag der Europäischen und Internationalen Buchhändlervereinigung (EIBF) beantworten sollten. "In technischer und funktionaler Hinsicht gibt es keinen Grund", fasst Christoph Bläsi das Ergebnis der Studie zusammen.

Wer bei den zwei weltbekannten Unternehmen Amazon und Apple ein Buch in elektronischer Form kauft, hat sich – bewusst oder unbewusst – für ein Lesegerät (Reader) und damit auch für ein bestimmtes Format entschieden, das mit anderen inkompatibel ist.

E-Book-Formate sind inkompatibel

Kleine Buchhändler befürchten deshalb, dass sie vom E-Book-Markt ausgeschlossen werden, denn sie können Kindle- oder iBook-Kunden nicht bedienen. Zudem gehe mit der Entwicklung geschlossener E-Book-Systeme ein Teil der Buchkultur-Infrastruktur verloren, klagt die Branche. "Den zwei Firmen geht es darum, die Kunden zu binden. Sie haben in die Entwicklung ihrer proprietären Systeme investiert und möchten ihre Investitionen schützen. Aber im Endeffekt werden die Wahlfreiheit der Leser und die kulturelle Diversität eingeschränkt", kommentiert Bläsi.

Dabei lässt das offene Standardformat EPUB3 des International Digital Publishing Forum (IDPF) kaum Wünsche offen. "Die Idee dahinter ist, dass viele Menschen möglichst hardware- und softwareunabhängig digitalisierte Werke lesen können", erläutert der studierte Mathematiker und Computerlinguistiker Bläsi. Neben der Transportabilität, die erlaubt, eine große Zahl Bücher (in elektronischer Form) überall mitzunehmen, beispielsweise in den Urlaub oder auf Dienstreisen, gehört die Interoperabilität zu den größten Vorzügen des Formats.

Mit dem nahtlosen Zusammenspiel zwischen verschiedenen Systemen, Techniken und Organisationen lassen sich viele attraktive Funktionen realisieren: die Darstellung unterschiedlichster Zeichensätze, die Schlagwortsuche, die Einbindung interaktiver und multimedialer Inhalte oder Kopier- und Markierungsmöglichkeiten. Letztere sind für das sogenannte "Social Reading" ideal, wenn der Anwender Markierungen hinterlegen oder Kommentare mit anderen teilen möchte. Blinden Menschen kommt die Vorlesefunktion zugute, Gehörlose können sich Videos mit beschreibenden Texten anschauen.

Mit EPUB3 steht ein offenes Standardformat zur Verfügung

Derzeit existiert kein Ausgabegerät, das alle EPUB3-Features unterstützt – die Beteiligten warten ab, wie sich der E-Book-Markt entwickelt. Dennoch wäre es für Amazon und Apple ein Leichtes, ihre Formate kompatibel zu gestalten und ihre abgeschotteten Systeme zu öffnen. Denn diese basieren auf den Vorläuferversionen von EPUB3. Doch selbst wenn die zwei Anbieter das offene Format unterstützten, reichte dies für eine umfassende Interoperabilität nicht aus. Das verhindern, so das Ergebnis der JGU-Studie, deren Maßnahmen, Urheberrechte zu schützen bzw. das Kopieren digitaler Daten zu kontrollieren.

Dies geschieht mittels einer auf die jeweiligen Reader und die eigenen Shops zugeschnittenen digitalen Rechteverwaltung. Das Verfahren, auch Digital Rights Management (DRM) genannt, stellt kein unüberwindbares Hindernis dar. Als Alternative böte sich eine Open-Source-DRM-Lösung an, die möglichst viele Reader unterstützt und Kopien für den Privatgebrauch erlaubt. Die Frage lautet dabei: Werden sich Amazon und Apple darauf einlassen?

Deren Antwort will die Buchhändlervereinigung EIBF nicht abwarten. Sie hat die Studie der Mainzer Professoren an EU-Kommissarin Neelie Kroes übergeben. Die Politikerin war in der Vergangenheit Wettbewerbskommissarin und verantwortet seit zwei Jahren die "Digitale Agenda" der EU. Sie ist damit zuständig für die Förderung und Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien und somit Europas Hüterin eines nutzerfreundlichen E-Book-Markts.

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Von E. Tsakiridou | Präsentiert von VDI Logo
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