02.10.2013, 11:38 Uhr | 0 |

Gesichter der Welt 1,3 Milliarden Facebook-Profile bilden das Welt-Kunstwerk im Internet

Es ist wohl das erste Kunstwerk der Welt, an dem fast 1,3 Milliarden Menschen mitwirken. Ohne es zu wissen. Und täglich werden es mehr. Die argentinische Künstlerin Natalia Rojas hat alle Facebook-Profile weltweit zu einem interaktiven Bild vereint.

Ausschnitt aus "The Faces of Facebook"
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Es ist ein Weltkunstwerk geworden: Die in Buenos Aires geborene Natalia Rojas hat ein Programm entwickelt, das alle Profilbilder auf Facebook zu einem einzigen Bild zusammenfügt. Hinter jedem der fast 1,3 Milliarden Pixel verbirgt sich das Profil eines Menschen.

Foto: Screenshot ingenieur.de

Beim ersten Blick auf das Werk „The Faces of Facebook“ sieht man allerdings erst einmal nur ganz viel bunt schimmerndes Grau. Das Bild der Welt ist ein großes Rauschen, ähnlich dem Bild nach dem Sendeschluss im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der 1960-er und 70-er Jahre. Von Kunst und Gesichtern keine Spur.

Wer das Werk entdecken will, der muss schon selbst aktiv werden und die Computermaus wie ein Lupe nutzen, um einen Blick auf die Gesichter dieser Welt zu werfen. Knapp 1,3 Milliarden sind es derzeit, die Rojas zu einem Bild zusammengefügt hat.

Es sind die Profilbilder, die die Mitglieder des Netzwerkes auf ihren Profilseiten eingestellt haben. Und es werden sekündlich mehr: Jeder neue Facebook-User wird auch gleich Teil des argentinischen Kunstwerkes. Von unten rechts, dem Eingang zum Kunstwerk, rücken die Neu-User nach. Alle streng geordnet nach ihrem Eintrittsdatum. Das ist auch der Grund, warum Facebook-Gründer Mark Zuckerberg so leicht zu finden ist. Er war natürlich der erste, der sich bei Facebook angemeldet hat. Und deshalb steht er in der oberen linken Ecke.

Wer sich nun auf die Suche begibt, der ist innerhalb weniger Sekunden wie auf einer Weltreise. Jeder Klick öffnet den Blick auf eine fremde Welt. Eine Galerie mit 120 kleinen Profilbildern öffnet sich nach dem ersten Klick. Und dann geht sie los, die Reise zu den Gesichtern dieser Welt. Wer könnte die Frau in ihrer Burka sein? Der Mann mit Bart auf dem Fahrrad? Was soll das Schaukelpferd als Profilbild? Und da ist auch Stefan Kießling, der Mittelstürmer von Bayer Leverkusen und aktive Facebooker.

Eine spannende Collage unserer Menschheit

Wer übrigens glaubt, dass Profilbilder immer einen Menschen im Profil zeigen, der wird sich wundern. Kinderfotos, Urlaubsbilder, Comic-Figuren, Schuhe, rosa Herzen, das Traumauto, ein Fußballtor, ein Strand, Schnee, eine Tasse Kaffee – sie ergeben zusammen mit den Portraits eine große Collage, sortiert nur und ausschließlich nach dem Datum der Anmeldung bei Facebook. Wer ein Bild anklickt, der taucht tief in die Facebook-Welt ein und gelangt von der Collage direkt ins soziale Netzwerk und das Profil des Menschen, der mich da anschaut. Eine Weltreise der besonderen Art.

Wer selbst Teil des Netzwerks ist, der profitiert bei diesem Kunstwerk von einigen Extras. Beim Klick auf das Ortssymbol oben rechts auf der Seite startet die Verbindung mit Facebook. Anschließend wird angezeigt, hinter welchem Pixel sich das eigene Profil verbirgt – ein winziger Punkt irgendwo zwischen Zuckerberg und dem neuesten Mitglied auf der Facebook-Zeitkarte. „You“ teilt uns das Kunstwerk mit. „Da bin ich.“ Ein schöner Moment. Und als Zugabe teilt das Werk mit, wer von meinen Freunden als erster bei Facebook angemeldet war. Schön, dass ich das jetzt auch weiß.

Künstlerin begegnet Datenschutzbedenken: "Entspannt Euch"

Die Künstlerin aus Buenos Aires, die heute in den USA lebt, nennt sich „Creative Technologist“ und produziert animierte Kurzfilme, etwa für Weltunternehmen wie Nike, Audi, Procter & Gamble, Intel, Coca-Cola und Bacardi. Natalia Rojas will mit ihren Kunstprojekten, Apps und Filmen überraschen und begeistern. Sie sei immer auf der Suche nach unerwarteten Möglichkeiten, schreibt sie auf ihrer Website.

„The Faces of Facebook“ ist schon jetzt ihr bekanntestes Werk. Und sie hat es ganz alleine geschaffen, ohne Hilfe von Facebook. Immerhin verrät Facebook dem Betrachter nicht nur das Profilbild und die Webadresse. Auch die bei der Anmeldung vergebene Facebook-Nummer ist abrufbar. Und da diese fortlaufend vergeben wird, hatte Rojas den Schlüssel gefunden, um ihr Werk zu programmieren. Die Gesichter von Facebook, geordnet nach Beitritt.

Dass Datenschützer nun aufschreien, dass Rojas öffentliche Bilder vereint, hat sie wohl erwartet und reagiert, wie das eine Künstlerin eben tut.  „Entspannt euch“, hat sie hinter den Info-Button des Kunstwerks geschrieben. Sie habe keine Bilder, Namen oder private Informationen gespeichert. „Das ist nur eine harmlose Möglichkeit, die Bilder der Facebook-Profile chronologisch zu ordnen und zu zeigen.“

Früher griffen Künstler noch zu Leinwand, Farbe und Pinsel, um ein Bild der Welt zu zeigen. Heute muss der Künstler programmieren können. Natalia Rojas kann’s.

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Von Axel Mörer-Funk & Andrea Ziech
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